© Karl-Josef Hildenbrand (dpa), FR
Weihnachtsgeschenke unter Christbaum (Symbolfoto).
Was soll das?
Panorama

Unboxen

Von Boris Halva
21:43

Ach ja, das Internet. Einst gepriesen als das Füllhorn für Wissenshungrige schlechthin, avanciert es unaufhaltsam zum Tummelplatz für Pseudofachleute, die so lange mit schiefen Halbsätzen um sich werfen, bis das Banale als Expertise erscheint. Einige dieser viralen Selbstvermarkter haben nun etwas zu ihrer Profession gemacht, was bis vor Kurzem noch exklusiv mit Geburtstagen und Weihnachten verbunden war: Geschenke auspacken. Mit dem feinen Unterschied, dass sie nicht von Mama, Opa, Patenonkel oder Freunden beschenkt werden, sondern von Firmen. Und zwar ganzjährig.

Diese Firmen schicken Schminke, Schreibtisch-Stühle oder auch Messer in allen Farben und Formen an diese jungen Leute, die sich dann dabei filmen, wie sie die Kisten aufpacken und sich über den Inhalt total mega freuen. Das nennt sich „Unboxen“, wie ich jetzt von meinem elfjährigen Sohn lernen durfte.

Als er mir dieser Tage ein Video zeigte, in dem ein junger Mann, dessen Name mir jetzt nicht mehr einfällt – der aber auch nicht wichtig ist, weil es etliche seiner Art gibt, die allesamt trotz begrenzten Wortschatzes viel zu viel reden – als nun dieser junge Mann einen Berg Kartons und Postpakete vor die Kamera schob, schwante mir schon Fürchterliches. Aber ich blieb offen und interessiert. Wir wissen ja, wie wichtig es ist, nicht immer gleich alles zu verurteilen, was man nicht kennt.

Doch für alle, die glauben, einem unbekannten jungen Mann dabei zuzusehen, wie er Kisten auspackt, sei schon jenseits von Relevanz, sei an dieser Stelle erwähnt: Es gibt auch junge Menschen, die sich von anderen jungen Menschen Videos zuschicken lassen, die sie wiederum vor laufender Kamera kommentieren mit Worten wie „Was ist das für eine kranke Scheiße, Digger?“ oder „Das ist aber so was von nice, Bro“. Und auch das sehen sich viele, viele junge Menschen an.

Und nun also Geschenke auspacken. Vor laufender Kamera. Dachte ich anfangs noch, das Wort „anboxen“ sei die Erfindung des jungen Mannes, eine kreative Wortschöpfung, die ich ihm kaum zugetraut hätte, so wurde mir schnell klar, es muss sich um ein englisches Wort handelt. Ein englisches Wort für „etwas aus einer Kiste holen“. To un-box, möglicherweise. Das könnte ich jetzt googeln, aber diese Herleitung muss reichen.

Die Frage ist ja auch nicht, was unboxen bedeutet, sondern was das eigentlich soll? Was habe ich davon, wenn einer Kisten auspackt, in denen Schreibtisch-Stühle und ganz, ganz viele Messer sind? Und Feuerzeuge, die wie kleine Brandbomben designt sind? Nach einigen Minuten ist auch dem Neuling klar: Der Unboxer stellt keine Fragen. Er sagt: Nice. Und diese Einschätzung scheint für die Hersteller oben genannter Dinge wohl seriös und Grund genug zu sein, um den jungen Mann ganzjährig üppig zu „bemustern“, wie es im Marketing so schön heißt.

Und da sitzt er jetzt also, der bemusterte Knabe, in seinem Zimmer, das aussieht wie ein Fahrradladen ohne Fahrräder (kommen bestimmt bald) und unboxt sich in einen Rausch. Er hält Messer in die Kamera, die aussehen wie kleine Krummsäbel, die Klingen rosa oder regenbogenfarben. Zwischendurch schneidet er mit diesen sehr hässlichen, sehr scharfen Messern Papier in Streifen und schaut dabei in die Kamera mit diesem Blick, der wohl sagen soll: „Ich hab’s euch ja schon immer gesagt, so eine krasse Scheiße passiert hier auf der Welt und ihr seid dabei und ich bin dabei!“

Wir sind dabei, ja. Es ist zum Heulen, aber das Internet macht’s möglich. Da schicken Firmen sehr hässliche, sehr scharfe – also: gefährliche – Messer an junge Männer mit noch sehr formbaren Gehirnen und engen Horizonten (mindestens genauso gefährlich) und keiner tut was dagegen. Ich finde, die ach so aufgeklärte Protestcommunity sollte sich die Leute vorknöpfen, die solche perfiden Marketingstrategien entwickeln und willfährige Teenager instrumentalisieren, anstatt immer so ein Aufhebens um den G20-Gipfel zu machen.

Natürlich sind nicht alle Unboxer laut und unreflektiert und halten hässliche Messer in die Kamera. Es gibt auch welche, die eine Art Stiftung Warentest light und damit einen gewissen Nutzwert bieten. Aber die meisten Auspacker, Let’s-Player und überhaupt alle marketinggetriebenen Youtuber sind genauso gefährlich wie diese gruseligen Social Bots, die Hass und Desinformation im weltweiten Netz kultivieren. Denn mit ihrem täglich hochgeladenen Nonsens stehlen sie ihren jungen Zuschauern nicht bloß wertvolle Lebenszeit, sie zerquatschen deren Gehirne zu einem Neuro-Brei, in dem sich die Spuren eigener Gedanken irgendwann nur noch erahnen lassen – und bekommen dafür auch noch Geschenke!

Und damit wären wir wieder bei der Frage: Was soll das?

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