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Siegfried ist tot, Kriemhild klagt an, alle hören es und hoffen, dass der Moment vorübergeht.
Sommertheater
Kultur

Aus dem Leben der Zwerge

Von Judith von Sternburg
11:19

Friedrich Hebbels „Die Nibelungen“ – hierin Wagners zeitnah entstandenem „Ring“ verwandt – spiegelt die Vorstellungen von Familie, von Männlich- und Weiblichkeit des 19. Jahrhunderts exemplarisch. Und beeinflusste (wie die Familie Wälsung-Gibichung) umgekehrt bis tief ins 20. (und letztlich 21.) Jahrhundert hinein die Klischees von schimpfenden, Ärger machenden Frauen und nicht sehr weitsichtigen, von ihrem Temperament und jenen Frauen in den Ruin getriebenen Männern. Dass es eigentlich um Ehre, Heldentum, Nation geht, kann davor geradezu in den Hintergrund treten, vor allem dann, wenn das Werk so zivil inszeniert wird wie jetzt bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel. Regisseurin Milena Paulovics und ein dem flotten Text gegenüber zu Recht genießerisch aufgelegtes Ensemble führen in einer technisch unkomplizierten, aber aufmerksamen Aufführung vor, wie glänzend Hebbel die Situation des Nibelungenliedes in den Griff bekam, was für eine spannende, psychologisch dichte Familiengeschichte er daraus wob.

Auf der Burgbühne ist großer Aufwand ohnehin nicht möglich, Ausstatterin Pascale Arndtz hat aber nützliche Bodenklappen vorgesehen, in denen nachher Leichen verstaut werden können. Auch gibt es einen rüstigen Schwertkampf und die attraktive Möglichkeit, Brunhild, Britta Hübel, auf der Burgmauer wohnen zu lassen. Dort umwabert sie etwas, das wohl Runengeraune zu nennen wäre, jedenfalls ist es vorzeitlich wie ihre eigenartige Amme, Sebastian Zumpe. Tief unter ihnen tippeln die heranrückenden Nibelungen auf dem Boden der Tatsachen wie Zwerge.

Es sind dank Arndtz aber schick gekleidete Zwerge, in martialischem Schwarz und ein bisschen eitel. Wie sie zuerst auf der Bühne lagern, könnte man sie für ganz böse Jungs halten. Würden sie mehr Zeit ins Training stecken als in ihre Frisuren, müssten sie dann auch nicht Brunhild und Siegfried als derart verlegen verschrecktes Häuflein entgegenblicken: König Gunter, John Wesley Zielmann (wallend, dazu ein Vollbart), der nicht kämpfen mag; Jung-Giselher, Sergej Czepurnyi (smart zurückgelegt), der gutmütig verliert; Spielmann Volker, Alexander Tröger (Achtziger-Jahre-Asymmetrie), der als guter Rhetoriker die Herrschaften erschreckt und lockt mit der Erzählung von der unbesiegbaren Frau im hohen Norden.

Männerängste spiegeln sich hier unterhaltsam und bestätigen sich nachher auch ungemütlich. Bei Hagen, Haare etwas widerborstig, verhält es sich anders. Es macht Spaß, Thorsten Danner schon vor dem ersten Satz zu identifizieren als Schurken vom Dienst, der aber kein Jago ist, sondern ein effizienter Diener seines Herrn. Auch er scheint für einen Moment nach Brunhild zu jiepern, aber dann ist auch schon gut. Als alles schiefgegangen ist, soll er es regeln (ohne die anderen da mit reinzuziehen, am besten). Im zweiten Teil wird er zur Kassandra, aber keiner hört auf ihn.

Siegfried, Felix Lampert, hat es nicht leicht gegen die schmucke, lebhafte Nibelungen-Phalanx, aber körperliche Kraft und ein großes Schwert sind nie von Nachteil. Hebbels Umkreisen der Peinlichkeit und Schmach sexuellen Versagen wird auch in Bad Vilbel nachvollzogen. Wir sehen Gunter nicht am Garderobenhaken zappeln, können es uns aber problemlos vorstellen. Demgegenüber sind Siegfried und seine Kriemhild, Laura Bleimund, das perfekte Liebespaar auf den allerersten Blick. Da Siegfried vor Liebe spontan verblödet, löst sich die Schnulze gleich in Spaß auf. Bleimunds Liebe, die furchtbaren Fehler, die sie macht, dann ihr Hass und ihre Untröstlichkeit sind so blank und rein wie ihr schneeweißes Kleid.

Alles ist lebendig und unverkrampft. Und auch der viel schwierigere zweite Teil (eigentlich schon dritte, aber das fällt in der erforderlichen Verkürzung nicht auf) wird mit Anstand absolviert. Der Besuch am Hof von Kriemhilds zweitem Mann endet in dem berühmten grausigen, aber eben auch irrwitzig sich hinziehenden Gemetzel. Hier verläuft es irgendwie geschäftig, auch wenn das Publikum aufjapst, als Hagen dem Söhnchen von Kriemhild und Etzel den Hals durchschneidet. Der heidnische Hunne Etzel, Martin Bringmann, hat seine wilden Zeiten hinter sich und ist optisch und im Gebaren ein höflicher, bescheidener Mann. Ein dezenter Kommentar zur Frage, ob die christlichen Gäste aus dem Westen zu Recht meinen, die Zivilisation für sich gepachtet zu haben.

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