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Otto Waalkes im Alter von 24 Jahren während einer Aufzeichnung seiner "Otto-Show".
Otto Waalkes
Panorama

Ein Holladihiti auf Susi Sorglos

Von Petra Kohse, Harry Nutt, Frank Junghänel, Marcus Weingärtner
23:26

Die Zwillingsschwestern

Das Eindrücklichste an den Otto-Shows waren für mich als Kind in den 70ern seine Frauenfiguren: Susi Sorglos mit dem verwunschenen Föhn, Frau Mümmelmann mit der bretthart gesprayten Ponyfrisur oder natürlich die Ehefrau, die mit der Gasmaske vor ihrem im Sessel sitzenden Mann steht und ihn fragt, ob ihm an ihr etwas auffällt. Als unerschrockener Crossdresser warf sich Otto in alle Figuren seiner gespielten Witze, und sein quäkend zotiger, hemmungslos regressiver Radikalverzicht auf jede Ähnlichkeit mit ernstzunehmenden Personen machte zwischen den Geschlechtern keinen Unterschied. Wie auch sein Styling außerhalb konkreter Rollen aus heutiger Sicht durchaus etwas Androgynes hatte.

Sein Geblödel war, soweit es Frauenparts einbezog, durchaus auf dem Humus der gezeichneten Hausfrauen- und Sekretärinnenwitze der 60er und 70er Jahre gewachsen, nur dass seine Frauen nicht schwarzgelockt und dickbusig waren, sondern optisch und im Geiste die Zwillingsschwestern ihrer männlichen Mitfiguren. Beiden wurde von der Welt der Dinge eingeheizt, dem sprechenden Föhn, dem flüsternden Kaffee, dem kratzenden Pulli – und die Anarchie bestand darin, dass sie sich ihnen scheinbar bedingungslos unterwarfen.

Otto dafür einen Feministen zu nennen, wäre sicher überzogen. Aber es gab da immerhin so etwas wie eine ästhetische Neutralität vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen. Was er Anfang des Jahres, in einem Interview auf die MeToo-Debatte, folgendermaßen auf den Punkt brachte: „Finger weg von Frauen, die einfach nur ihre Arbeit machen wollen. Wer eine Frau anfassen will, soll sie gefälligst heiraten.“ Was nur bedingt fortschrittlich ist, aber in jedem Fall fair. (Petra Kohse)

Ohne Nachnamen

Die früheste Erinnerung, die ich an Otto Waalkes habe, geht zurück in die Zeit, als er noch ohne Nachnamen auskam. Otto war zunächst ein akustisches Phänomen, eine Otto-LP wurde unter uns Schülern weitergereicht wie das neueste Album der Progressive-Rock-Band Yes. Progressive-Rock hieß damals noch nicht so, und Otto kam ganz ohne Gattungsbezeichnung daher. Er hatte bei seinen Auftritten zwar eine Gitarre dabei, aber die erste Irritation bestand schon darin, dass er nicht wirklich Musik machte. Der Erfolg bei uns Schülern war indes ein verlässliches Indiz. Die LP „Otto“, die 1972 unter dem Eigen-Label Rüssl-Räckords erschienen war, verkaufte sich binnen kurzer Zeit mehr als 500 000 Mal.

Es blieb uns bei der Entdeckung des Geheimtipps Otto nicht verborgen, dass er deutlich in der Tradition von Heinz Erhardt stand. Ein Gedicht wie die Parodie über den König Erl hätte auch in dessen Sammlung „Noch ’n Gedicht“ stehen können. „Wer reitet so spät durch Wind und Nacht?/Es ist der Vater. Es ist gleich acht./Den Knaben er im Arm wohl hält./Er reitet schnell, denn der ist erkält’.“ Am Ende lebt das Kind, das Pferd ist tot. Lustig? Na, ja. 

Ottos Geheimnis war sein Tempo, mit dem er die Wirkung des Witzes gewissermaßen überholte. Reime, die Pennäler witzig finden, aber kaum, dass sie gesagt sind, schon wieder aus dem Kurzzeitgedächtnis gestrichen werden können. Sprachspiele natürlich auch. Zum Beispiel die mit Hall ins Mikrofon gehauchte Stimme, die mehrmals drohend ruft: „I am the Viper“ und dann mit der Pointe reüssiert: „I have come to wipe your window.“ Die Horrorangst löst sich auf in die Profanität des Alltags. Und natürlich wimmelte es nur so vor sexuellen Anspielungen, die eher infantiler Natur waren und beispielsweise von der Entstehung des Tarzan-Rufes handelten, der daraus resultierte, dass Jane nach der Liane griff. Aua. 

Wie auch immer. Es scheint sehr für Otto Waalkes zu sprechen, dass man derlei Quatsch auch nach bald 50 Jahren noch erinnert. Das kulturelle Gedächtnis sammelt nicht nach Qualitätsmerkmalen. (Harry Nutt)

Holladihiti

Es muss 1995 gewesen sein, als ich mit Otto in einem Hotelzimmer verabredet war. Er ging mal wieder auf Tournee und wollte Werbung für sich machen. Seine große Zeit war vorbei, der Name „Otto“ allein zog nicht mehr. Ich hatte mich also gut vorbereitet und die alten Sketche auf CD gehört, damals gab es noch kein Youtube. Meine Fragen folgten einer gewissen Dramaturgie, dachte ich. Ich wollte keinen Fehler machen, es war immerhin Otto! Dann kam er in den Raum und war tatsächlich Otto. Nicht Otto Waalkes, sondern OTTO. 

Holladihiti. Mein Konzept löste sich in diesem Moment in einem Schwall von Satzfetzen und Wortkaskaden auf. Es ist mir nicht gelungen, nur eine Antwort auf meine zirka zwanzig Fragen zu bekommen. Das Interview ist nie erschienen. (Frank Junghänel)

Mann der Stunde

An zwei Komiker kann ich mich aus meiner westdeutschen Fernsehkindheit erinnern. Der eine war Didi Hallervorden. Der andere war natürlich Otto. Doch während mein Gesicht bei ersterem schon im Kindesalter ängstlich erstarrte, war „der Außerfriesische“ immer eine große Sache für mich. Sein keckerndes Lachen war ansteckend und sein kalauernder Humor war, auch wenn ich manche Anspielung nicht verstand, auch auf einer Welle mit dem Humor, der Heranwachsenden zu eigen ist. Ich hegte die wärmsten Gefühle für Otto, es ging eine anarchistische Grundfröhlichkeit und Respektlosigkeit von ihm aus, die ich als Kind einfach umwerfend fand. Das war in Zeiten, in denen Peter Frankenfeld als komisch und die tutige Disco-Witzelmaschine Ilja Richter als lustig galten. Otto indes war erfrischend und wirklich lustig. Nichts an ihm schien noch in den Fünfzigern verhaftet, obwohl viel von ihm an Heinz Erhardt erinnerte und wohl auch von dem großen Komiker beeinflusst war.

Und wie dieser ebnete auch Otto den Weg für andere, ohne ihn wäre etwa ein Helge Schneider kaum denkbar. Ottos Humor war irgendwie surreal, gleichzeitig volkstümlich, ohne bieder zu sein. „Ich möchte ein Lied für katholische Mädchen vortragen. Es handelt von der Pille, die dreieinhalb Tonne wiegt. Die können sie vor ihre Schlafzimmertür schieben“, kündigte Otto in den 70ern einen Song in seiner Fernsehshow an. Heute mag das wenig aufregend klingen, vor Jahrzehnte war das frech und frivol und Otto für viele Jahre der Mann der Stunde, wenn es im deutschen Fernsehen um Humor ging. Und darum ging es in meiner Erinnerung nicht sehr oft. (Marcus Weingärtner)

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