© N. Klinger, FR
Christina Weiser und Rahel Weiss. (N. Klinger)
Staatstheater Kassel
Kultur

Die Macht der Dummheit

Von Judith von Sternburg
14:37

Lucy Kirkwoods „Moskitos“ wird zum Beispiel wirklich interessant, wenn es um die Dummheit geht. Dumm zu sein, gilt als großer Nachteil für das praktische Zurechtkommen auf der Welt. Das stimmt und stimmt nicht. Auch davon handelt „Moskitos“. Gegen Ende aber sagt die kluge zur dummen Schwester: „Du vergötterst die Dummheit ja förmlich. Du betest sie an. Wahrscheinlich bist du sogar regelrecht stolz darauf.“ Und: „Weil du schwach bist, glaubst du, du bist machtlos, aber in Wahrheit, und das macht mir wirklich Angst, bist du eine sehr mächtige Frau, Jenny.“ Da erschreckt man sich in diesen Tagen.

Zugleich ist Alices Ausbruch einer jener überraschenden und doch betrüblichen Momente, in denen „Moskitos“ eine Erkenntnis heraushaut und dann nicht wirklich etwas damit anfängt. Die Britin Kirkwood, Jahrgang 1984, hat viel untergebracht in ihrem Stück, das am Staatstheater Kassel in deutschsprachiger Erstaufführung zu sehen ist. Intendant Thomas Bockelmann führt zum Spielzeitbeginn Regie, herrlich zu sehen, wie er sich mit der seriösen Experimentierfreudigkeit des Erstaufführers auch auf Kirkwoods schräge Einfälle einlässt: Die Shiva-Nataraja-Statue (Lauren Rae Mace) beginnt tatsächlich zu tanzen, und Bernd Hölscher geistert als melancholisch-abgeklärtes „Boson“ im gedeckten Raumschiff-Enterprise-Dress (Kostüme: Claudia González Espíndola) durch die Szenen.

Vor allem aber geht es um drei Frauen auf einer Welt, die eine weiße Scheibe ist (Bühne: Mayke Hegger): Die kluge Alice, der Christina Weiser so viel Vernunft mitgibt wie möglich, wenn sie ja trotzdem ein Mensch und keine Behauptung sein soll (und sie ist ein Mensch); die dumme Jenny, die Rahel Weiss hingebungsvoll als liebe rosa Pest zeigt; ihrer beider Mutter Karen, Karin Nennemann mit stoischer Haltung, hinter der Karens Demenz lauert. Auch sie hat eine Geschichte, war eine glanzvolle Physikerin, aber den Nobelpreis bekam ihr Mann (unsichtbar wie alle Ex-Ehemänner außer Alices „Boson“).

Alice ist ebenfalls Forscherin geworden, am Cern in Genf – dem Ort der Handlung – hat sie den Teilchenbeschleuniger mitgebaut. Ihr Sohn Luke, der als pubertierender Knabe äußerst glaubwürdige Tim Czerwonatis, ist ebenfalls hochbegabt, aber schwierig. Jenny hat eher keinen Beruf, ist aber schwanger. Ihr Kind, das ist der tragische Kern der Handlung, wird später sterben, weil sie es nicht hat impfen lassen. Alice macht ihr monströse Vorwürfe. Die Szenen zwischen den Schwestern: markerschütternd aus dem Leben von Schwestern gegriffen (der Vertrautheit, der Empfindlichkeit, den Gefühlswogen), und in Kassel auch so gespielt.

Ihr detailreiches Nichtwissen und ihre Ängste hat Jenny aus dem Internet, das ist der bittere Kern auf der Bedeutungsebene. Die Informationstechnologie über- und unterinformiert gleichzeitig. Dass sich Kirkwood aus dem Fenster lehnt („Moskitos“, liest man, hat autobiografische Züge), ist weniger heikel als die Überfülle an Einzelheiten und Gedankensplittern.

„Moskitos“ macht neugierig, in Kassel bekommt man die aufmerksam vorbereiteten Schauwerte dazu, und erst gegen Ende spürt man vielleicht, dass es im Stück selbst bei Versatzstücken bleibt. Natürlich kann man immer einwenden, dass die Welt aus Versatzstücken besteht, aber Kirkwood scheint doch eher an eine Rundform gedacht zu haben. Der Kampf von Wissenschaft gegen die Ignoranz wird jedoch nur lose verknüpft mit der gegen Ende ins Soaphafte abrutschenden Familiengeschichte. Überhaupt gibt es ein irritierend sentimentales Moment, das in Kassel durch einen niedlichen Kinderchor verstärkt wird.

Staatstheater Kassel: 9., 19., 28. September. www.staatstheater-kassel.de

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