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Vielleicht helfen gegen Ghosting ja die Ghostbusters?
Times mager
Kultur

Geist

Von Stephan Hebel
07:45

Vor vielen Jahren gab es im Hessischen Rundfunk die schöne Sendung „Vom Geist der Zeit“, und wenn die Erinnerung nicht trügt, trug ein Sprecher den Titel fast so schön vor wie ein anderer Sprecher die Werbebotschaft „Im Asbach ist der Geist des Weines“: der Buchstabe „t“ (Geist/Zeit) so virtuos verzögert, als könnte man Konsonanten dehnen, dem Geist alles Geisterhafte austreibend und das Geistige oder gar Geistliche raumfüllend wirken lassend.

Kein Wunder, dass die „Zeit“ schon 1962 der Sendung „in unseren Funkhäusern Seltenheitswert“ bescheinigte: „Wie zufällig da doch oft die allfälligen Sendezeiten gefüllt werden! Das Gegenteil trifft zu auf die kulturpolitischen Kommentare des Hessischen Rundfunks. Längst hat es sich herumgesprochen unter Eingeweihten, deren Antennen von Frankfurt erreicht werden: Sonntagabends von 19.50 bis 20 Uhr lohnt sich’s, am Lautsprecher zu sitzen.“ Klugscheißer würden sagen: Tempi passati!

Heute wohnt der Geist bei Whatsapp und seine Schwester im Hause Tinder. Sie sind böse, die beiden, und schuld daran ist der moderne Mensch, dessen Antennen nämlich von nichts und niemandem erreicht werden, nicht einmal von Frankfurt.

Der moderne Mensch neigt zum Ghosting, wie das Times mager zufällig erfuhr, als die Verwandte R. die folgende Geschichte erzählte: Eines Tages habe sie sich für etwas interessiert, das von Privat zum Verkauf stand. Sie begutachtete das Stück, entzückt vom freundlichen Gespräch mit den Verkäufern, entschied sich aber dann doch dagegen. Und wie reagierten die Verkäufer, als R. ihre Entscheidung in herzlichem Ton übermittelte? Gar nicht. Das nennt man Ghosting, erwiderte darauf der Verwandte C., der sich auskennt im modernen Sprachgebrauch. Erst eine hübsche kleine Beziehung aufbauen, aber dann: Funkstille, Pause für immer, Ende. Keine Erklärung, keine Begründung.

„Unter dem Begriff Ghosting versteht man in einer Partnerschaft einen vollständigen Kontakt- und Kommunikationsabbruch ohne Ankündigung“, teilt Wikipedia mit, und in jugendorientierten Medien lesen wir die traurigsten Geschichten darüber, wie Menschen einfach aus dem Leben von Freunden und Partnern (weniger Kaufinteressenten) verschwinden. Sich zum Geist machen, könnte man sagen, obwohl es umgekehrt auch „jemanden ghosten“ heißen soll, egal.

Abhilfe ist allerdings vorhanden: „Mindestens mit einem SMS soll man erklären, dass man nicht mehr dieselben Gefühle hat“, sagt eine Psychologin in der Schweizer Zeitung „20 Minuten“. Eine SMS? Für ganz andere Gefühle? Für eine Zeitung, die „20 Minuten“ heißt, ist das schon ganz schön viel Text.

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