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Die Polizei am Tatort.
Frankreich
Panorama

Sieben Verletzte bei Messerangriff in Paris

Von Stefan Brändle
16:47

Es war ein lauer Sonntagabend am Villette-Kanal des Pariser Quai de la Loire, als ein junger Mann mit Messer und Eisenstange wahllos die letzten Flaneure des Wochenendes angriff. Ein weibliches Opfer war am Picknicken, ihr Freund gerade Zigaretten holen gegangen. Die 41-jährige Frau, deren Vorname mit Juliette angegeben wird, berichtete, sie habe ein Geräusch hinter sich gehört und, kaum habe sie sich umgedreht, einen starken Schlag mit einer Stange auf den Kopf bekommen. 

Es gelang ihr, davon zu rennen, und hinter dem Kino, wo sich viele Leute versteckten, nach der Polizei zu rufen. Der Täter griff derweil Passanten mit seinem Messer an, stach mehrere nieder. Pétanque-Spieler versuchten darauf, den Täter zu stoppen, indem sie ihre schweren Eisenkugeln auf ihn warfen. Eine traf ihn am Kopf, doch er setzte seine Amoklauf fort und verletzte zwei britische Touristen mit Messerstichen schwer.

In einer Seitenstraße wurde der Täter schließlich gestoppt. Der Gast eines Cafér, der seinen Vornamen als Smaïn angab, erzählte, mehrere Leute hätten den Angreifer umringt und mit Objekten beworfen, bis er selbst verletzt die Waffen gestreckt habe. „Er sagte nichts, auch als wir ihn gepackt hatte“, so der Algerier zur Zeitung „Le Parisien“. „Auch als ihn andere fragten, ‚warum hast du das getan?‘, gab er keine Antwort. Er schien auf Drogen zu sein.“ Minuten später wurde der Angreifer verhaftet. Die Bilanz lautete auf sieben Verletzte. vier waren zum Teil lebensgefährlich getroffen worden. 

Bei dem Täter handelt es sich dem Vernehmen nach um einen 31-jährigen Afghanen aus der Stadt Jalalabad. Er soll entsprechende Papiere bei sich getragen haben. Da sein Name offenbar in keiner Terrorkartei figuriert, wurde die Ermittlung der Kriminalpolizei und nicht den Antiterrorbehörden anvertraut, auch wenn letztere die Angelegenheit „aus nächster Nähe verfolgen“, wie es inoffiziell hieß.

Anders als in Deutschland sorgt der Umstand, dass es sich bei dem Täter um einen Flüchtling handeln dürfte, kaum zu Reaktionen rechtsextremer Kreise oder Parteien. Mehr zu reden gibt der Umstand, dass der Messerstecher als Crack-Konsument bekannt gewesen sein soll. Anwohner klagten am Montag über die grassierende Unsicherheit in dem Viertel im 19. Stadtbezirk. Entlang der Boulevards und des Kanals entstehen immer wieder wilde Zeltlager. Bei der Metrostation Stalingrad wird auch tagsüber mit Drogen gehandelt.

Ob Terroranschlag oder nicht, sei da zunehmend unklar, erklärte am Montag ein Anwohner des Quai de la Loire. „Ein solcher Gewaltausbruch war auf jeden Fall abzusehen. Die Lage verschlechtert sich täglich, ohne dass die Polizei einschreitet.“ Auch in Internetkommentaren konnte man am Montag lesen, die Grenzen vermischten sich zunehmend zwischen eigentlichen Terrorattentaten, Amokläufen von psychisch Kranken oder Angriffen von Drogenabhängigen. Diese Sicht der Dinge verstärkt sich in der französischen Öffentlichkeit seit mehreren Monaten. In diesem Sommer mehrten sich die Messerattacken in Frankreich stark, wobei die Motive nicht immer klar waren.

Im Mai griff ein tschetschenischer Staatsbürger Passanten im Opéra-Viertel an; er erstach einen Fußgänger und verletzte vier weitere. Die Islamistenmiliz IS bekannte sich umgehend zu dem Attentat. IS übernahm aber auch im August die Verantwortung für einen offensichtlich familiär motivierten, mit einem Messer begangenen Doppelmord in Trappes bei Paris.

Ebenfalls im August verletzte ein hypernervöser Mann vier Frauen mit Messerstichen in Périgueux (Zentralfrankreich). Im Juli wurde in einem Pariser Bus ein einsteigender Radfahrer von einem 50-Jährigen erstochen. In Melun fiel ein Mann einen Polizisten bei einer Kontrolle mit einem Messer an. In Toulon (Südfrankreich) griff eine Frau in einem Supermarkt Kunden mit einem Messer an, wobei sie „Allahu Akbar“ rief; die Ermittler gingen nicht von Terror, sondern einer psychiatrischen Störung aus.

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