© Nadya KwandibensS/Red Works Photography, FR
Jahrtausende altes Handwerk und moderne Formsprache: Designerin Tracy Toulouse setzt viele Stickereien und Bandarbeiten ein.
Modewoche
Panorama

Ursprung und Imitation

Von Manuel Almeida Vergara
21:59

Sie leuchten in den schönsten Farben – aber noch liegen die Knäuel unförmig auf dem Tisch. Bald aber hat sich jede der Kursteilnehmerinnen eines der Häufchen Wolle angenommen. „Hat jeder wenigstens ein Wollknäuel, sodass wir anfangen können?“, ruft Lynda Teller Pete in den Raum. Nicken, gespitzte Ohren, dann geht es los.

Pete leitet einen Workshop auf der ersten Indigenous Fashion Week, der einzigen Modewoche überhaupt, die sich mit Schauen, Vorträgen und Kursen speziell den Entwürfen indigener Designer widmet. Damit die Kursteilnehmerinnen bald schon wie die Navajos Teppiche weben können, müssen sie erstmal lernen, wie sie den Kamm zwischen Zeigefinger und Daumen richtig halten. Am ersten Tag des Workshops fällt das noch schwer, „das ist unangenehm, aber irgendwann verschmilzt der Kamm mit euren Händen“, verspricht Lynda Teller Pete. Behände fädelt sie vor zehn erstaunten Augenpaaren einen Wollfaden durch die Kettfäden, schiebt ihn mit dem Kamm herunter, macht ein paar geübte Bewegungen mit einem von zwei Holzstäben. „In unserer Kultur hat alles männliche und weibliche Attribute“, erklärt Pete und wirft ihre langen schwarzen Haare zurück. „Es gibt weiblichen Regen, der sanft am Morgen fällt und männlichen regen, der stark und stürmisch ist.“ Schon zieht sie den nächsten Faden durch, macht die nächste geschickte Bewegung mit dem einen Stab. „Der obere Stab ist männlich, der liegt nur oben auf. Der weibliche Stab macht die ganze Arbeit“, sagt sie. Lachen im Raum, Petes Spruch kommt an, zum Kurs haben sich schließlich nur Frauen angemeldet.

Ein Überschuss, der sich auch in den folgenden drei Tagen der Indigenous Fashion Week in Torontos Harbourfront Centre bemerkbar machen wird. „Das Kollektiv, das diese Modewoche gegründet hat, besteht aus drei Frauen. Kerry Swanson, Heather Haynes und mir“, sagt Sage Paul. „Und auch ein Großteil der Mode, die hier präsentiert wird, wurde von Frauen entworfen.“ Auch Paul ist Designerin. Und sie ist Dene, wie sich die Athabasken selbst bezeichnen. An ihrer Jeansjacke haftet ein stilisiertes Medizinrad, das spirituelle, vierflächige Symbol als Button. Modernität und Tradition verbinden – darum geht es auch bei der indigenen Modewoche.

„Wir brauchten eine Veranstaltung, die unsere Arbeit ihrer künstlerischen Integrität und ihrem kulturellen Wirken wegen ehrt“, sagt Sage Paul. Anders als bei den großen Fashion Weeks in Paris, Mailand oder New York werden also nicht primär Presse und Einkäufer mit neuen Kollektionen umworben. Man wolle lieber neu definieren, was eine Fashion Week überhaupt ist, in Toronto gehe es eher um die Vermittlung Jahrtausende alter Kulturen. Von der Modebranche distanziert sich die Veranstaltung also – dabei arbeitet sie sich an den großen Themen ab, die derzeit auch die internationale Szene umtreiben: Diversität auf dem Laufsteg, Einsatz von tierischen Materialien, kulturelle Aneignung. Gerade letzterer Themenkomplex spielt auf einer Modewoche, die indigene Produkte und Produzenten feiert, natürlich eine tragende Rolle. Als „cultural appropriation“ – kulturelle Aneignung eben – wird im Modekontext eine Spielart des Entwurfsprozesses bezeichnet, bei der sich Designer Ästhetiken einer ihnen fremden Kultur bezeichnen. Dreadlocks auf Marc Jacobs‘ Laufsteg oder der Turban von Gucci – für Kritiker stilisieren schon allein ihrer Hautfarbe wegen privilegierte Weiße damit einmal mehr eine Überlegenheit, reißen ästhetische Errungenschaften unterdrückter Gruppen aus ihrem kulturellen Kontext.

Als Model Karlie Kloss 2012 auf einer Schau der Dessous-Marke Victoria’s Secret einen Federkopfschmuck zur Leopardenunterwäsche über den Laufsteg trägt, war die Entrüstung besonders groß. „Zum einen ist dieses Model nicht indigen, zum anderen wird das Bild einer indigenen Frau stilisiert, die sich sexuell verfügbar zeigt“, sagt Sage Paul. Indigene Frauen würden auf diese Weise ausgeklammert – und gleichzeitig zum Objekt gemacht. „Das ist besonders gefährlich, wenn man bedenkt, dass in Kanada indigene Frauen noch immer verschwinden oder getötet werden“, sagt sage Paul. „Zu ihrer Lebensrealität gehört noch heute, dass sie sich sehr genau überlegen müssen, in welche Stadtteile Torontos sie zu welcher Zeit gehen können.“

Wie verletzend entsprechende Schauen oder Werbebilder sein können, weiß die Designerin. Sie weiß aber auch, wie schmal der Grat zwischen dieser aggressiven Form der kulturellen Aneignung und feinfühliger Inspiration ist. „Inspiration ist aber keine Rechtfertigung dafür, etwas ohne jeden Respekt vor dem Ursprung zu kopieren.“ Sage Pauls Stimme wird lauter, bestimmter. „Zu viele Konzepte sind flach und oberflächlich. Wenn du dich durch indigene Kulturen inspiriert fühlst, dann geh in solche Gemeinschaften, sprich mit den Leuten, schau dir ihr Leben an und versuche dann, etwas Eigenes daraus zu machen.“

Gelungen sei das etwa der italienischen Marke Valentino, die für ihre Resort-Kollektion 2016 mit der Mestizin Christi Belcourt kooperierte. Die Künstlerin steuerte Drucke und Stoffe bei, die Italiener erdachten Schnitte und Komposition. Entstanden ist ein Austausch. „Wer hingegen einen indigenen Federnschmuck zum Leoparden-BH über den Laufsteg schickt, der hat seine Arbeit nicht gemacht“, sagt Sage Paul. Designern und Marken immer wieder deutlich machen zu müssen, dass sie sich respektlos verhalten, koste ihre Gemeinschaft Nerven. Und: „Zeit, in der wir unsere eigene Arbeit präsentieren könnten.“ Nicht nur den anderen – sondern auch sich selbst.

Etwa 77 000 Kanadier mit indigenem Hintergrund leben allein in Toronto. Geschichten der Unterdrückung und Zurückweisung kennen sie alle. Gerade für Jugendliche ist es also wichtig, die eigene Herkunft auch mit positiven Assoziationen zu belegen. Viele von ihnen haben den Bezug zu ihrer Herkunft verloren, zumal in Kanada noch bis in die 1980er hinein der sogenannte „Sixties Scoop“ praktiziert wurde: Indigene Kinder wurden aus ihren Familien geholt und Waisenhäusern oder weißen Familien übergeben. Dort sollten sie ein „zivilisiertes“ Leben führen – traditionelle Rituale, alles was an ihre Herkunft erinnerte, wurde ihnen untersagt.

„Unter meinen Kursteilnehmern sind oft junge Navajos, die den Kontakt zu ihren Wurzeln verloren haben und die Handwerkskunst lernen und wieder aufleben lassen wollen“, sagt Lynda Teller Pete. „Generell kommen aber ganz unterschiedliche Menschen, die sich für unsere Kultur interessieren.“ Es ist der zweite Tag ihres Workshops, „heute webt jeder für sich.“ Fast bis zur Hälfte sind die Gewebe der Teilnehmerinnen schon den Webstuhl hochgeklettert, typisch für das Kunsthandwerk der Navajos werden langsam grafische Muster sichtbar.

Weniger traditionell muten die Webstühle selbst an: Kaum größer als ein DIN-A3-Blatt bestehen sie zwar hauptsächlich aus Holz, einige Teile aber sind aus Metall gefertigt. Sie dienen der Nachjustierung und dem Verstellen des gesamten Webstuhls: „Die Rahmen hat mein Mann gemacht. Er ist Ingenieur“, erzählt Pete und schreitet durch den Raum. Manchmal fürchteten Teilnehmer, sie erlernten gar nicht wirklich das altertümliche Weben, weil sie nicht mit uralten Geräten im Kreis auf dem Boden sitzen. „Wir sitzen heute auf Stühlen, das ist besser für den Rücken“, sagt Pete, als sie mit dem Finger prüfend über einen der halben Teppiche fährt. „Aber wenn die Voraussetzungen und Materialien sich auch weiterentwickeln: Die Technik bleibt die gleiche.“

Das passt zu den Modenschauen der Indigenous Fashion Week: Viele Entwürfe der 24 Designer, die ihre Kollektionen an vier Abenden präsentieren, befinden sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Delina White etwa kombiniert historische Kleiderformen mit den Problemen unserer Zeit: Auf weiten, farbenreichen Tellerröcken hat sie Aufnäher angebracht, die Naturschutz und Wasserknappheit thematisieren. Andere Designer veredeln Techmaterialien mit altertümlichen Stickereien, setzen traditionellen Mustern eine moderne Formsprache entgegen, besetzen legere Outfits mit Echtpelz.

Auch das ist derzeit ein großes Modethema: Während sich immer mehr große Modemarken einer Öffentlichkeit beugen, die den Verzehr von Fleisch und das Tragen von Leder und Seide zwar weitestgehend akzeptiert, Pelze aber lautstark und konsequent ablehnt, während Labels wie Armani, Gucci oder Versace ankündigen, künftig auf Echtpelz verzichten zu wollen, spielt er auf der Indigenous Fashion Week eine übergeordnete Rolle. Selbst die äußerst umstrittenen Robbenfelle werden gezeigt. „Ein gravierender Unterschied ist, dass die Pelze für westliche Modehäuser massenproduziert und nicht nachhaltig weiterverarbeitet werden“, sagt Sage Paul. „In unserer Kultur werden die Tiere von den Familien aus der Wildnis heraus gefangen, immer nur so viele wie sie brauchen.“

Ein Verbot von Pelzen, wie es etwa in Israel angestrebt wird und in San Francisco bereits Realität ist – für die Designerin käme das einer Zensur gleich. „Für mich bedeutet die Kritik an Pelzen, dass uns letztlich gesagt wird, dass unsere indigene Lebensweise nicht in Ordnung ist“, sagt sie. „Die Inuit etwa benutzen viele Robbenfelle, das ist Teil ihrer Art zu leben – zu überleben.“ Ohne die Felle, so sagt Sage Paul, hätten viele Völker auf den kalten, harten Teilen der Erde nicht so lange überleben können. Kritikern wird diese Erklärung freilich nicht genügen.

Milde stimmen allerdings dürfte sie die Laufsteg-Politik der Veranstaltung. Frauen und Männer mit großen Größen und kleinen Makeln, jenseits der Konfektionsgröße 34 und der Mitte des Lebens – auf der Indigenous Fashion Week sind ganz unterschiedliche Models unterwegs. Das passt zum großen Thema der Diversität, das derzeit auch in Paris, Mailand und New York diskutiert wird. „Weil wir nicht mit Mainstream-Designern zusammenarbeiten, die ja meistens in derselben kleinen Größe produzieren, ist auf unserem Laufsteg eine größere Vielfalt an Körperformen zu sehen“, erklärt Sage Paul. Die Modemacher gaben ihre Wünsche an, Paul und ihr Team suchten daraufhin die Models.

Im Harbourfront Centre ist die Freude darüber spürbar, eifrig beklatscht das Publikum die verschiedenen Körperformen. „Viele indigene Frauen haben nicht diese kleinen zierlichen Figuren“, sagt Sage Paul und lächelt milde, „viele Frauen generell haben nicht diese kleinen zierlichen Figuren.“ In Zeiten von Internet und Sozialen Medien, auf denen echte Frauen und echte Körper immer sichtbarer werden, ihr eigenes Forum, ihre eigene Öffentlichkeit finden, sei das doch ohnehin eine logische Konsequenz. „Ob die Mode will oder nicht: Die Menschen auf der Welt sind unterschiedlich und auch eher bereit, das zu zeigen“, sagt Sage Paul. „Wenn sich die Modeindustrie also nicht verändert, dann wird sie abgehängt werden.“ So sei es ihr und ihrem Team außerdem wichtig gewesen, Frauen aller Altersgruppen zu integrieren. „Bei coolen Events werden die Älteren doch oft ausgeklammert“, sagt Paul. Auf der Modewoche aber sollten auch sie ihren Platz kriegen, als Models auf dem Laufsteg eben, als Vortragende oder als Kursleiterinnen der Workshops. „Wir alle können von ihren Erfahrungen und ihrem Wissen zehren“, sagt Paul. „Sie gehören doch genauso zu unseren Familien, wie die Jungen.“

Schade eigentlich, dass Lynda Teller Pete diesen Satz nicht hört. Denn lange will sie selbst keine Kurse mehr geben. „Meine Schwester und ich unterrichten gerade zwei Navajo-Lehrerinnen, die unsere Kurse übernehmen sollen“, sagt sie am letzten Tag ihres Workshops. „Nach 20 Jahren sind wir ein bisschen müde geworden.“ Ein bisschen müde – so sehen auch ihre Teilnehmerinnen aus. Drei Tage stundenlang vor dem Webstuhl haben ihre Spuren hinterlassen: An manchen Webstühlen saust die Wolle mit nicht mehr ganz so viel Elan durch die Kettfäden.

Die größte Ausdauer im Raum hat Pete selbst, keine Frage. „Ich webe, seit ich fünf Jahre alt bin“, sagt sie. Das Handwerk habe sie von ihrer Mutter gelernt. Und womöglich auch die Geduld: „Das ist nicht das Ende der Welt“, versichert sie einer Teilnehmerin, deren Faden im Endspurt gerissen ist. Ein, zwei feste Knoten, ein paar geschickte Handgriffe, schon kann es weitergehen. Bei jeder der zehn Teilnehmerinnen fehlen nur wenige Zentimeter, bis der Navajo-Teppich fertig ist. Am Ende des Tages sollen die kleinen Werke bei einem spirituellen Ritual von ihren Schöpferinnen aus dem Rahmen gelöst werden. Zumindest für einen Abend tauchen sie in die indigene Kultur ab, statt sich nur inspirieren zu lassen. Sage Paul wird das sicher gefallen.

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