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Sängerin Aliya Ilgin (l) und ihre Freundinnen.
#KeinBildFürHeidi
Panorama

„Löscht euch ihr hässlichen Feminazis“

Von Andreas Sieler
08:18

Als Protest gegen Heidi Klums „Germanys Next Topmodel“ (GNTM) und das in dem Sendeformat vermittelte Frauenbild haben Hamburger Schülerinnen in der vergangenen Woche das Video „I’m not Heidis Girl“ veröffentlicht. Unter dem Hashtag „KeinBildFürHeidi“ verbreitete sich das Video erfolgreich in den sozialen Netzwerken, schon in den ersten vier Tagen sahen laut „Pinkstinks“ 200 000 Menschen den Clip. Dieser ist professionell produziert, die selbstbewusst auftretenden elf- bis 15 Jahre jungen Hamburgerinnen machen ihren Standpunkt klar: Stress gibt es schon in der Schule genug, auf Diät- und Schminkterror können sie bereitwillig verzichten.

Kommentarspalten auf Youtube geschlossen

Doch dann das: „Löscht euch ihr hässlichen Feminazis“, „Mit deiner Fresse will eh keiner mit dir poppen“ und Bemerkungen, die Kinder und Teenager seien „untervögelt“ sind Reaktionen, die den Machern auf Youtube entgegenschlugen. Keine Einzelfälle – im Gegenteil. Bei „Pinkstinks“ sahen sich die Verantwortlichen daher gezwungen, die Kommentarspalten auf Youtube zu schließen, um die Mädchen zu schützen, wie Geschäftsführerin Stevie Meriel Schmiedel der Frankfurter Rundschau sagte. Mit dem gegenwärtigen Personalstand sei es nicht möglich gewesen, die Kommentare zu löschen, bevor die Darstellerinnen diese morgens vor der Schule zu lesen bekämen.

Diese Maßnahme wirke sich negativ auf die Kampagne aus, da die Algorithmen der Videoplattform infolgedessen die Verbreitung des Clips ausbremsen. Mit Kommentarfunktion sei diese etwa dreimal höher, schätzt Schmiedel. Hinter den „teilweise sehr harten“ Anfeindungen sieht sie auch „organisierte Feministenhasser“, die verabredet auf bestimmte Portale einströmen. Organisieren würden diese sich unter anderem über deutschtümelnde Online-Seiten wie „WikiMANNia“, die nach eigener Auskunft „über Benachteiligungen von Jungen und Männern, sowie Bevorzugungen von Maiden und Frauen“ informieren. 

Ein weiterer Vorwurf, mit dem das Projekt konfrontiert wurde, lautet, die Mädchen seien zu hübsch und nicht „normal“. Dazu nimmt „Pinkstinks“ auf der eigenen Webseite Stellung. Es habe kein Casting gegeben, Sängerin Aliya Ilgin habe ihre Freundinnen zusammengetrommelt. „Wir haben am Drehtag nicht zu ihr gesagt: ,Sorry, Aliya, die sind viel zu hübsch. Wir müssen euch alle noch ein paar Pickel anmalen, wäre das okay? Und wie – du hast keine Freundin im Rollstuhl? Können wir die noch irgendwo herbekommen?‘“ Die Schülerinnen seien Teil der Zielgruppe. „Diese Kinder sind nicht aus dem luftleeren Raum, sondern echt. Sie sind mit Barbie, GNTM, Selfies und Bravo Girl aufgewachsen.“

PinkstinksSelbstverständnis

„Pinkstinks“ versteht sich als 
Kampagne, die gegen Produkte und Marketingstrategien vorgeht, bei denen Mädchen oder Jungen eine limitierende Geschlechterrolle zugewiesen wird. 

PinkstinksAktivitäten

Derzeit zählt „Pinkstinks“ fünf 
Mitarbeiter. Zu den Aktivitäten zählen beispielsweise Theaterarbeit an Schulen gegen Mobbing und Homophobie, Lobbyarbeit und Beratung von Firmen gegen Sexismus sowie diverse Kampagnen.

PinkstinksFinanzierung

Die Finanzierung funktioniert über Spenden sowie Zuschüsse des Bundesministeriums für 
Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Um gegen die unter Pseudonymen agierenden Hetzer rechtlich vorzugehen hat man bei „Pinkstinks“ derzeit zu viel um die Ohren – der Schutz der Mädchen und der Blick nach vorne haben Vorrang. Für Genderforscherin Schmiedel selbst ist der Umgang mit Hass und Sexismus ohnehin nichts Neues, seit sie mit „Pinkstinks“ vor sechs Jahren alleine an den Start ging – „Wenn Sie wüssten, was ich an Mord- und Vergewaltigungsdrohungen bekommen habe“. 

Doch bei weitem nicht alle Reaktionen sind negativ: Die Kinder erfahren an den Schulen ein positives Feedback, verrät Schmiedel, auch auf Twitter und Facebook sind reichlich Unterstützung, Lob, Herzchen und Liebesbotschaften zu finden. Das macht Mut. „Wir hoffen, dass das Lied im Radio gespielt wird, die Welle beginnt ja erst“, so Schmiedel. Zum GNTM-Finale wollen die Macher das Lied in den Charts haben. 

Schmiedel blickt auf die wenigen Tage seit der Veröffentlichung des Videos mit gemischten Gefühlen zurück: Es sei schade, wie unglaublich hart die Leute die Aktion kommentieren und die Mädchen zu schützen sei eine große Verantwortung. „Ich bin wahnsinnig berührt, wie mutig die Mädchen sind, aber ich weiß nicht, ob ich das nochmal so machen würde.“ 

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