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Billy Talent bei einem Auftritt in Ottawa 2017 mit Sänger Benjamin Kowalewicz und Schlagzeuger Jordan Hastings.
Billy Talent
Panorama

Wut in Hoffnung verwandeln

Von Andreas Schwarzkopf
09:25

Aaron Solowoniuk ist sichtlich gerührt. Das Publikum feiert den Schlagzeuger der Pop-Punk-Band Billy Talent während des Benefiz-Konzerts im Schlachthof in Wiesbaden frenetisch. Der 43-Jährige sitzt allerdings nicht wie sonst am Schlagzeug, sondern steht am Bühnenrand und bedankt sich bei seinen Band-Kollegen und Freunden dafür, dass sie ihn nicht fallenließen, vielmehr immer unterstützt haben.

Solowoniuk hat Multiple Sklerose (MS) und kann deshalb seit etwa zwei Jahren nur noch eingeschränkt als Musiker arbeiten. Doch statt ihn vollständig durch Jordan Hastings zu ersetzen, hätten die Kanadier das Quartett einfach in ein Quintett verwandelt, erzählt Sänger Benjamin Kowalewicz wenig später während des Auftritts. „Wir sind halt so etwas wie eine Familie.“ Und so spielt Solowoniuk regelmäßig bei Konzerten bei Billy Talent ein paar Songs mit.

So eine Geschichte ist im Musikgeschäft eher ungewöhnlich. Bands trennen sich wegen weniger triftiger Gründe oder ersetzen einzelne Musiker aus geringeren Gründen, um weiter erfolgreich sein zu können. Es gibt noch einen vergleichbaren Fall. Rick Allen von der Hard-Rock-Gruppe Def Leppard verlor 1985 bei einem Autounfall einen Arm und ist dennoch bis heute Schlagzeuger der Band.

Solowoniuk kommt an diesem Donnerstagabend gleich mehrfach unter großem Applaus auf die Bühne. Sänger Kowalewicz lobt ihn mehrfach dafür, wie er mit MS umgehe und wie tapfer er sei. Durch die kurzen Ansprachen wird der Gig persönlicher, entsteht eine größere Nähe zwischen den Musikern und dem Publikum, wirkt der Auftritt weniger routiniert als in großen Hallen oder bei Festivals.

Das freut das Publikum, das diesen besonderen Abend mit schweißtreibenden Hits wie „Red Flag“, „Devil On My Shoulder“, „Rusted In The Rain“ und vielen anderen ausgiebig und ausgelassen feiert.

Die Billy-Talent-Musiker beschränken ihr Engagement für MS-Betroffene allerdings nicht nur darauf, ihren Freund und Kollegen zu unterstützen oder hin und wieder ein Benefizkonzert zu spielen, dessen Einnahmen in diesem Fall an die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) gehen. So trafen die Musiker sich beispielsweise vor ihrem Auftritt mit MS-Erkrankten. Dabei erzählte Solowoniuk, wie es ihm ergangen ist, nachdem bei ihm 1998 das chronisch-entzündliche Nervenleiden diagnostiziert wurde. Zunächst habe er dies sieben Jahre fast allen verschwiegen. Erst 2006 informierten er und die Band die Öffentlichkeit. 2016 konnte er dann nicht mehr am immer noch aktuellen Album „Afraid Of Heights“ mitarbeiten.

So – nun ja – zurückhaltend wie Solowoniuk gehen viele mit MS um. Denn noch immer herrscht das niederschmetternde Vorurteil, MS führe geradewegs in den Rollstuhl. Dabei verläuft die Krankheit sehr unterschiedlich. Gleich ist nur, dass das Nervensystem angegriffen wird und Informationen innerhalb des Körpers schlechter oder am Ende nicht mehr weitergeleitet werden.

Deshalb freut sich der Geschäftsführer des DMSG-Landesverbands Hessen, Bernd Crusius, nicht nur über den Erlös des Benefizkonzerts, sondern auch über die Aufmerksamkeit, die mit dem Event verbunden ist. Rund um das Ereignis wird nicht nur über Ursachen und Folgen von MS aufgeklärt, Menschen wie Solowoniuk ermutigen zudem mit ihrem Beispiel MS-Betroffene, sich mit ihrem Leiden aktiv auseinanderzusetzen. Dazu gehört es nach Ansicht Betroffener und von Helfern beispielsweise auch, den anfänglichen Frust zu überwinden, um mit den Symptomen leben zu lernen und gleichzeitig etwas gegen sie zu unternehmen.

Auch dafür ist Solowoniuk ein Beispiel. Er gründete mit anderen 2006 die Selbsthilfeorganisation Fums. Das Fums-Motto hat er allerdings inzwischen geändert. Standen die vier Buchstaben anfangs für „Fuck You Multiple Sclerosis“, gilt nun: „Turn Anger Into Hope“ (verwandle Wut in Hoffnung).

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