Unter Tieren
Kultur

Für die Rinder macht es keinen Unterschied

Von Hilal Sezgin
16:45

Den ganzen Sommer über klagten die Bauern über Hitze und Dürre. In vielen Bundesländern fiel so wenig Regen, dass nur einmal Gras zur Heugewinnung gemäht werden konnte; Kühe, die sonst drei bis vier Mal dieselbe Weide abweiden, konnten dies vielerorts nur einmal. Die Erntemengen an Getreide sinken, somit steigt der Preis für Futtergetreide. Also „mussten“ viele Tiere geschlachtet werden. In Schleswig-Holstein „gingen“ 33 Prozent und in Niedersachsen 43 Prozent mehr Kühe zum Schlachter.

Die Bilder sind drastisch, der Tonfall betrübt. So berichtete der NDR aus einem Milchkuhbetrieb: „Auch Kirsten und Gerd Wosnitza wählen heute zwei Kühe aus, die frühzeitig gehen müssen. Insgesamt, so schätzen es die beiden Landwirte, wird es in diesem Sommer zehn Kühe treffen. „Das ist natürlich blöd“, sagt Kirsten Wosnitza. „Die sind noch fit und trotzdem müssen wir sie wegschicken.““ Und topagrar.com, das Online-Magazin der Agrarindustrie, bebildert eine Nachricht zum selben Thema mit dem Foto einer Kuh, die mühsam die Rampe zum Viehtransporter raufkraxelt. Ihre Beine drohen grätschenartig davonzurutschen, der Landwirt stützt sie dabei mit einer Hand von hinten. Tristesse pur.

Dieses zur Schau gestellte Trauern über das „Gehen-Müssen“ finde ich zutiefst unaufrichtig. Tiere „gehen“ nicht zum Schlachter, sondern sie werden auf die Transporter gelockt, gezogen oder getrieben; und zwar von Leuten, die ja ohnehin vorhatten, sie zum Schlachthof zu bringen, nur halt etwas später. Wenn nun vermehrt Kühe geschlachtet werden, die ansonsten noch eine Zeitlang Milch geben könnten, drückt dies die Preise für Rindfleisch weiter nach unten. Die Klagen der Landwirte gelten diesem Preisverfall und der verkürzten Kette der ökonomischen Wertschöpfung – nicht etwa dem Tier. Daher sollten sich diejenigen Menschen, die es zu ihrem Beruf gemacht haben, Tiere nach ihrer Leistung zu züchten, auszubeuten und dann „wegzuschicken“, doch bitte einmal vor Augen führen, dass es für die Rinder keinen Unterschied macht, aus welchem exakten ökonomischen Grund sie geschlachtet werden: Ein gewaltsamer, grausamer Tod ist es allemal.

Auch die Konsumenten und Konsumentinnen sollten sich fragen, warum sie der „verfrühte“ Tod der Tiere nun plötzlich rührt, wenn sich das alltägliche Grauen in den Schlachthöfe anscheinend prima ignorieren lässt. Von den Anzeichen des Klimawandels aufgeschreckt, legen sich viele Verbraucher und Verbraucherinnen zum Trost noch ein weiteres Steak auf den Grill. Dabei zeigen sie sich unbeeindruckt von dem Faktum, dass der Verzehr tierischer Nahrungsmittel ein Hauptfaktor eben dieses Klimawandels ist, und dass das Tier, von dem das Steak stammt, einen brutalen und, gemessen an der möglichen Lebensdauer, verfrühten Tod starb.

Können wir bei dieser Diskussion also bitte endlich ehrlich sein? Der Mangel an Gras und Heu betrifft zwar auch Schafe und Pferde, aber vornehmlich Rinder. Denn das Futter für Schweine, Puten, Hühner und Fische wird ohnehin zugekauft. Rund um den Globus werden Anbauflächen von gewaltigem Ausmaß nur für den Anbau von Futtermitteln gebraucht. Wenn wir nicht Masttiere damit füttern würden, könnten wir, je nach Schätzung, noch zwei bis vier Milliarden Menschen mehr ernähren. Sobald in Deutschland aber die Ernte knapper wird, kaufen hiesige Bauern Getreide eben aus dem Ausland, so wie sie es ja auch mit Eiweißfutter (Stichwort: Gensoja aus Brasilien) tun. Wir in Deutschland müssen nicht hungern, wir werden kein einziges Brot weniger in den Regalen finden – die Bewohner ärmerer Länder baden die Folgen unserer Wirtschaftspolitik aus.

Und wild lebende, einheimische Tiere. In vielen Bundesländern wurden jetzt so genannte ökologische Ausgleichsflächen zur Futtergewinnung freigegeben; das sind verhältnismäßig geringe, vom Staat prämierte Flächen, die ein Landwirt der Tierwelt zum „Ausgleich“ für die weitgehende Belegung und Ausbeutung hiesiger Flächen belässt. Im Klartext heißt das: Die von der Landwirtschaft in die Enge getriebenen frei lebenden Individuen und Arten verlieren jetzt noch ein wenig mehr Lebensraum. Die Wälder und Stoppelfelder sind trocken, die Wiesen ratzekahl abgemäht. Eine Nachbarin erzählte mir, dass in diesem Jahr erstmals Rehe in ihrem Garten auftauchen und die Blumenrabatten auffuttern. Eigentlich sind es die Tiere, die klagen müssten. Wenn wir Menschen uns alles unter den Nagel reißen – wo sollen sie leben, was sollen sie essen?

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