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Unten: Wotan diskutiert mit den Riesen herum, links Freya mit eigenen Plänen. Oben: Hunding tötet Siegmund, rechts Brünnhilde mit eigenen Plänen.
„Rheingold“ in Karlsruhe
Kultur

Der Ring an einem Abend

Von Judith von Sternburg
16:52

Scheu, Neugier, Ratlosigkeit? Zweiteres doch am ehesten. Als vor inzwischen sagenhaften siebzehn Jahren der Stuttgarter „Ring“ begann, war es eine Premiere, die Planung der Richard-Wagner-Tetralogie auf vier Regieteams zu verteilen. Eine Methode, die eine Entlastung darstellt, auch den Druck rausnimmt, im „Rheingold“ schon eine genauere Vorstellung davon zu haben, wie es vier Abende oder vier Jahre später ausgeht, wie sich die disparaten Wotans fügen und die Bühnenbilder einen gemeinsamen Sinn ergeben sollen (auch Wagner hat das Werk schließlich nicht an einem Tag erschaffen). Ein Vorgehen aber auch, das Gelegenheit bietet, die einzelnen Opern auf ihre mögliche eigenständige Wirkung zu überprüfen.

Der Stuttgarter Sensation folgte zehn Jahre später eine etwas weniger Aufsehen machende Runde an der Aalto-Oper in Essen. Jetzt hat am Staatstheater Karlsruhe ein international orientierter Vier-Männer-Ring begonnen: Auf „Das Rheingold“ des Deutsch-Franzosen David Hermann sollen „Die Walküre“ des US-Amerikaners Yuval Sharon, „Siegfried“ des Isländers Thorleifur Örn Arnarsson und „Götterdämmerung“ des Österreichers Tobias Kratzer folgen. Alle Regisseure sind an deutschen Bühnen schon tätig gewesen, Folklore ist nicht zu erwarten, aber Abwechslung. Es wird einem auch klar, dass man selbst interessanten Opernmachern (und Kratzer zum Beispiel, der 2019 in Bayreuth einen „Tannhäuser“ zeigen soll, hat auf Wagner-Terrain schon Staunenswertes geleistet) nicht unbedingt direkt einen „Ring“ anvertrauen würde. Erst mal schauen.

David Hermann, Jahrgang 1977, beantwortet die Frage nach dem Sinn des Projektes nun äußerst direkt. Tatsächlich inszeniert er den kompletten Ring in „Rheingold“-Länge – das geht nur, wenn nichts mehr folgen muss.

Die Bühne (Jo Schramm) zeigt zwei Ebenen, anscheinend ein wilder Zufall der Natur aus Lava-Masse geformt. Auch der Rheinfels ist ein klumpenhaftes Objekt, das sich unorthodox in die Höhe ergebt, während die Rheintöchter – denen Erda schon zum Vorspiel den Ring zugeworfen hat – singen, unter dem Objekt regnet es, ein originelles Eingangsbild.

Nachher kann es bei Bedarf mehrere Schauplätze geben, und Hermann braucht sie. Siegfried und Sieglinde wimmeln lenzliebend durch das eheliche Geplänkel zwischen Wotan und Fricka. Wenn Fasolt und Fafner auf Wotans Vertragstreue beharren, geht einen Stock höher Brünnhilde Siegmund befehlswidrig zur Hand. Als Wotan Richtung Nibelheim abgeht, sieht er schon Jung-Siegfried neben der sterbenden Sieglinde liegen, und die Herzschläge des Babys, das er kurz hält, klingen wohl wie die Hämmerchen der Nibelungen.

Siegfried stürzt sich auf den kurzfristig in einen Lindwurm verwandelten Alberich und trifftblutüberströmt Wotan, der wie von ungefähr einen Stab in der Hand hält, welchen Siegfried mit Notung durchhaut. Als die Götter Alberich den Ring rauben, raubt Siegfried ihn bereits wieder Brünnhilde. Als Alberich denselben verflucht, ist Hagen zur Stelle und hört seinem Vater aufmerksam zu. Und man ahnt es womöglich schon, aber hat es noch nicht gesehen: Die „prächtige Glut“ des Abendrots, die am Ende von „Rheingold“ den Einzug nach Walhall beleuchtet, ist der Widerschein des Weltenbrandes, den Brünnhilde mittlerweile entzündet hat. Dieses Szene wäre sensationell, wenn die Götter nicht ein wenig läppisch zu Boden gingen, hingerafft wohl von einer Rauchvergiftung. Dafür tritt Erda als Trickkünstlerin auf und stellt wieder alles auf Anfang.

Der Gott mit dem Ass im Ärmel

An Konsequenz mangelt es nicht, auch nicht an kleinen Freuden für Wagner-Freunde und nicht an regelrechter Exegese, die uns im Konfirmandenunterricht begegnete, wenn Altes und Neues Testament fleißig in Zusammenhänge gebracht werden mussten. Bei Wagner und Hermann helfen die Leitmotive. Das ist beeindruckend und in dieser Ausführlichkeit hoch originell. Zum Plausiblen kommt zum Teil das Grandiose: Wotan, bevor er sein Enkelchen Siegfried gut gelaunt an die Brust drückt, hat vorher noch in einen kräftigenden Freya-Apfel gebissen (während die anderen Götter schon schlapp in den halbwegs schicken Möbeln hängen). Wotan, der Gott, der immer mehr als ein Ass im Ärmel hat.

Es gibt auch Nachteile: Hermann entwertet manche Szene – auffällig etwa bei Alberichs Fluch –, wenn das Auge nach Parallelen Ausschau hält, die von athletischen Darstellerinnen und Darstellern dezent Nibelungen-Stummfilm-haft gezeigt werden. Überhaupt wird kurioserweise ausgerechnet hier das „Rheingold“ selbst in der Deutungslust gewissermaßen übersprungen. Zudem würde ohne die reichhaltige Interpretation einiges unauffällig wirken, anderes aber nicht. Sehr profiliert etwa Freya, die endlich einmal offensiv in Fasolt verliebt ist. Eigentlich wusste man das schon lange. Gekonnt überhaupt die Personenführung. Konventionell die Kostüme von Bettina Walter, sowohl die historisierenden wie auch die Herrenanzüge.

Musikalisch ist Justin Browns Dirigat – wie schon beim letzten Karlsruher „Ring“, der keine Lichtjahre her ist – markant und zupackend. Etwas grob allerdings wird die Staatskapelle beim Vorspielbeginn. Aus dem soliden Ensemble ragt Matthias Wohlbrechts schneidender Loge heraus, Jaco Venter erfreut als rigoros sich reinwerfender Alberich. Renatus Meszars Wotan, als Leichtsinnspinsel sympathisch, bleibt sängerisch in der Premiere noch etwas glanzlos (vor allem nach hinten raus). Die ausgezeichneten Rheintöchter Uliana Alexyuk, Stefanie Schaefer und Katherine Tier machen klar, auf welchem Grundniveau an Staatstheatern Wagner heute besetzt werden kann.

Staatstheater Karlsruhe: 14. 20. Juli. „Walküre“-Premiere am 11. Dezember. www.staatstheater.karlsruhe.de

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