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Kein Smartphone, keine Smartwatch, kein Tablet: Frankreich greift durch (Symbolbild).
Handyverbot in Frankreich
Panorama

„Wir stellen die Kinder unter Generalverdacht“

Von Melanie Reinsch
20:57

Handys an Schulen sind für viele Lehrer eine Last. „Sie lenken den Schüler ab und ziehen die Aufmerksamkeit vom Unterricht“, erzählt Uwe Schulze, Musik- und Mathelehrer an einem Gymnasium in Leipzig. Es habe schon Fälle gegeben, erzählt Schulze, da hätten Kinder den Unterricht heimlich gefilmt und die Videos im Internet hochgeladen.

Die Schulleitung hat deswegen Handys im Unterricht und in der Pause verboten. Beim Betreten des Schulgeländes muss es ausgeschaltet und in der Tasche verstaut werden. So die Regel. Tatsächlich halten sich natürlich nicht alle Schüler daran. „Wir haben da unsere Spezialisten“, sagt Schulze, „die werden immer wieder erwischt“. Dann wird das Smartphone konfisziert und im Lehrerzimmer gelagert. „Für die Schüler ist das brisant, die hängen ja an ihren Geräten“, sagt der Lehrer. Die Strafe ist auch deswegen für Schüler so drakonisch, weil sie ihr Telefon erst wieder zurückbekommen, wenn die Eltern sich bei der Schulleitung gemeldet haben. „Das hat in jedem Fall einen abschreckenden Charakter“, weiß Schulze. 

Obwohl das Handy im Unterricht zu Recherchezwecken und nur mit Erlaubnis des Lehrers auch mal genutzt wird, ist Schulze der Meinung, dass das Smartphone an Schulen ganz verboten werden sollte. So strikt handhabt das nun Frankreich. Dort hat das Parlament am Montag per Gesetz die Nutzung von Mobiltelefonen in allen Vor- und Grundschulen sowie in der Sekundarstufe I untersagt. 

Schülerinnen und SchülerWas Betroffene sagen

Wir haben Schülerinnen und Schüler gefragt: Gibt es an deiner Schule ein Handyverbot? Wie findest du das? Die Antworten:

SchülerinLola, 14 Jahre, Gesamtschule

Ja, gibt es. Ich finde es okay, aber es hält sich keiner daran. Im Unterricht ist es ja normal, dass man nicht ans Handy geht, und in den Pausen sollen wir uns unterhalten und nicht auf unsere Handys schauen. Wir haben keine Uhr im Klassenzimmer und viele gehen aufs Klo und hocken dann da an ihren Handys, ist auch nicht viel besser. Aber am Handy sein heißt ja auch nicht, dass man sich nicht unterhält. Das ist eine eigene Art der Kommunikation, aber ich muss sagen, dass ich das gar nicht so gerne mag.

SchülerDominik, 14 Jahre, Gymnasium

Ja. Wir dürfen Handys in der Schule, im Unterricht und während der Pausen nicht benutzen. Ich finde es cool, weil man sich dann im Unterricht besser konzentrieren kann.

SchülerinMarlene, 16 Jahre, Gymnasium

Ja, gibt es, offiziell müssen die Handys im gesamten Gebäude ausgeschaltet sein.  Na ja, also ganz ehrlich? Mich persönlich und auch Heli (die sitzt neben mir) stört es nicht, auch weil ich verstehen kann, dass es die Lehrer nervt, wenn man die ganze Zeit am Handy ist. 

SchülerinJolee, 17 Jahre, Gymnasium

Ja, bei uns gibt es ein Handyverbot, von 8 bis 13.15 Uhr, danach darf es jeder benutzen. Ich denke, dass es vor allem für die jüngeren Schüler gut ist, damit die nicht nur in den Gängen sitzen und Spiele spielen. Allerdings wird in der Oberstufe nicht so streng danach geschaut. 

SchülerinEmma, 16 Jahre, Gymnasium

Bei uns an der Schule gibt es ein Handyverbot für Schüler bis zur 7. Klasse, sie dürfen also eigentlich keine Smartphones mit in die Schule nehmen. Das finde ich ganz gut, weil ich das Gefühl habe, dass sie – anders als die älteren Schüler – in den Pausen eher am Handy spielen, als etwas „Echtes“ zu machen, also: reden oder fangen spielen.

SchülerLuis, 18 Jahre, Gymnasium

In meiner Schule sind Handys auf dem ganzen Gelände verboten. Ausnahme: der zweite und dritte Stock des Oberstufengebäudes. Absurd daran ist, dass man die Oberstufenschüler damit quasi im Gebäude einsperrt. An sich finde ich das Verbot gut, denn die Unter- und Mittelstufenschüler waren in den Pausen nur noch am Handy und haben sich gar nicht mehr bewegt. Und wenn der Unterricht wieder anfing, waren die Klassen halbleer, weil alle noch auf die Toilette mussten. 

SchülerJaron, 11 Jahre, Gesamtschule

Es gibt ein Handyverbot, eigentlich muss es in der Schule immer aus sein. Manche Lehrer erlauben aber, dass man im Unterricht mit dem Handy was googelt. Das muss manchmal sein, wir haben nur einen Computer im Klassenzimmer. Da können nicht alle auf einmal dran. Deswegen ist das Handyverbot ein bisschen Quatsch. Allerdings finde ich es auf dem Schulhof okay. Sonst würden alle in der Pause nicht wie jetzt Fußball spielen, sondern nur zocken. 

SchülerinAngelina, 15 Jahre, Realschule

An meiner Schule gibt es kein Handyverbot, aber ich fände es gut, wenn es eingeführt wird, denn gerade durch Handys ist man viel zu sehr vom Wesentlichen abgelenkt. Doch es hat auch positive Seiten, wenn zum Beispiel eine Stunde ausfällt, kann man schnell ein Familienmitglied kontaktieren und darum bitten, abgeholt zu werden.

Da Schulpolitik in Deutschland Ländersache ist, kann jedes Bundesland selbst entscheiden, welche Regularien in den Schulen gelten sollen. In Bayern gibt es dazu ein ähnliches Gesetz wie in Frankreich. Aber auch im Süden des Landes wird das Gesetz längst nicht so rigoros umgesetzt, wie es nun in Frankreich geschehen soll. In Bayern muss das Handy auf dem Schulgelände ausgeschaltet werden – eigentlich. Die Praxis sieht auch hier anders aus.

Stefan Düll ist Schulleiter am Justus-von-Liebig-Gymnasium Neusäß bei Augsburg und Vize-Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Natürlich dürfe man das Telefon mal benutzen, das sei kein Problem. Das werde toleriert, so Düll. Manchmal muss die Mutter angerufen, manchmal ein Blick in den Vertretungsplan geworfen werden. Auch im Unterricht komme es zum Einsatz – mit Erlaubnis der Lehrer. 

„Wir müssen den Kindern einen sinnvollen Umgang mit den Geräten beibringen, das ist viel wichtiger als Verbote“, findet Düll. Er hält daher nichts davon, dem französischen Vorbild zu folgen. Diese Verbotsmentalität sei auch ein Zeichen von Kulturpessimismus: „Wir stellen die Kinder und Jugendlichen damit unter Generalverdacht. Wir tun so, als ob nur die Erwachsenen einen positiven Umgang mit den Geräten beherrschen können. Wir sind den Kindern längst nicht so überlegen“, betont Düll.

Auf Beiratssitzungen in der Schule seien es vielmehr Eltern und Lehrer, und nicht die Schüler, die oft auf ihren Smartphones herumtippten, berichtet Düll. Und der Blick auf den Schulhof zeige: Die Mehrheit der Schüler spielt in der Pause nicht auf den Handys herum, sondern unterhält sich. „Wir sollten unseren Kindern mehr zutrauen und ihnen die Ängste nehmen“, macht Düll klar.  Zwei Schulen, zwei Meinungen. Auch Politiker sind sich uneins.

Marcus Weinberg, familienpolitischer Sprecher der Union, findet den französischen Ansatz richtig, aber „mit der Möglichkeit von Ausnahmen“. „Den Umfang sollten die Schulen selbst entscheiden können“, sagt er der FR.

Man sei weder fortschrittsfeindlich, noch befinde man sich „in der Steinzeit der Digitalisierung“, wenn man Kindern Freiräume der Entfaltung jenseits von digitalen Impulsen gebe. „Die direkte Kommunikation mit den Mitschülern, die Konzentrationsfähigkeit oder auch das Spielen mit natürlichen Materialien und anderen Menschen werden durch einen übermäßigen Smartphone-Gebrauch gestört“, sagte Weinberg. Die neuen medialen Kulturtechniken sollten eine Rolle spielen, dürften aber nicht das Leben der Kinder dominieren und sie zu „Analphabeten in den traditionellen Kulturtechniken“ machen.

Auch der familienpolitische Sprecher der SPD, Sönke Rix, begrüßt den Vorschlag aus Frankreich und befürwortet ebenfalls, dass jede Schule den Umgang mit Smartphones und Co selbst regulieren sollte.

Die familienpolitische Sprecherin der Grünen, Katja Dörner, hält ein generelles Handyverbot für „überzogen und auch weltfremd“. Die Schulen sollten aber die Möglichkeit haben, gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern zu entscheiden, wie die Handynutzung geregelt wird und wie die Potenziale der digitalen Medien sinnvoll genutzt werden können“, plädiert sie.

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