© David Daub, FR
Namika hat schon als Jugendliche Texte geschrieben. „Meine Mutter hat aber darauf bestanden, dass ich mein Abitur mache, weil sie eben wusste, dass ohne Bildung nichts geht.“
Namika
Panorama

„Die Wahrheit kann man nicht beschönigen“

Von Kathrin Rosendorff
12:51

Namika, auf Ihrem neuen Album erzählen Sie sehr persönlich von Ihrer Kindheit in Frankfurt. Eine Textzeile lautet „Alles, was ich wollte, war ’n sicheres Zuhause. Nie mehr Zwei-Zimmer-Wohnung, nie mehr Hartz-IV: Ich hol’ uns raus hier, Yemma (Mama), glaub mir.“ Wie konnten Sie sich da so sicher sein?
Ich wusste es einfach schon. Die Frage ist: Was hat mich dazu gebracht, so einen Kämpferwillen zu entwickeln? Es war wohl diese Ausgangssituation vor dem Nichts zu stehen und zu sagen: „Alles oder nichts.“ Mit 14 habe ich angefangen, meine ersten Texte zu schreiben, anfangs noch ganz spielerisch. Ich nahm Rap-Tapes mit meinem Cousin auf. Ich habe mich dann später immer mehr gesteigert und wurde immer besser. Meine Mutter bestand aber darauf, dass ich mein Abitur mache, weil sie eben wusste, dass ohne Bildung nichts geht. Als ich mit 21 meinen ersten Plattenvertrag bekam, sagte ich zu ihr: „Das habe ich dir doch gesagt.“ Mittlerweile lebe ich mit meiner Mutter und meinen zwei jüngeren Brüdern zusammen in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Frankfurt.

Haben Sie Ihre Mutter vorab gefragt, ob es für sie okay ist, dass Sie Ihre Familiengeschichte so publik machen werden? 
Klar, habe ich mir zuerst den Segen meiner Mutter geholt. Aber das, was passiert ist, ist halt die Wahrheit – und die kann man nicht beschönigen. Meine Mutter hat sehr verständnisvoll reagiert. Meine Fans waren hingegen anfangs ziemlich schockiert. Sie verbanden mit mir meinen ersten Hit „Lieblingsmensch“. Und dann kommt so eine Story raus. Aber nach dem ersten Schock, haben sie so reagiert wie ich es mir gewünscht habe. 

Und zwar?
Positiv. Am Ende des Tages hat jeder Mensch sein Päckchen zu tragen. Und viele fühlen sich durch meine neuen Lieder nicht mehr so allein mit ihrem Schicksal. 

Sie erzählen auf Ihrem Album auch von Ihrem Vater, den Sie nie kennengelernt haben… 
Ich trage dieses Thema schon ewig mit mir rum. Als ich das Lied über ihn schrieb, hatte mir meine Mutter zum ersten Mal ungefiltert die Wahrheit erzählt. Mir war schon als Kind klar, dass er verschwunden und irgendwas passiert war. Selbst seine Familie wusste anfangs nicht, wo er war. Meine Mutter, die hochschwanger mit mir war, hatte sogar Privatdetektive engagiert, um ihn zu suchen. Erst später erfuhr sie, dass er in Deutschland mit Drogen gedealt hatte und dann in sein Heimatland Marokko abgeschoben wurde. Dort saß er dann lange im Gefängnis. 

Als Sie als Kind im Urlaub in Marokko waren, wollte er Sie auch entführen…
Mein Vater wurde frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen, weil bei ihm Krebs diagnostiziert worden war. Er schickte seinen Schwager zum Ferienhaus meiner Großeltern in Marokko. Er sollte für ihn seine Familie zurückfordern. Mein Großvater hat das aber nicht zugelassen. Die Gefahr war wohl aber groß. Denn mein Vater, der aus einer wohlhabenden Familie kam, war sehr gut vernetzt mit Politikern und hatte sogar beste Kontakte zum Königshaus. Und wenn er mich in die Finger bekommen hätte, hätte er dafür sorgen können, dass ich er mich in Marokko behält. In diesem Sommer konnte ich nicht mehr allein draußen spielen. Meine Familie fürchtete, dass mein Vater aus dem Busch springt und mich entführt. 

Haben Sie sich auch gefürchtet?
Ich selbst hatte keine Angst vor meinem Vater. Doch ich spürte die Angst meiner Familie. Dieses Gefühl war beängstigend. 

Mit 42 starb Ihr Vater dann an Krebs. Trotz allem hätten Sie ihn gerne kennengelernt. Warum? 
Ich hätte gerne auch seine Version der Geschichte gehört. Immer wieder wird mir gesagt, dass ich ihm wie aus dem Gesicht geschnitten bin, und ich frage mich: Was war noch ähnlich? Und: Wie hätte sich mein Charakter entwickelt, wenn ich einen Vater gehabt hätte? Vielleicht wäre ich etwas weniger willensstark, weil ich gedacht hätte: „Ich habe einen Papa und der passt auf mich auf“. Ich weiß es nicht. 

Ihre Großeltern haben Sie großgezogen. Wie war das? 
Da meine Mutter tagsüber jobben musste, habe ich viel Zeit bei meinen Großeltern verbracht und mit meinen Cousinen und Cousins gespielt. Acht Jahre lang war ich Einzelkind. Bis meine Mutter nochmal geheiratet hatte und ich noch zwei Brüder bekam. Aber mein Stiefvater trank leider viel, die Situation eskalierte. Irgendwann warf sie ihn raus. Meine Geschwister sind wie ich also ohne Vater aufgewachsen, und irgendwann bin ich als die Älteste in die Rolle des zweiten Erziehungsberechtigten gerutscht. 

NamikaZur Person

Namika heißt mit bürgerlichem Namen Hanan Hamdi. Sie wird am 23. August 1991 in Frankfurt am Main geboren. An der Carl-von-Weinberg-Schule im Frankfurter Stadtteil Goldstein macht sie ihr Abitur. Neun Jahre lang spielt sie Handball, schafft es in die 3. Liga. Bis eine Verletzung sie zum Aufhören zwingt. Von da an konzentriert sie sich auf die Musik. Ihren ersten Plattenvertrag unterzeichnet sie mit 21. Ihre Großeltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, stammen aus der marokkanischen Küstenstadt Nador. 

NamikaZum Album

Mit ihrem Debütalbum „Nador“ (2015) gelingt auch ihr erster Hit – „Lieblingsmensch“. Ihr Künstlername Namika leitet sich aus dem Arabischen ab und bedeutet „in gewähltem Stil schreiben“. Ihre Texte schreibt sie selbst. Eine Mischung aus Rap, Hip-Hop und orientalischen Klängen sei ihre Musik. Auch die erste Single „Je ne parle pas francais“ ihres aktuellen Albums „Que Walou“ schaffte es an die Spitze der Charts. 

NamikaZur Tour

Namikas Tour im September ist bereits ausverkauft. Aber sie geht 2019 nochmal auf große Tour: Berlin (14. Januar); Nürnberg (15. Januar); Leipzig (16. Januar); Wien (17. Januar); Zürich (19. Januar); Stuttgart (20. Januar); Frankfurt (21. Januar); Dortmund (22. Januar); Köln (24. Januar); Mannheim (25. Januar); Luxemburg (27. Januar); Bremen (21. Februar); Hamburg (22. Februar). rose

Bei dem Song DNA lautet eine Zeile „Denn irgendwas in mir schreit immer, wenn es ernst wird „Renn, so schnell du kannst!“ Liegt diese Beziehungsangst an Ihrer Familiengeschichte?
Bestimmt. Ich glaube, das hat mit der Angst zu tun, enttäuscht zu werden. Also, was mir in meinem Fall vorgelebt worden ist. Da war nämlich kein Vater. Natürlich war da mein Großvater. Das beste männliche Role Model, das ich haben konnte. Er war immer für mich da. Aber trotzdem packt mich manchmal das Misstrauen, wenn es darum geht, jemanden so gefährlich nah an mich ran zu lassen. Natürlich besteht die Möglichkeit, enttäuscht zu werden. Daher schaue ich mir Menschen immer erst mal genau an.

Ihre Mutter hatte wenig Geld. Ihnen waren Markenklamotten als Teenager trotzdem sehr wichtig. Schon ein bisschen egoistisch, oder nicht?  
Meine Mutter hat mich super unmaterialistisch erzogen. In der Mittelstufe ging es aber los: „Was für Schuhe hast du?“ Bis heute ist es so, dass, wenn ich neue Sneakers bekomme, Silvester, Weihnachten und Geburtstag an einem Tag für mich ist. Das wusste meine Mutter. Ich war kein grausames Kind, das dies von ihr erwartetet hat. Sondern meine Mutter hat gesehen, dass ich mich einfach so sehr freue. Jahrelang hat sie nichts für sich selbst gekauft. Sie hat immer den gleichen alten Mantel getragen, viel gespart für mich. Aber auch dann, wenn meine Mutter mir solche Sachen gekauft hatte, hat sie immer betont: „Es ist toll, schöne Sachen zu haben, aber am Ende des Tages sollte man nie damit angeben.“ Denn auch wenn es uns finanziell schon nicht gut ging, wusste sie von Nachbarskindern bei uns im Viertel, die sich solche Sneakers nicht hätten leisten können. Ihre gute Erziehung wirkt bis heute.

Inwiefern? 
Die Musikbranche ist sehr oberflächlich. Es gibt Leute, die klopfen einem auf die Schulter, jetzt, wo es super läuft. Und klar ist es auch schön, gefeiert zu werden. Aber ich gehe jetzt nicht nach Hause und bilde mir darauf etwas ein. Denn dann könnte es passieren, dass ich die Bodenhaftung verliere. Das möchte ich nicht.

Sie leben in der dritten Generation in Deutschland und haben den deutschen und marokkanischen Pass. Gerade äußerten sich viele Menschen unter #MeTwo: War oder ist Alltagsrassismus ein großes Thema für Sie?  
Nein. Frankfurt ist eine der Städte, in denen Multikulti schon sehr früh gelebt worden ist. Klar gibt es Idioten, die mal einen falschen Satz fallen lassen. Gerade, wenn sie meine Mutter, die Kopftuch trägt, sehen. Als Kind erinnere ich mich an eine sehr heftige Situation, als Jungs meine Mutter einschüchtern wollten. Sie spuckten meiner Mutter vor die Füße. Das kommt vom Elternhaus. Ich frage mich, wie sie heutzutage sind, ob sie sich besonnen haben. 

Sie haben eine Koranschule besucht. Welche Rolle spielt Religion in Ihrem Leben? 
Ich bin religiös erzogen worden und bin immer im Kontakt mit dem lieben Gott auf meine Art und Weise. Ich finde es aber sehr schade, was mit der Religion heutzutage passiert. Dass Religion instrumentalisiert und politisiert wird. Ich muss manchmal Angst haben, laut auszusprechen, dass ich Moslem bin. Denn gerade findet so eine Islam-Hetze statt. Ich glaube, den Image-Schaden, den Moslems haben, den kann momentan nur VW nachvollziehen. 

Verstehen Sie, warum so viele Leute nun zu AfD-Wählern geworden sind?
Es gibt ein paar Menschen, die sich von ihrer Angst leiten lassen und nicht mehr rational denken können. Mit diesen Gefühlen spielt die AfD. Dass, was jetzt passiert ist, ist aber total sinnfrei. 

Wie meinen Sie das?
Schon als die ersten Gastarbeiter vor Jahrzehnten nach Deutschland kamen, hat das prima funktioniert. Ich sehe das an meinem Großvater, der zu dieser Gastarbeiter-Generation gehört. Es war ein freundschaftliches Miteinander und Aufeinanderzugehen: „Ich akzeptiere deine Kultur und wir bereichern uns auch gegenseitig.“ Terroranschläge oder die „Nafri“-Silvesternacht in Köln haben überhaupt nichts mit Religion zu tun, sondern nur damit, was das für Menschen sind. Und in dem Fall waren das einfach Vollidioten. 

Immer wieder werden Sie auf den Unbekannten Ihres aktuellen Hits „Je ne parle pas francais“ angesprochen. Den Herren gab es in der Tat, aber es blieb beim harmlosen Flirt. Aber viel interessanter ist doch, dass Sie auch eine Art Liebeslied über eine Parkbank geschrieben haben. Wie kommt man denn darauf?
Immer, wenn ich meine Songwriting-Phase habe, dann sehe die Dinge plötzlich ganz anders an als normalerweise. Nämlich mit Songwriter-Augen. Als ich Ideen für mein aktuelles Album sammelte, da lief ich an meiner Lieblingsbank, die im Frankfurter Rebstockpark ist, vorbei und dachte: „Hm, über dich habe ich noch keinen Song geschrieben!“ Ich fand die Idee einfach sehr schön, zu zeigen, was für eine Bedeutung eine Bank haben kann. Sie auch zu personifizieren, und darüber zu singen, was für schöne und traurige Momente man mit ihr hatte. Ich habe dort auch die ersten Texte meines Debütalbums geschrieben. Es geht jetzt schon über fünf Jahre mit uns. (lacht)

Interview: Kathrin Rosendorff

 
  Zur Startseite