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Anstoß Kroatien. Darf sich ein boykottierender Fußballfan die WM-Spiele im Nachhinein anschauen?
Times mager
Kultur

Nachspielzeit für den WM-Boykotteur

Von Christian Thomas
11:40

Die WM ist abgepfiffen worden – doch für den Fan geht die fieberhafte Beschäftigung weiter. Darf er sich, der bei keinem Spiel live hingeschaut hat, Wiederholungen ansehen? Oder ist das brotlose Kunst? Oder macht er sich damit womöglich unglaubwürdig oder gar, weit schlimmer noch, lächerlich? Wie jeder Fan hat auch der WM-Abstinenzler eine innere Stimme, und die sagt ihm:

Eigentore sind eine Besonderheit des Fußballs – wäre es ein klassisches Eigentor, wenn der Fan jetzt die WM nachholte, Abend für Abend, jedenfalls die wichtigen Spiele? Die WM hätte dann ein heimliches Nachspiel. Denn wie soll der Fußballfan in den nächsten Wochen, wenn die WM weiterhin ein Thema sein wird, mitreden können? Wie in den nächsten Jahren über die größte WM aller Zeiten? Soll er dann schulterzuckend dabei stehen, quasi nicht mitspielen dürfen? Keine einzige WM-Minute am Fernsehen bedeutet bereits eine titanische Kraftanstrengung – das Nachspiel ist für jeden boykottierenden Fußballfan ein gigantisches Missgeschick.

Wiederholungen, heimlich? Oder sich flüchten in Anekdoten, etwa die über die „Station Russland“? So heißt die Ausstellung im Pavillon der Architekturbiennale von Venedig. „Station Russland“ ist die Inszenierung der russischen Eisenbahn, durch die das russische Reich erschlossen wurde. Der Pavillonbesucher steht mitten in der monumentalen Zurschaustellung der Kolonisation eines Reiches im 19. Jahrhundert. Stolze Sache.

Der russische Pavillon ist so wenig wie die Fußball-WM der Ort, um Russlands Probleme anzusprechen. Im Rückblick auf die Erschließung der Weiten Russlands wird die russische Größe in Szene gesetzt. Nicht nur Zarensache, großrussische Sache, heute.

„Station Russland“ steht auch auf dem Kugelschreiber, der dem Pavillonbesucher überlassen wird, so dass er sich damit seine Notizen mache. Der Kugelschreiber ist ein seltsames Ding, eines aus Kunststoff, recyceltem Papier, einem Klipp aus Holz. Bio-Mix steht auf dem Kolben, 70 Prozent Natur.

Auch für die Notizen zu seinen Russlandtexten hat der WM-Abstinenzler den Russlandkugelschreiber genutzt – und es ist ihm nicht die Schreibhand abgefallen, es sind ihm nicht die Finger abgestorben. Das ist natürlich eine maßlose Überspitzung. Zumal den WM-Abstinenzler manchmal das Gefühl beschleicht, dass er mit seinem Boykott übertrieben hat. Und dann wiederum, alles geht sehr schnell, gibt er sich der maßlosen Mutmaßung hin, er tue mit seinem Russlandkugelschreiber wer weiß was. Was? Etwas für die Völkerverständigung, in Schönschrift. Allerdings ist auch sie so etwas wie brotlose Kunst.

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