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„Ein feste Burg ist unser Gott“ über dem Portal der Georgenkirche in Eisenach (Thüringen).
Kultur

Von der Festeburg zur Wagenburg und zurück

Von Hans-Klaus Jungheinrich
16:27

Felix Bohemia! Die Tschechen haben nicht nur ein musikalisch-symphonisches Nationaldenkmal von unkorrumpierter Schönheit, nämlich Bedrich Smetanas Zyklus „Ma vlast“ („Mein Vaterland“ mit dem prominentesten Satz „Die Moldau“), sondern darin integriert ein besonderes nationalkulturelles Monument: die trutzige Melodie des Hussitenchorals „Die ihr Gotteskämpfer seid“, der die beiden Schlusssätze „Tabor“ und „Blanik“ motivisch beherrscht.

Eine eigenartige Konstellation: Anders als in Polen ist der Katholizismus in Tschechien keine im Innersten des Nationalcharakters verankerte institutionalisierte Ideologie, sondern eher gegenreformatorischer Import, der mit der einstigen österreichisch-habsburgischen Dominanzmacht identifiziert wird. Der hussitische „Taborismus“ gehörte in Smetanas Zeit zu den Batterien eines imaginären tschechischen „Barbarossa“-Kultes, der sich in hoffender Wartestellung auf Befreiung und tschechische Autonomie wach hielt. Die einst glorreich untergegangenen Hussiten, Sieger von morgen?!

Jan Hus war gut hundert Jahre vor Luthers Thesenanschlag von den katholischen Schergen des Konstanzer Konzils wider das zugesicherte freie Geleit festgenommen und verbrannt worden. Mit zunehmendem Abstand zu Rom war Hus für Luther zu einem wichtigen kämpferischen Vorbild geworden. Auch die Theologie des Böhmen betrachtete er mit Sympathie, während er dessen politischem Rigorismus misstraute. Schon vorher hatte es in jener Region von der Papstkirche auffällig abweichende theologische Strömungen gegeben, im 13. Jahrhundert etwa die böhmisch-mährischen Brüder, die, über allerlei historische Fährnisse hinweg, in unabhängigen Gemeinschaften des 18. Jahrhunderts fortlebten.

Martin LutherEin feste Burg

 Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind
mit Ernst er’s jetzt meint,
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht
seinsgleichen. Mit unsrer Macht ist
nichts getan,
wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann,
den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er
behalten. Und wenn die Welt voll
Teufel wär
und wollt uns gar
verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn
fällen. Das Wort sie sollen lassen stahn
und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf
dem Plan
mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin,
sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.
Martin Luther

Lutherisches Gegenstück zu dem von Smetana symphonisch verklärten Hussitenchoral ist natürlich „Ein feste Burg ist unser Gott“, das Bekenntnis- und Kernlied der deutschen Reformation, das Heinrich Heine, später gerne auch von den Marxisten  zitiert, als die „Marseillaise des 16. Jahrhunderts“ bezeichnete. Über Bach und Mendelssohn bis in die jüngste Zeit hat dieser Choral ein bedeutsames Nachleben in der Musikliteratur. Am nächsten verwandt mit Smetanas Taboritenbegeisterung ist wohl Mendelssohns symphonischer Lutherenthusiasmus in seiner „Reformationssymphonie“, die ihre Bekrönung selbstverständlich mit diesem Choral findet. Doch so unberührt von historischen Verwerfungen wie Smetanas Hussitenüberhöhung blieb die Reformationshuldigung des zum Protestantismus konvertierten Sohnes einer kultivierten und assimilierten jüdischen Berliner Bankiersfamilie nicht.

Eine deutschnationale, erst recht eine nationalsozialistische Vereinnahmung dieses Lutherliedes ließ sich nicht mit Mendelssohn verbinden. Diese Karriere wurde dem Choral aber oktroyiert, nicht erst von den Nazis, sondern auch schon vom wilhelminischen, gegen alles („transmontan“) Katholische eifernden „Kulturprotestantismus“. „Der altböse Feind, mit Ernst er’s jetzt meint“: Die Zeile war als Franzosenhass stimulierendes Motto gut verwendbar im Ersten Weltkrieg. „Und wenn die Welt voll Teufel wär“: Das sollte dann die Zauberformel des paranoiden späten Hitler-Imperiums werden, als sich das Feste-Burg-Gefühl längst zur Wagenburgmentalität verengt hatte. Ganz unschuldig ist Luther an den bedenklichen bis perversen Adaptationen dieses Liedes nicht. Durch sein Denken, seine Schriften weht unverkennbar ein aufs „Deutsche“ fixierter Zug.

Erstaunlich ja, dass von seiner frühen Romreise, die der Legende nach sehr wichtig für seine Persönlichkeitsentwicklung gewesen sein soll, kein persönliches Zeugnis dokumentiert ist. Keine Spur Goethescher Italophilie, aber auch kein erkennbar und produktiv aufflammender Papsthass. Ganz unfreiwillig wohl wurde Luther eine geschichtliche Erscheinung, deren Bedeutung weit über die deutschen Länder hinausstrahlte.

Immerhin gehörte der Tscheche Hus zu den reformatorischen Anregern. Luther bearbeitete dessen Abendmahlsweise „Jesus Christus, nostra salus“ in seinem Lied „Jesus Christus, unser Heiland, der von uns den Gotteszorn wandt“, das dann J. S. Bach in zwei Kompositionen (BWC 665a und 666a) aufgriff. Lutherchoräle bilden, neben denen des hundert Jahre jüngeren Paul Gerhardt, den Grundstock der geistlichen Musik von Bach. Das betrifft sowohl das Orgelwerk, das etwa zur Hälfte aus „choralgebundenen“ Kompositionen besteht, als auch die Chorwerke (Kantaten, Oratorien, Passionen).

Eingriffe in Luthertexte sind freilich immer Fehlgriffe

Bemerkenswert ist, dass die ursprünglich eher „tänzerische“ Rhythmisierung der Choralsubjekte in ungleichen Notenwerten bei Bach fast durchweg zu eherner Gleichförmigkeit geronnen scheint – so etwa, wie sich im Gemeindegesang die rhythmische Nivellierung eingeschliffen hat. Man muss das nicht als eine Art ästhetischer Schwundstufe sehen. Die rhythmische Nivellierung fördert bei Bach einen auf auratische Objektivität zielenden Materialcharakter, der die lapidare Simplizität der Choralweisen umso nachdrücklicher von der entfesselten Komplexität der sie einkleidenden und umgebenden Polyphonie abhebt. Bei neueren Gesangbuchreformen in der Mitte des letzten Jahrhunderts wurde versucht, die originale, unregelmäßigere Luther-Rhythmik für den Gemeindegesang wieder zu aktivieren: mit höchst schwachem Erfolg, wie jeder Gottesdienstbesucher bezeugen kann.

Luthers Musikalität (schon von Jugend an war er ein geschickter Lautenspieler) gehört sicher zu den liebenswertesten Wunderwaffen der Reformation; bei Zwingli oder gar Calvin gab es keine ähnlichen Affinitäten. Luther war mithin nicht bloß ein hochbegabter Sprachschöpfer, sondern auch ein quasi professioneller Musiker, der zu erstaunlichen Melodieerfindungen fähig war (wobei er aber auch kompetenter Helfer wie Johann Walter fand). Eine der interessantesten Melodiegestaltungen weist „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ auf, anhebend mit einem Quartsprung abwärts und gleich zwei Quartsprüngen aufwärts – dabei könnte man fast schon an die aus der Tonalität ausbrechenden Quartenfanfare von Schönbergs 1. Kammersinfonie denken.

Innig mit dem Text verbunden ist die vom Spitzenton abwärts schwebende Melodie des Weihnachtschorales „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Dabei handelt es sich allerdings um die Übernahme eines älteren Volksliedes. Dieses Lied zeigt sich in seiner detailreich anschaulichen Betrachtung der Weihnacht als eine besonders herzliche Dichtung. Nach vielen Strophen einer geradezu obsessiv auf die Geburt in der Krippe konzentrierten Jesusminne fehlt in der abschließenden Konklusion die Universalisierung des Heilsgeschehens nicht – der Autor und der Andächtige schweben sozusagen in den Himmel zurück und resümieren von oben: „Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, der uns schenkt seinen ein’gen Sohn, des freuet sich der Engel Schar und singen uns solch neues Jahr“.

Mit über 30 eigenen Kirchenliedern schuf Luther einen Fundus, mit dem sich reformatorische Gottesdienstpraxis bedeutend initiieren und beleben ließ; auch als privater geistlicher Hausschatz mochten die Choräle vortrefflich zur Andacht dienlich sein. Es handelte sich im wesentlichen um Psalmlieder, Lieder zum Kirchenjahr und Katechismusgesänge. Klar, dass sich in den letzteren am nachdrücklichsten die lutherischen Glaubenssätze manifestierten. Man sprach dabei nicht zu Unrecht von „gereimter Theologie“, ja von Dogmatik in Choralgestalt. In späteren Zeiten erschien dabei manche Lutherformulierung als engstirnig, anstößig, rechthaberisch, veraltet. Die alleinige Rechtfertigung durch den Glauben, das unstillbare Sündenbewusstsein, die buchstäbliche Verwandlung von Wasser und Wein in den Leib und das Blut Christi beim Abendmahl, die Jungfrauengeburt Jesu und vieles andere – in der „aufgeklärten“ Kirche Schleiermachers und der liberalen Theologie wurde dergleichen mit einer gewissen Betretenheit registriert, und da und dort fanden sich auch Bestrebungen, ähnlich wie die Lutherbibel auch die Choräle mit textlichen Modifikationen zu „verbessern“ (so wurde bei einem bekannten Abendlied aus den Zeilen „vor Schrecken, G’spenst und Feuersnot behüt uns heint, o lieber Gott“ die vom Aberglauben gereinigte Version „Vor Schrecken, Angst und Feuersnot behüt uns heut’, o lieber Gott“).

Eingriffe in Luthertexte sind freilich immer Fehlgriffe – es haftet den Originalen so etwas wie eine Magie der Wörtlichkeit an, deren Verletzung zu verschäbigter Kraftlosigkeit führen muss. Die aus Theologie hervorgehende Sprachwucht schmilzt mit jeder Veränderung unweigerlich dahin und mit ihr auch eine Inhaltlichkeit, die im ursprünglichen Text wenigstens als Provokation und Inkommensurabilität erhalten bleibt.

„Wer die Musicam verachtet, wie denn alle Schwärmer thun, mit denen bin ich nicht zufrieden… Ich gebe nach der Theologia der Musica den nähesten Locum und höchste Ehre“. Mit diesem Lutherzitat leitet der aus einem evangelischen Pfarrhaus stammende Musikwissenschaftler Martin Geck seine umfassenden, unterhaltsamen und pfiffig illustrierten Untersuchungen über die Lutherchoräle in Buchform ein („Luthers Lieder – Leuchttürme der Reformation“, Georg Ohms Verlag, 2017). Die „Theologia“ Luthers fand Unterstützung in einer zeitgenössischen Neuerfindung, die in Windeseile das Gedankengut der Reformation überall verbreitete: den Buchdruck. Ein fast ebenso wichtiges und folgenreiches Medium der lutherischen Reformation war dann der Gemeindegesang, der eine erste Stütze fand in markanten Chorälen wie „Ein feste Burg ist unser Gott“, „Vom Himmel hoch“ oder den auf älteren Vorlagen basierenden „Gelobet seist du, Jesus Christ“ oder „Christ lag in Todesbanden“. Heroen der Musik wie Heinrich Schütz, J.S. Bach, Mendelssohn, Schumann, Brahms, Reger, Schönberg, Hindemith, Busoni, Lachenmann und viele andere sorgten dafür, dass die Sphäre des Lutherchorals eine reiche kunstmusikalische Nachblüte erlebte.

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