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Hinauf zur Sonne: Die "Parker Solar Probe" soll die Sonne erforschen.
Times mager
Kultur

Slowmozeit

Von Christian Thomas
07:11

Sie hat also abgehoben, mit Verspätung, wegen einiger Probleme in den letzten Sekunden des Countdowns. Aber für Houston kein wirkliches Problem. Denn die Sonde hat sich am Sonntag von der Erde prima gelöst und verkürzt seitdem den Abstand zwischen sich und der Sonne systematisch. Auf ihren Spezialmonitoren können Spezialisten dem zusehen, einem unendlich langsam sich dahinziehenden Geschehen. Die Sonde wie in Super-Slowmo, ein mit einer bisher nicht gekannten Hülle ummanteltes Staubkorn im Universum - das ist eine Metapher.

Die Augenzeugen an den Kontrollmonitoren werden damit, dass Tag für Tag, Stunde für Stunde alles gutgeht, einen Teil ihrer Lebenszeit zubringen, sieben Jahre lang, und sie werden dabei genug Zeit haben, sich mit der Frage zu beschäftigen, warum hier und da bereits von einem „heißen Ritt“ die Rede war. Metaphern, so hat der Mensch gelernt, liefern Orientierung, erst recht, wenn Raum und Zeit unvorstellbare Dimensionen annehmen. Auch hieß es, die Sonde berühre fast die Sonne, „fast“, jedenfalls auf eine Entfernung von sechs Millionen Kilometer. Vieles ist relativ.

Womöglich alles unter der Sonne? Der Raum dafür ist auf jeden Fall vorhanden, genug Zeit auch. Um sich zu orientieren, hat der Mensch schon allerlei Hebel in Bewegung gesetzt, und er hat sich nicht nur mit solchen Dingen befasst, die ihm vor die Füße fielen. Oder die er unter sich ließ. Aufschauend, hat der Mensch in der Sonne etwas Besonderes gesehen. Schon Platon machte das Gestirn nicht nur zum Mittelpunkt der Welt, sondern zum Urquell des Seins. Eine grenzenlose Ressource.

In seinem wunderbaren Buch über die Sonne hat der Schriftsteller Dieter Hildebrandt geschrieben: „Sonne und Erde – das ist vielleicht die grandioseste Zweierbeziehung im ganzen Universum.“ Natürlich ist das ein Satz aus einer eminent geozentrischen Perspektive, denn auch Hildebrandt erzählt, dass die Sonne immer wieder der Maßstab aller Dinge war. Sie wird es auch in den nächsten sieben Jahren sein, nicht anders als seit Jahrmilliarden. Man muss das nicht betonen, daran ist nichts verblüffend, nichts überraschend, auch nicht am dritten Tag der Mission von „Parker Solar Probe“. So heißt die Sonde, benannt nach dem Astrophysiker Eugene Parker, heute 91 Jahre alt und seit 1995 im Ruhestand. Anerkennung in Slowmo, zumal es, mit Blick auf die Lebenszeit so ist, dass die Zeit rennt.

Der Gedanke ließe sich fortsetzen. Die Lesezeit bis an diese Stelle des Times mager beträgt keine zwei Minuten. Wollte man das jetzt überprüfen – nicht auszudenken! Zeit ist nicht immer das, was man von der Uhr abliest.

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