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1982 - die „Gipsy Kings“ am Strand mit Brigitte Bardot. „Das ist fast eine Art Seelenverwandtschaft.“
Gipsy Kings
Panorama

Das Comeback der Könige

Von Andreas Sieler
16:43

Der Kitschfaktor ist hoch. Tannenzweige zieren Wände und Stützpfeiler, leuchtend bunte Sterne hängen von der Decke, es glitzert und blinkt über und neben den vollbesetzten Tischen. Einzig das Abbild der Freiheitsstatue über dem Eingang der Konzerthalle will sich nicht so richtig einfügen in das weihnachtliche Ambiente an diesem warmen August-abend im südfranzösischen Arles. „Ein Tag Weihnachten im Jahr ist ein bisschen armselig“, erklärt Gastgeber Chico Bouchikhi die fragwürdige Dekoration. „Wo ich bin, möchte ich mir das Leben so einrichten, dass man eigentlich jeden Tag Weihnachten feiern könnte.“

Nach einigen Minuten wird das Gemurmel der Besucher abrupt von dem ohrenbetäubenden Sound aus den Boxen verschluckt. Van Halens „Jump“. Umrahmt von funkelnden Wunderkerzen werden zwei riesige Paella-Pfannen mit mehreren Metern Durchmesser in den Saal gerollt. Die Kellner servieren den ersten Gang.

Doch eigentlich ist das Essen nur Nebensache. Die etwa 500 Besucher sind erschienen, um ein Konzert zu sehen. Es ist quasi eine Art Wiedervereinigung der „Gipsy Kings“, nur dass sie das Kind nicht so nennen dürfen, weil es die „Gipsy Kings“ ja immer noch gibt. Dazu gleich mehr. An diesem Abend stehen „The Original Gypsies“ auf der Bühne, ein gutes Dutzend Musiker um die einstigen Bandgründer Chico Bouchikhi und die Brüder Patchaï, Canut und Paul Reyes. Ihr erstes gemeinsames Projekt seit dem Beginn der Spaltung der „Gipsy Kings“ im Jahr 1991. 

Damals erlebte die Band ihren vielleicht größten Höhenflug. Begonnen hatte die ganze Geschichte allerdings viel früher, Mitte der Siebziger. Der Flamenco-Sänger José Reyes, der einst an der Seite des Gitarristen Manitas de Plata tourte, gründete die Gruppe „José Reyes et Los Reyes“, die neben ihm aus seinen Söhnen Paul, Canut, Patchaï, André und Nicolas sowie dem in die „Gipsy-Familie“ eingeheirateten Schwiegersohn Chico bestand. Chico selbst war wie die Reyes-Familie in Arles groß geworden, als Sohn einer algerischen Mutter und eines marokkanischen Vaters ebenfalls mit Migrationshintergrund.

Bevor aus der Formation die „Gipsy Kings“ wurden kam noch Tonnino Baliardo hinzu, ein Neffe von Manitas de Plata, der bis heute mit Nicolas Reyes und weiteren, später zur Band gestoßenen Musikern, unter dem Namen „Gipsy Kings“ auftritt. Die jetzigen Rückkehrer Patchaï, Canut und Paul Reyes hatten die Formation nach und nach verlassen. Die „Original Gypsies“ möchten sich eigentlich gerne ebenfalls wieder den Namen „Gipsy Kings“ aneignen, scheiterten aber jüngst in einem Prozess gegen die Plattenfirma, der er gehört. Die Revision läuft. 

Bandleader Chico selbst hat seit 1991 sein eigenes Ding gemacht. Mit „Chico & the Gypsies“ feiert der 64-Jährige bis heute Erfolge, das neue Album „Mi Corazón“ ist derzeit in den Top-Ten der französischen Albumcharts. Stets an Chicos Seite, seit 38 Jahren, ist sein Manager und Freund Ruedi Ledermann. Der ebenfalls 64 Jahre alte Schweizer erinnert sich an die Zeit, als sich die Wege von Chico und den „Gipsy Kings“ getrennt hatten. Zum Ende eines fünfjährigen Vertrages hatte Chico damals das Gespräch mit den Produzenten gesucht, er wollte Abrechnungen sehen. „Die hatten unglaublich viel Geld verdient. Chico hatte einfach die Nase voll nach fünf Jahren, er wollte nicht nur eine Marionette sein. Wir haben vor unglaublichen Stadien gespielt und nie eine Abrechnung bekommen, sondern es wurde immer alles bezahlt.“ Die Musiker seien nach Hause gekommen mit der Gage, die Uhren wurden Rolex-Uhren, die Autos große Mercedes, die Beute war verteilt „und nach drei Wochen waren sie wieder mehr oder weniger Pleite“, erinnert sich Ledermann. 

Wie von einem mahnenden Beispiel spricht Ledermann vom traurigen Ende des Weltstars Manitas de Plata: „Er hat überall gespielt und vielleicht 100 Millionen Alben verkauft. Aber er ist mausearm gestorben. Es gab Benefizkonzerte für sein Begräbnis und die Plattenfirmen haben sich bereichert.“ Chico wollte für seine Band ein nachhaltigeres Konzept. „Am Anfang gingen sie für 1000 Dollar ins Studio und die Verkaufsrechte waren abgetreten“, sagt Ledermann. „Chico wollte das nicht mehr. Man kann nicht 30 Millionen Platten verkaufen ohne je einen Cent Tantieme zu erhalten.“ Die Produzenten hätten dann „eine ganz fiese Tour gefahren“, so der Manager, und sinngemäß die Band gegen ihn aufgebracht und den Musikern signalisiert, dass sie kein Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit hätten. „Dann brach die Panik aus. Die anderen sagten zu Chico ‚lass uns in Ruhe, mach uns die Beute nicht kaputt. Die Plattenfirma ist unsere Milchkuh‘ – ohne zu realisieren, dass sie eigentlich die Kühe waren, die gemolken wurden.“ Es kam zur Trennung. Dass aber nun, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, Chico und drei der Reyes-Brüder wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen, sei etwas ganz Besonderes, sagt Chico. „Es zeigt auch, dass eigentlich niemals etwas wirklich verloren geht.“

Wer sich von Chicos Leben, seiner Karriere und der Geschichte der „Gipsy Kings“ einen Eindruck verschaffen möchte, kann sich auf dem „Patio de Camargue“, wo auch das Konzert stattfindet, umschauen. Chico hat die mehrere Hektar große Industriebrache einer ehemaligen Bootsfabrik direkt an der Rhone vor 15 Jahren gekauft. „Anfangs haben alle gesagt ‚du spinnst‘“, erinnert er sich. „Aber was mich fasziniert hat, war der Fluss. Die Gypsies waren immer am Wasser.“ Heute umfasst das Grundstück neben der Konzerthalle (ein alter Hangar) zahlreiche restaurierte Bauwagen aus den Dreißigern, in denen manchmal Gäste unterkommen, mehrere Gebäude und die gemütliche Open-Air-Bar „Gipsy Beach“. Einmal im Monat veranstaltet Chico auf dem Gelände einen Konzertabend mit einer seiner Bands. Werbung braucht es nicht – die Mundpropaganda genügt.

Vor allem aber ist der „Patio de Camargue“ eine Art Freiluftmuseum: In einem offenen Gang hängen, wie in einer Ahnengalerie, Porträts von den Eltern, Kindern und Freunden Chicos.

Lächelnd neben Maradona, Helmut Kohl und Romy Schneider

Große Bilder, die auch in einem Bildband zu sehen sind, dokumentieren neben der Geschichte der Band zahlreiche Begegnungen des Musikers mit allerlei Prominenz: Chico lächelt neben Michael Douglas, Romy Schneider, Diego Maradona, Charles Aznavour, Helmut Kohl, dem Dalai Lama. Und eine taucht immer wieder auf: Brigitte Bardot. Die bis heute anhaltende Freundschaft findet ihren Ursprung im Jahr 1978: „Vor der ersten Begegnung hat uns jemand aus ihrem Bekanntenkreis zu ihrem Geburtstag eingeladen“, erzählt Chico. Oft sei sie danach mit der Band auf Partys gekommen, getarnt mit einer Perücke. „Die Leute haben gesagt, ‚es ist unglaublich, wie eure Tänzerin der Bardot ähnelt‘“, erinnert sich Chico lachend. Dass der einstige Weltstar heute überwiegend durch politische Entgleisungen auffällt, stört Chico nicht. „Das hat mit unserer Freundschaft nichts zu tun.“ Manager Ruedi Ledermann sagt dazu, dass Chico einer der Wenigen gewesen sei, der die Bardot nicht für sich in Anspruch genommen oder sie vor seinen Karren gespannt habe. „Das ist fast eine Art von Seelenverwandtschaft.“

Für viele Fans mögen die „Gipsy Kings“ eine Band sein, die sie auch mit der Zeit, in der sie die Musik gehört haben, in Verbindung bringen. Die Bilder auf dem Patio erinnern an die Zeit, in der die „Gipsy Kings“ groß wurden und waren. Auch an den Zeitgeist. „Die Gipsy Kings werden nie mehr sein“, sagt Ruedi Ledermann. „Für mich persönlich sind die ‚Gipsy Kings‘ ein Lebensgefühl gewesen – 1983 in St. Tropez. Dieses Lebensgefühl ist die absolute Freiheit. Keine Einschränkung. Kein Morgen“, fährt der Mann mit den langen weißen Haaren und dem weißen Bart fort. „Aber wir alle leben nicht mehr im Jahr 1983. Wir haben neue Technologien, die uns den Tag vorgeben. Keiner hatte damals ein Handy. Die Musik war eine Brücke, um die Langeweile zu überwinden. Da hat man eine Gitarre ausgepackt und sofort stand eine Menschentraube darum.“ Doch die Zeiten sind vorbei. Nachdenklich, fast melancholisch sagt er beim Betrachten der alten Aufnahmen: „St. Tropez gibt es nicht mehr.“ 

Was bleibt, ist die Musik. An jenem Abend in Arles dauert es nicht lange, bis der Funke zwischen den Musikern und den Gästen überspringt. Schon bei der Eröffnung hält es die ersten Besucher nicht mehr auf ihren Sitzen, und als die Band als drittes Lied den Klassiker „Baila me“ anstimmt, ist das Tanzen vor der Bühne bereits nur noch mit Hautkontakt zum Nachbarn möglich. Neben neuen Stücken, darunter das sommerhitverdächtige „La Guapa“, das auf Youtube bereits annähernd zwei Millionen Klicks verzeichnet, bekommt das Publikum sämtliche Hits aus den Hochzeiten der Kings präsentiert – von „Bamboleo“ und „Djobi Djoba“ bis „Volare“.

Überraschend erklingt gegen Ende ein „Despacito“-Cover, Latin-Music beeinflusse ihn, gesteht Chico. Dennoch wird das Stück in das typische musikalische Kleid zwischen katalanischem Rumba und „Gipsy Rock“, wie Chico es nennt („Wir haben nie Flamenco gespielt“), gepresst. Ein neues Album hat die neu formierte Gruppe bereits aufgenommen, aufgrund des Namensstreits jedoch noch nicht veröffentlicht. 

Jean-Pierre Steverlink alias „Mr. PeeWee“ an der Geige

Seine Erfolge in den vergangenen 25 Jahren könnten auch ein Grund sein, warum die drei Brüder sich wieder mit Chico vereinigt haben und sich an einer späten zweiten Karriere versuchen. „Sie haben gesehen, dass es funktioniert“, sagt Ledermann. „Da kommt immer wieder eine neue Platte raus, in der anderen Formation gab es nur eine ‚Best of‘ nach der anderen.“ Auch der Start für „Chico & the Gypsies“ Anfang der Neunziger begann mit Hürden, erinnert sich der Manager. Auch sie spielten die alten Hits der „Gipsy Kings“. „Bei manchen Konzerten stand die Polizei schon bei unserer Ankunft da. Es hieß, wir seien Betrüger“, so Ledermann. Auch diese Auseinandersetzung war gar nicht vordergründig auf die bei den „Gipsy Kings“ verbliebenen Mitglieder der Reyes-Familie zurückzuführen. „Das ging nie auf die Initiative der Brüder zurück. Das war die Plattenfirma, aber vor allem die Produzenten.“

Doch trotz aller juristischen Streitigkeiten: Die in die Jahre gekommenen Herren auf der Bühne haben ihre Freude an der Musik nicht verloren. Die Front aus neun Akustik-Gitarristen wird gestützt von Drums, Percussions, einem Bassisten und dem herausragenden Jean-Pierre Steverlink alias „Mr. PeeWee“ an der Geige, der mit seinen Soloeinlagen das Publikum an diesem Abend mehrfach zum frenetischen Szenenapplaus zwingt. Steverlink spielt auch bei „Chico & the Gypsies“ – Chico hatte den Straßenmusiker vor rund 15 Jahren entdeckt. 

Die Ausgelassenheit und Fröhlichkeit der „Gipsy-Musik“ sieht der Bandleader nicht zwingend in einem Widerspruch zur häufig eher von Unterdrückung geprägten Lebenssituation der Menschen, ob in Frankreich oder anderswo. „Das hat viele Ähnlichkeiten mit den Schwarzen in den USA“, sagt er. „Einerseits gibt es dieses Unglück, aber die haben einen Schlüssel gefunden, für sich etwas zu bewahren – die Musik. Das ist bei uns so wie beim Blues, der zum Rock’n‚Roll und zu einem Lebensgefühl wurde.“ So gibt es auf der Bühne auch seltene, weniger fröhliche Momente. „Das Lied von Canut, ‚Nathalie‘, diese verlorene Liebe, wenn du da genau hinhörst, auch in die Stimme, da hörst du die totale Misere, ein Abgrund. Aber beim Konzept eines Konzertes steht natürlich das Fröhliche im Vordergrund.“ 

Das gilt auch für den Ausblick auf die bevorstehende Tour, die sie in Deutschland unter anderem nach Frankfurt führt. „Wir wollen uns amüsieren und mit dem Publikum eine tolle Fiesta feiern“, sagt Chico. Dass sie den Namen „Gipsy Kings“ nicht nutzen dürfen, ist für den Bandleader ein kleineres Problem: „Es geht nicht um das, was draufsteht, sondern um das, was darin ist.“ Sein Manager sieht das naturgemäß anders und würde den Namen sehr gerne weiterführen. Ob eines Tages noch einmal alle Gründungsmitglieder gemeinsam auf der Bühne stehen? „Die Tür ist immer offen“, erklärt Chico. „Wie sie es für Canut, Paul und Patchaï war. Keiner hätte sich vorstellen können, dass sie zurückkommen.“ Doch jetzt sind sie da. „Und wir haben auch noch ein bisschen mehr Platz auf der Bühne.“ 

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