© imago, FR
Zugegeben, so riesig sind wenige Handtaschen. Doch beim Kruscheln der Sitznachbarin in der Theatervorstellung wirkt jede Tasche überdimensioniert.
Times mager
Kultur

Taschen

Von Judith von Sternburg
11:04

Vorurteile gegen Frauen sind penetrant, und selbstverständlich kann keine Rede davon sein, dass alle Frauen (alle anderen Frauen also) während einer Theatervorstellung an ihren Taschen herumknubbeln, irre lange Reißverschlüsse öffnen und in einem Meer von greif-, aber gegenwärtig eben nicht sichtbaren Gegenständen nach einem Bonbon fischen. Angeln – eine Tätigkeit, für die man immer etwas Zeit mitbringen sollte. Sodann schließen sie den irre langen Reißverschluss wieder. Gewissermaßen gehört es sich ja so, aber zu hören ist es auch. Man selbst hört es nicht, wie man als stolze Besitzerin einer schmucken Reißverschlusstasche nicht zögern wird einzuräumen (ärger ist es aber mit der wunderschönen Klettverschlusstasche, einem Geschenk von lieber Hand, mit der man allerdings einen S-Bahn-Waggon in Panik versetzen kann).

Bei Männern ist das etwas anderes. Sie ziehen das Bonbon aus ihrer Hosentasche, müssen dafür ihren Ellenbogen allerdings circa dreißig Zentimeter auf das Terrain des Nachbarplatzes ausfahren lassen. Das ist logisch, dennoch fühlt man sich angepikst.

Im Resultat läuft es auf das Gleiche hinaus. Ein Husten, das im angenehmen Gefühl, gleich behoben zu werden, umso rüstiger ertönt, begleitet den Vorgang, in dessen Zentrum alsbald natürlich die langwierige Auswicklung des Bonbons steht.

Hier soll es aber – nicht zufällig im ambivalenten Vorgefühl des ersten überfüllten Premierenwochenendes zum Saisonbeginn in Frankfurt und Umgebung – nicht so sehr um die verdammten Nebengeräusche während einer Aufführung gehen, sondern um die immer wieder bedrängende Frage, wo Männer eigentlich ihre sonstigen Gegenstände haben. Welche sonstigen Gegenstände? Es lässt sich an Zweit- und Drittbücher denken (falls eines ausgelesen und das nächste schwach ist), an eine Illustrierte für zwischendurch, an Zubehör für kleinere Selbstmedikationen, an bei Gelegenheit durchzusehende Papiere. Vielleicht noch ein paar Kekse, ein Fläschchen Wasser, Papiertaschentücher. Ein Knirps. Denn man weiß nie. Bald aber weiß man auch nicht mehr genau, was sich in der Tasche befindet. Das ist ein wesentlicher Teil des Problems.

Die erste halbwegs seriöse E-Mail des Tages, 7.02 Uhr, betraf Boxershorts aus den Niederlanden, die anscheinend kleine Taschen haben. Offenbar ist das eine sympathische junge Firma, entstanden aus der Idee dreier Freunde, die zu dem Schluss kamen, Boxershorttaschen seien praktisch. Die Firma expandiere ständig, heißt es in der Mitteilung, sodass zu ahnen ist, dass auch Männer Bedarf an Stauraum haben, wenn sie unterwegs sind. Übrigens dauert es ein Weilchen, bis sie ihr Bonbon herausgegrabbelt haben, Geheimnisse der Männerhosentasche.

  Zur Startseite