Ruhrtriennale
Kultur

Noch ein Grund zum Nachdenken

Von Harry Nutt
07:09

Die Verbindung von Kunst und Politik kann ein Schlüssel zur Welt sein. Immer häufiger aber wird man den Eindruck nicht los, dass es inzwischen auch darauf ankommt, den Schlüssel so weit wie möglich wegzuwerfen. Der bereits von der anti-israelischen Boykottbewegung BDS arg gebeutelten Ruhrtriennale in Bochum steht weiterer politischer Ärger ins Haus. Das Hezarfen Ensemble aus Istanbul hat sein für den heutigen Mittwoch angekündigtes Konzert im Rahmen des Festspielprogramms abgesagt. Das Ensemble werde nach Kriterien beurteilt, die nicht zu dem Programm – Vertreibung und Flüchtlinge – passten, erklärten die Musiker am Dienstag auf ihrer Internetseite.

Der Absage war ein Beitrag des türkischstämmigen deutschen Schriftstellers Dogan Akhanli in der „Welt am Sonntag“ vorausgegangen, in dem dieser die Verwendung des Begriffs „Umsiedlung“ im Festivalprogramm im Kontext des Genozids an den Armeniern vor mehr als 100 Jahren als verharmlosend kritisiert hatte. Das Hezarfen-Ensemble begründete seine Absage ferner damit, dass die sorgfältige künstlerische Arbeit für politische Schlagworte und Manipulationen verwendet werde, bevor sie überhaupt gehört oder gesehen worden sei.

Zum Selbstverständnis des Ensembles heißt es in einer Erklärung auf hezarfenensemble.com: „Unser Projekt Music of Displacement reflektiert die Konsequenzen von Vertreibung und drückt gleichzeitig den Reichtum einer uns alle verbindenden Menschlichkeit aus. Es gibt nicht nur einen, sondern sechs Komponisten, die für Vertriebene sprechen, darüber hinaus Dichter, die keine spaltenden, sondern zutiefst menschliche und nachdenkliche Werke erschaffen haben, welche sich mit diesem Schmerz auseinandersetzen.“ Das Projekt befasse sich sowohl direkt als auch poetisch mit dem vielleicht tiefgreifendsten Problem unserer heutigen Welt und lade das Publikum dazu ein, darüber nachzudenken.

Genau das scheint nun nicht mehr möglich. Den Zeitungsbeitrag von Akhanli wertet das Ensemble als Versuch, das Hezarfen Ensemble für politische Zwecke zu benutzen. Es gehe darum, mutmaßt das Ensemble, das Ansehen der Ruhrtriennale-Intendantin Stephanie Carp „zu beschmutzen“.

Außerdem verwahre man sich dagegen, „als einverleibter Beweis für andere Agenden“ benutzt zu werden sowie gegen den Versuch, „falsche Urteile und Annahmen über uns zu treffen, einfach weil wir ein Ensemble aus der Türkei sind.“

Der Schriftsteller Dogan Akhanli war 2017 auf Betreiben der türkischen Regierung mit einem Interpol-Haftbefehl in Spanien festgenommen und erst nach zahlreichen politischen Interventionen aus Deutschland wieder freigelassen worden.

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