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Ein Stapel Fassungslosigkeit: Selbst erfahrene Ermittler sind immer wieder geschockt.
Kindsmörderin gesucht
Panorama

Eine Frau in einer Ausnahmesituation

Von Gerhard Voogt
18:24

Das tote Baby ist in einem Stoffbeutel versteckt. Kinder finden die Leiche durch Zufall, als sie unter einer Fußgängerbrücke an einem Bach in Willich-Anrath spielen. Der verstörende Fund in der Nähe von Mönchengladbach bewegt die Menschen im ganzen Land. Wie kommt eine Mutter dazu, ihr Kind zu töten? Auch erfahrende Mordermittler machen solche Fälle fassungslos.

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen etwa muss durchschnittlich vier Mal im Jahr die Tötung eines Neugeborenen aufklären. Früher waren die Ermittler dabei oft auf Intuition und Zufall angewiesen. Jetzt hat das Land den Polizeibehörden spezialisierte Helfer an die Seite gestellt. Profiler des Landeskriminalamts (LKA) arbeiten mit daran, die sogenannten Neonatizide aufzuklären. „Dabei sind wir schon recht erfolgreich“, sagte Andreas Müller, Chef des Sachgebietes „Operative Fallanalyse“, im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Der Fall von Willich-Anrath stellt die Ermittler vor eine große Herausforderung. Der Körper des getöteten Babys ist bereits stark verwest, als die Leiche gefunden wird. Die Todesursache ist deshalb zunächst unklar. Forensiker des rechtsmedizinischen Instituts der Uni Köln entdecken bei der Obduktion aber eine Stichwunde. Der Beutel, in dem der tote Junge eingewickelt war, wird auf DNA-Spuren untersucht. Gleichzeitig stellen die LKA-Profiler erste Hypothesen auf, die zur Täterin führen können. In aller Regel werden die Tötungsdelikte von der Kindsmutter selbst begangen.

Bei den Ermittlungen greifen sie auch auf die wissenschaftlichen Ergebnisse zurück, die die Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle des LKA zusammengestellt hat. „Ein zurückgelassenes Handtuch lässt darauf schließen, dass Tatort und Fundort nicht identisch sind“, sagt Müller. Aus der Statistik gehe hervor, dass die getöteten Kinder in der Regel wegen des hohen Entdeckungsrisikos nicht weit transportiert würden: „Der Radius beträgt vielfach nur bis zu 2,5 Kilometer.“ Eine Erkenntnis, die bei der Suche helfen kann.

Der Hollywood-Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ hatte in den 90ern einen Kult um den Beruf der Profiler ausgelöst. Mit den „Superbullen“ aus dem Kino habe die Arbeit der LKA-Profiler aber nichts zu tun, sagt Müller. „Wir arbeiten im Team und beraten die Polizei dann vor Ort bei der Aufklärung. Zunächst geht es darum, Klischees auszuräumen. Wir suchen in der Regel keine eiskalte Mörderin, sondern eine Frau in einer Ausnahmesituation. Viele leiden unter massiven psychischen Problemen.“

Auch die Vorstellung, dass es sich bei der Täterin um ein junges Mädchen handeln muss, das ungewollt schwanger wurde, trifft nach LKA-Erkenntnissen nur selten zu. „Wir haben auch Fälle, bei denen 40-jährige Frauen, die schon drei Kinder hatten, ihr Neugeborenes umgebracht haben. Die Täterinnen behalten die Schwangerschaft fast immer für sich. Sie haben zum Teil Angst, verlassen zu werden oder ihren Job zu verlieren.“

Viele Fälle von Kindstötungen werden nicht entdeckt. Pro Jahr gelangten deutschlandweit etwa 40 Fälle ans Licht. Vor allem, wenn tote Kinder in der Mülltonne verschwinden, sei die Gefahr hoch, dass die Tat unbemerkt bleibt, sagen Ermittler. Die Dunkelziffer könnte erheblich sein.

Die meisten Täterinnen haben keine emotionale Beziehung zu dem Kind in ihrem Bauch aufgebaut. „Oft werden sämtliche Anzeichen ihrer Schwangerschaft verdrängt und aus dem Bewusstsein ferngehalten. Deswegen wird es wie ein Ding behandelt, das man entsorgen kann“, so Müller. Grabbeilagen wie Teddybären fänden sich nur ganz selten. In München wurde im August ein Säugling von seiner Mutter nach der Geburt in einem Gebüsch ausgesetzt – der Junge wurde zum Glück rechtzeitig gefunden.

Kriminalistische Untersuchungen von Neonatiziden jedenfalls zeigen, dass die Geburt in mehr als der Hälfte der Fälle im Badezimmer stattfindet. Häufig werden die Babys direkt in die Toilette geboren und dort auch durch aktives Handeln oder Unterlassen getötet. In circa 96 Prozent sind die Mütter bei der Tat alleine. Allerdings sollen sich häufig weitere Personen in der Wohnung aufhalten, die die Geburt aber nicht bemerken. Dies zeige, dass im Umfeld der Täterinnen oft nur eine geringe Sensibilität für mögliche Probleme und Beschwerden bestehe, heißt es. In etwa 85 Prozent der Fälle seien die Täterinnen unverheiratet.

Ein Ansatzpunkt für die Ermittler ist die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft. „Viele Frauen geben an, Medikamente zu nehmen. Aber es fällt auf, wenn sie plötzlich wieder schlank sind. Die Ermittler können nachhaken, ob solche Frauen im Umfeld des Fundorts aufgefallen sind“, so Müller. Laut Statistik werden „Schwangerschaftsmerkmale“ in etwa 75 Prozent der Fälle im Umfeld erkannt. In einem Drittel der Fälle wurden den Frauen sogar konkrete Fragen zu einer möglichen Schwangerschaft gestellt. Die Profiler nutzen auch die sozialen Netzwerke für ihre Nachforschungen.

Bei den Ermittlungen müssen die Fahnder hochsensibel vorgehen. Vor allem Angehörige haben meist eine hohe Hemmschwelle, einen Verdacht gegen ein Familienmitglied auszusprechen, auch wenn sie bereits konkrete Mutmaßungen hegten. „Geldsummen zur Aufdeckung der Tat auszuloben, bringt meist nichts“, sagt Müller. „Die Hinweisgeber wollen keinen Judaslohn kassieren.“

Dennoch: Im Fall von Willich-Anrath führt schließlich der Hinweis einer Tante zum Erfolg. Samantha M. und Kindsvater Dennis F., der den Jungen nach der Tat in den Bach gelegt hatte, werden nach Jugendstrafrecht zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Mutter wurde zugutegehalten, dass sie zum Tatzeitpunkt wegen einer psychischen Erkrankung in ihrer Steuerungsfähigkeit eingeschränkt war.

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