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„No way“, „no se puede“, „kein Durchkommen“: Internationale Ernüchterung im Louvre.
Mona Lisa
Panorama

Wallfahrt in den Saal 711

Von Axel Veiel
09:29

Pilgerreisen sind halt so. Entbehrungen gehören dazu. Die Wallfahrt zur Mona Lisa macht da keine Ausnahme. Wer keine ausgeprägte Leidensfähigkeit besitzt, sollte sich gar nicht erst auf den Weg machen. Auf die Probe gestellt wird sie bereits, bevor der Louvre auch nur in Sichtweite ist – von Leonardo da Vincis Meisterwerk, der im Saal 711 des Denon-Flügels wartenden rätselhaften Schönen, ganz zu schweigen.

Kaum hat man die Pariser Metrohaltestelle „Palais Royal – Musée du Louvre“ hinter sich gelassen und ist in die sich anschließende Einkaufsgalerie eingebogen, prallt man auch schon auf eine Menschenwand. Eine Blitzumfrage unter im Weg Stehenden fördert dreierlei zutage. Erstens: Die Menschenwand markiert das Ende der sich vor dem hundert Meter entfernten Museumseingang stauenden Besuchermassen. Zweitens: Die Befragten wollen ihrerseits vor allem eines, nämlich die Mona Lisa sehen. Drittens: Der Stau ist nur einer von vielen, die noch kommen werden. Den Sicherheitsbeamten ist er geschuldet, die mit der in Zeiten des Terrors gebotenen Gründlichkeit Handtaschen und Rucksäcke inspizieren. Es folgen Staus vor Ticketschaltern und -automaten sowie den Eingangskontrollen.

Beim Auf-der-Stelle-Treten vor Uhren-, Kosmetik- und Mode-Boutiquen zeigt sich, dass Touristen besser sind als ihr Ruf, die Louvre-Touristen jedenfalls. Klaglos fügen sie sich in ihr Schicksal. Ein Asiate nutzt die Wartezeit zu vermutlich Yoga-nahen Übungen, ein Familienvater verfällt in Dauergähnen – mehr Zeichen der Unrast sind nicht auszumachen. Reiseführer walten ihres Amtes, recken an Schirmspitzen oder Selfie-Sticks aufgespießte Stofftiere, Bälle oder Taschentücher in die Luft zum Zeichen dafür, dass der Anführer nicht desertiert ist, die Gefolgschaft keinen Grund zur Panik hat.

Dumm nur, dass die Pariser vor dem schlecht beleumundeten Touristenansturm in den Urlaub geflohen sind. Sie haben sich auf hohe Berge oder an ferne Strände zurückgezogen, wo sie nicht merken, welch üblen Vorurteilen sie aufgesessen sind. Geschuldet ist die Massenflucht der Einheimischen wohl nicht zuletzt Angst einflößenden Zahlen. Demnach hat Frankreich im vergangenen Jahr mit 87 Millionen Touristen weltweit den höchsten Andrang verzeichnet. Der Louvre brachte es auf 8,1 Millionen. Weltrekord ist das. Der Ferienmonat August dürfte nun seinerseits alle Rekorde brechen.

Die Museumsleitung tut, was sie kann. Heerscharen freundlicher, vielsprachiger Helferinnen und Helfer ermutigen lächelnd zum Durchhalten. Und dann sind da noch diese verheißungsvollen Bilder. Mal in Schwarzweiß, mal in Farbe säumen sie den weiten Weg. Zu sehen ist jeweils die Mona Lisa sowie ein Pfeil, der die zum Rendezvous mit der Angebeteten einzuschlagende Richtung weist.

Vorfreude beflügelt den Schritt

Hilfreich ist auch der hohe Lärmpegel. Narkotische Wirkung entfaltet er. Man verfällt in Trance. Aus dem Augenwinkel hatte man eben noch registriert, dass eine Mutter am Treppengeländer auf dem Steinboden saß, zwei schlafende Kinder auf dem Schoß. Aber was kam dann? Gnädiges Vergessen.

Bis jemand sagt: „Da, die Mona Lisa!“ Der Sprecher muss ein gutes Auge haben. Die Gesuchte ist es in der Tat, aber sie ist kaum zu erkennen. Hinter Hunderten von Köpfen und in die Höhe gereckter Handys taucht sie gelegentlich auf. Ihre Stirn zumindest ist zu erkennen, hinter Glas, briefmarkengroß. Niemand, der ihr auch nur halbwegs nahegekommen ist, macht Anstalten, sich wieder zurückzuziehen. Da ist beim besten Willen kein Durchkommen mehr. „No way“, sagt die aus Boston angereiste 16-jährige US-Amerikanerin Maghin. „No se puede“, stellt die Spanierin Edurne aus Villarreal fest – „geht nicht“.

Der Rückweg fällt leichter. Vorfreude beflügelt den Schritt. Edurne hat einen tröstlichen Tipp gegeben. „Schau dir das Video von Beyoncé und ihrem Gatten Jay-Z an, ‚Apeshit‘ heißt es“, hat sie gesagt. „Da bekommst du eine Idee davon, wie schön der Louvre und die Mona Lisa eigentlich sind.“

Die Spanierin hat nicht zu viel versprochen. Das prominente Paar hat sich und das Museum vortrefflich in Szene gesetzt. Als Betrachter des Clips gesellt man sich in Gedanken dazu, promeniert durch verwaiste Ausstellungssäle, ist der Siegesgöttin Nike ganz nahe, der Venus von Milo und zum Schluss dann auch der Mona Lisa. Ein Traum!

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