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Nur die Musikbegeisterung kennt keine Geschlechterdifferenzen.
Keychange
Panorama

„Es wird der gesamten Musikwirtschaft nutzen“

Von Andreas Sieler
17:36

Herr Schulz, Sie sind Mitinitiator von Keychange. Rund 100 Festivals und Konferenzen haben sich bis jetzt angeschlossen.
Die Idee war, dieses Programm für kleine und Kleinstunternehmen aufzusetzen. Dazu gehört die Arbeit nach außen – zu sagen: Wer die Kampagne unterstützt, muss sich auch zu dem Ziel eines 50-prozentigen Frauenanteils ab 2022 bekennen. Diese Aufforderung richtet sich vor allem an Veranstaltungen, die ein Format haben wie wir beim Reeperbahn-Festival. Es ist völlig nachvollziehbar, dass reine Konsumentenveranstaltungen oder große Veranstalter Schwierigkeiten haben, so etwas zu unterstützen.

Wo liegen diese Schwierigkeiten für die großen Veranstalter?
Dass ich auf einem Markt, jedenfalls was das Konzertprogramm betrifft, nur das kaufen kann, was da auch angeboten wird. Ich habe Verständnis für die großen Festivals, weil die ökonomische Sorgen haben, wenn sie von heute auf morgen nicht mehr nach Marktlage, sondern nach Gendervorgaben buchen. Obwohl ich mich über jedes Headliner-Festival freue, das mitmacht: „Way Out West“ ist Gründungsmitglied bei uns, die trauen sich das zu. Ich habe aber Respekt davor, wenn Roskilde sagt: „Wir unterstützen Keychange, aber wir können die Absichtserklärung bis 2022 nicht unterzeichnen – wir können das vielleicht für 2028 unterschreiben, wenn ihr auf den Marktplätzen gut arbeitet für die Headliner von morgen.“ Daher unterstützen sie die Kampagne lieber mit Geld und schauen dann, wie die Arbeit mit den Stars von morgen so gelaufen ist. Man muss aber auch unterscheiden: Roskilde hat sich damit intensiv beschäftigt. Es gibt andere Headliner-Festivals, die sich mit der Frage gar nicht beschäftigen. 

Roskilde ist in Dänemark. Unterstützten auch größere deutsche Festivals Keychange?
Von den großen derzeit nur Roskilde. Wir haben aber auch noch nicht überall angeklopft und nachgefragt.

In Deutschland gibt es zahllose Festivals, es beteiligen sich fünf. Hatten Sie sich mehr erhofft?
Der Sommer ist ja noch nicht vorbei. Ich kann mir vorstellen, dass daraus für die Folgejahre mehr resultiert. Am Ende geht es darum, dass man eine Person erwischt, die entweder schon ein Teilbewusstsein hat oder man es gemeinsam ausbaut. Die müssen wir dann fördern und unterstützen. Rein ökonomisch gesehen ist es so, dass ganz viel qualitativ hochwertige Musik irgendwo schlummert und noch gar nicht geborgen ist, sofern man von der These ausgeht, dass unter Menschen, weiblich wie männlich, das Talent für gute Musik gleich verteilt ist. Das Abbild da draußen ist aber nicht so. Da liegt also irgendwo etwas rum. Wenn das am Markt so angeboten wird, wie Talent verteilt ist, dann wird das Produkt Musik besser. Es wird der gesamten Musikwirtschaft nutzen. 

Im September ist ihr Reeperbahn-Festival. Wie sieht es dort denn mit der 50:50-Balance aus?
Für den September 2018 kann ich das noch nicht sagen. Aber wir hatten zuletzt 42 Prozent Speakerinnen im Fachbesucherprogramm und 38 Prozent Frauen im Konzertprogramm. Ich bin guter Dinge, dass wir bis 2022 ins Ziel kommen. 

Was passiert mit Veranstaltern, die dieses Ziel nicht erreichen?
Was wir machen, ist die Entwicklung ab dem Beitritt zur Kampagne zu dokumentieren.

Die Veranstalter geben ja nur eine Absichtserklärung ab.
Ganz genau. Wenn da 2022 jemand bei 45 Prozent steht, aber von 15 Prozent kommt, beispielsweise eine Hip-Hop- oder Heavy- Metal-Veranstaltung – man muss ja auch immer das Genre berücksichtigen – dann wird man sicher sagen: „super“. Alle sehen, die haben daran gearbeitet. 

Keychange will einen „positiven Wandel“ bewirken, heißt es. Sind die freiwilligen Teilnehmer der Kampagne nicht ohnehin nur die, die sich schon der Unterrepräsentation von Frauen im Musikbusiness bewusst sind?
Die Kampagne wirkt nach außen, aber auch nach innen. Die Teilnahme erfordert eine andere Disziplinierung. Das weiß ich von Kollegen mit ähnlichen Formaten: Da war zwar ein Bewusstsein für das Thema da, aber kein „Jetzt packen wir es an und probieren das konkret“ – noch dazu mit Blick auf 2022. Die Teilnehmer wissen: Sie sind da draußen auf einer Webseite gelistet, dort steht öffentlich geschrieben, dass sie dieses Ziel haben. Das hat eine andere Qualität. 

Warum sind Frauen denn in der Musikbranche überhaupt derart unterrepräsentiert? 
Mit der Musikgeschichte Deutschlands muss man unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg anfangen. Deutschland war ein Verkaufsland für die Alliierten. Damals gab es fünf Major-Record-Companies mit Hauptsitzen in Nordamerika und Großbritannien. Deutschland selbst hatte keinen Einfluss auf die Entwicklung der Popmusik, das hat sich erst in den letzten knapp vier Jahrzehnten verändert. Die ersten Gehversuche waren dann mehr ein Nacheifern dessen, was aus dem angloamerikanischen Kulturraum hier ankam. Dann kam irgendwann die nächste Generation, die war aber auch erst mal männerdominiert. Dann kamen die Erfolge der Hamburger Schule, Hip-Hop, die ersten Strömungen, von denen man sagen konnte: „Okay, da gibt es eine eigene popkulturelle Identität aus Deutschland“. Das waren aber hauptsächlich Männer, weil das Abbild in Nordamerika so war. Ich vermute, dass bei weiblichen musikalischen Talenten das Vertrauen in das eigene Talent noch nicht so ausgeprägt ist. Das geht bei der musikalischen Schulbildung los. Keychange macht das „klein und light“, sozusagen „education nach der Schule“. Aber man muss da sicherlich früher ansetzen. Ich fürchte, dass da schon der erste Schritt in die falsche Richtung geht. Ich glaube aber, wir wären jetzt in der Lage, Dinge zu verändern. 

Sie sehen darin demnach auch eine politische Aufgabe?
Schulpolitik ist Ländersache. Die Lehrpläne sind sehr stereotyp, aber eine Kampagne kann auch auf einzelne Personen wirken. In der Ausgestaltung des Unterrichts ist ja jeder Musiklehrer frei. Ich weiß nicht, ob wir Lehrer mit unserer Kampagne erreichen. Das Selbstbewusstsein für die eigene Stärke in einem männerdominierten Feld zu entwickeln, in einem so frühen Stadium, wird immer schwieriger, weil die Wahrnehmung der jungen weiblichen Talente für das, was da draußen passiert, leider immer noch männlich dominiert ist. Irgendwo muss dieser Knoten zerschlagen werden. 

Keychange setzt auf Freiwilligkeit, Sie vermeiden Druck und Quoten. Wie sieht es bei Major-Labels aus? Wichtige Positionen sind ja eher in Männerhand. 
Wir müssen zwischen Künstlerseite und Musikwirtschaft unterscheiden. Ich bin für einen starken Appell für unsere Quote bis 2022. Im Moment versuchen wir aber noch zu überzeugen. Auf der Wirtschaftsseite – egal ob Labels, Konzertagenturen oder Musikverleger – ist alles extrem männerdominiert. Man darf auch nicht quantitativ die Quote aus der Gesamtbelegschaft ziehen, sondern man muss schauen, wie sieht es an Entscheiderpositionen aus. Man kann nicht genau sagen, wie hoch oder niedrig die Frauenquote auf Entscheiderebene ist. Gefühlt ist sie verschwindend gering. Das ist nicht mehr zeitgemäß. 

Interview: Andreas Sieler

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