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„Wenn man Drogen nicht eliminieren kann, wie geht man mit ihnen um?“, fragt die Expertin.
Darknet
Panorama

„Jede Elfjährige kann Drogen bestellen“

Von Juliane Meissner
23:00

Illegale Drogen direkt nach Hause zu bestellen ist mittlerweile recht einfach – es reichen eine spezielle Software für den anonymen Teil des Internets, das Darknet, und ein paar Klicks. Diese Online-Drogenmärkte sind gefährlich, weil die Substanzen dort ständig verfügbar sind, sagt Meropi Tzanetakis. Die Politologin ist eine der wenigen Wissenschaftler, die zu diesem Thema forschen. Tzanetakis betrachtet die Plattformen aber auch als Möglichkeit, Konsumenten besser zu schützen.

Frau Tzanetakis, warum beschäftigen Sie sich mit Drogen im Darknet?
Aus der Forschungsperspektive heraus wissen wir nicht, wie Drogenhandel überhaupt abläuft. Dieses Thema ist sehr von Mythen geprägt, wie etwa die Vorstellung vom kriminellen, gewaltbereiten Drogenhändler, der klischeehafterweise noch einen Migrationshintergrund hat. In der Realität stimmt das oft nicht. Die einzigen Informationen, die man zu Drogenkauf und -verkauf hat, stammen von Beschlagnahmungen der Polizei, Satellitenaufnahmen und Drogenberatungsstellen. Aber im Darknet gehen Menschen sehr offen damit um, da sie ihre Identität nicht preisgeben müssen.

Sie haben also Konsumenten und Händler befragt?
Ja, aber nicht nur das. So eine verschlüsselte Handelsplattform im Darknet, Kryptomarkt, kann man sich wie Amazon oder Ebay vorstellen. Händler beschreiben ihre Ware, wie teuer sie ist, und welche Qualität sie hat. Daten wie die verkaufte Drogenart, den Preis und das Land, in das die Drogen geschickt werden, haben wir mit Hilfe eines Programms heruntergezogen und ausgewertet. Außerdem haben wir Foreneinträge analysiert und so erfahren, wie das Verhandeln zwischen Händler und Konsumenten aussieht.

Wie kann man sich das vorstellen?
Ein Kunde schreibt zum Beispiel ins Forum, dass er mit seinem Händler oder dem Produkt nicht zufrieden war. Dann hat der Händler die Möglichkeit, sich dazu zu äußern. Er schreibt vielleicht, dass die Behauptung nicht stimmt und 3570 andere positive Bewertungen das bestätigen.
Solche Streits sind ja kaum zu klären, wenn es sich um illegale Ware handelt.
Bei den Marktplätzen gibt es immer ein Dilemma: Kunde und Händler kennen sich nicht, und es besteht immer das Risiko, verhaftet zu werden. Diese Anonymität macht den Handel zwar erst möglich, aber man weiß nicht, wem man vertrauen kann. Das muss man aber zwangsläufig. Der Schlüssel dazu ist das Kundenfeedback. Die Glaubwürdigkeit eines Händlers mit 3570 positiven Bewertungen wiegt im Zweifel wesentlich schwerer.

In welchen Ländern sind die Drogenhändler am aktivsten?
Es heißt immer, durch das Internet werden globale Drogenmärkte geschaffen. Das stimmt nur teilweise. Klassische Produzentenstaaten wie Kolumbien, Afghanistan, Peru und Bolivien sind in keiner Weise direkt involviert. Der Drogenhandel, der auf den Kryptomärkten passiert, geschieht zwischen westlichen Händlern und westlichen Kunden.

Warum gerade die westlichen Industrieländer?
Um auf diesen Märkten handeln zu können, müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Dazu gehört technisches Wissen über Software, mit der man anonym bleibt, wie etwa den Tor Browser. Die richtige Infrastruktur, wie Computer und Internet, sind ebenfalls unverzichtbar. In Kolumbien und Afghanistan etwa ist der Zugang zum Internet sehr schlecht. Zudem braucht man ein verlässliches Postzustellsystem – das ist eigentlich der Knackpunkt. Wenn das nicht funktioniert und auch das Briefgeheimnis nicht, dann ist es riskant, etwas zu verschicken, oder es kommt nicht an.

Was wird am meisten gekauft?
Die beliebtesten Drogenarten, egal welche Studie und welcher Marktplatz, sind immer dieselben: Cannabis, Ecstasy und Kokain.

Entspricht das dem realen Leben?
Ja, Cannabis ist die meistkonsumierte Droge, bei Kokain passt das Verhältnis auch ungefähr. Aber in der analogen Welt wird Heroin oft gekauft, online hingegen wird Ecstasy häufiger bestellt. Das hat etwas damit zu tun, wer die Nutzer sind, die auf Kryptomärkten einkaufen: technikaffine, junge, gut ausgebildete Menschen. Es sind Freizeitkonsumenten, die vielleicht einmal im Monat oder auch jedes Wochenende beim Feiern Drogen konsumieren. Andere Studien haben herausgefunden, dass 80 Prozent der Kunden männlich und zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, entweder studieren oder erwerbstätig sind. Diese Konsumenten gehören nicht der klassischen offenen Szene an, haben also keinen problematischen Drogenkonsum.

Warum bevorzugen Kunden das Darknet und nicht einen Dealer?
Einige schätzen die Anonymität und die Einfachheit. Es genügen ein paar Mausklicks, und sie bekommen die Bestellung per Postbote nach Hause geliefert. Außerdem ist die Qualität der Drogen im Darknet besser. Denn es gibt einen Wettbewerb zwischen den Kryptomärkten und zwischen den Händlern. Das bringt Händler dazu, relativ transparent zu informieren, was sie eigentlich anbieten. Es hat auch chemische Tests gegeben, die das bestätigen konnten. Einige Kunden schätzen auch, dass die Händler schnell auf Kundenanfragen reagieren und sich bemühen, dass die Sendungen möglichst unauffällig sind.

Gehören die Händler zur organisierten Kriminalität?
Nicht in großem Maße. Wir haben untersucht, wer die Händler auf den Kryptomärkten sind und wie viel Umsatz sie machen. Lediglich eine kleine Gruppe, also fünf Prozent der Händler, macht mehr als 200.000 Dollar Umsatz im Jahr. Bei dieser Gruppe kann man sagen, dass sie organisiert vorgehen. Die viel größere Gruppe, 56 Prozent der Händler, macht weniger als 10.000 Dollar Umsatz im Jahr. Bei unseren Interviews ist herausgekommen, dass die meisten dieser Kleinhändler einen normalen Erwerbsjob haben. Für sie ist es ein Zuverdienst, mit dem sie sich Luxusgüter leisten können, wie zum Beispiel ein Auto oder einen Urlaub.

Haben sich durch Online-Drogenmärkte neue Probleme ergeben?
Diese Märkte haben Vor- und Nachteile. Eines der Risiken ist, dass ständig sämtliche psychoaktiven Substanzen verfügbar sind. Das wird für einige Menschen, die ihr Konsumverhalten weniger kontrollieren können, zum Problem. Außerdem kommt es bei Drogenkonsum auch darauf an, wie viel Erfahrung die Konsumenten haben und wie sie damit umgehen, wenn sie etwas Neues probieren. Einige Konsumenten machen es alleine, tauschen sich in ihrem normalen Leben kaum mit Bekannten darüber aus, weil Drogenkonsum sozial verpönt ist. Dieser sozial isolierte Konsum kann sehr gefährlich sein. Ein weiteres Risiko ist, dass viele Kinder wesentlich versierter mit dem Internet sind als Erwachsene. Im Prinzip könnte sich jede Elfjährige Drogen übers Darknet bestellen.

Und was sind die Vorteile von Kryptomärkten?
Auf diesen Marktplätzen werden Drogen mit besserer oder zumindest transparenterer Qualität angeboten. Konsumenten haben die Entscheidung darüber, was sie kaufen. Und es gibt weniger Gewalterfahrungen im Vergleich zum traditionellen Straßenhandel. Zum Beispiel wenn jemand im Park Drogen kauft und mit dem Händler über die Menge in Streit gerät.

Was bedeuten Ihre Erkenntnisse für die Drogenpolitik?
Seit ungefähr hundert Jahren sind Drogenproduktion, Drogenhandel und Drogenkonsum weltweit verboten und werden strafrechtlich verfolgt. Renommierte Forscher haben sich im Auftrag der Europäischen Kommission angesehen, ob dieses Prohibitionssystem bewirkt hat, dass weniger Drogen im Umlauf sind. Und es hat sich gezeigt, dass das nicht der Fall ist.

Welche Ansätze sind erfolgversprechender?
Die Frage ist: Wenn man Drogen nicht eliminieren kann, wie geht man mit ihnen um? Für viele Menschen sind sie ein Problem, das betrifft sämtliche soziale Schichten. Ein Ansatz heißt Schadensminimierung, und richtet sich nur an die Konsumenten. Negative Folgen durch den Konsum sollen reduziert werden. Zum Beispiel werden Spritzen kostenfrei ausgegeben, um die Übertragung von HIV und anderen Infektionen zu verhindern. Einige Experten, denen ich mich anschließe, sagen, dass Kryptomärkte diesem Schadensminimierungsansatz dienen. Denn Konsumenten können sich dort über Wirkungsweise und Qualität der Substanzen austauschen.

Wenn also schon Drogen konsumiert werden, dann zumindest keine verunreinigten?
Normalerweise macht der Staat immer Standards und Qualitätskontrollen. Sind zum Beispiel verdorbene Eier im Umlauf, werden sie aus dem Handel genommen. Das gibt es für Drogen nicht. Jeder Konsument kauft die Katze im Sack – und das führt teilweise zu enormen Problemen. Es hat schon Todesfälle gegeben, weil mit Gift gestreckte Substanzen in Umlauf waren. Nur selten gibt es die Möglichkeit, Substanzen testen zu lassen, wie etwa in der Schweiz und in Österreich.

Und in Deutschland?
So eine Kontrollmöglichkeit scheint mir in Deutschland politisch überhaupt nicht durchsetzbar. Das gesetzliche Verbot bedingt, das es keine Kontrolle gibt und keine Standards. Genau das geschieht auf den Kryptomärkten. Wenn man zudem sieht, dass Cannabis die am meisten verkaufte Droge ist, muss man überlegen, ob eine Entkriminalisierung sinnvoll wäre.

Was hätte das für einen Nutzen?
Konsumenten würden nicht dafür bestraft, dass sie konsumieren. Es trifft ja nicht jeden gleichermaßen. Oft sind es die marginalisierten Gruppen der Gesellschaft, die dafür bestraft werden. Ein weiteres Problem von Drogen ist die Stigmatisierung. Abgesehen von Partykreisen wird das Thema sehr einseitig betrachtet. Etwa dass nur die Leute konsumieren, die nichts Besseres im Sinn haben – das ist ein riesiges Problem. Denn der Konsum ist tatsächlich weiter verbreitet, als man glaubt. Das ist unabhängig von sozialer Schicht und Alter.

Weniger Stigmatisierung könnte also der Aufklärung dienen?
Ja, manchmal brauchen Menschen Unterstützung und Hilfe. Je leichter diese zu erreichen sind und je weniger Stigma es gibt, umso mehr können junge Menschen Hilfe in Anspruch nehmen.

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