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Mitglieder der "Osmanen Germania" bei einer Boxveranstaltung.
„Osmanen“ gegen „Bahoz“
Panorama

Gefährliche Eskalation im Rocker-Streit

19:58

Ein Mann wird mit Baseballschlägern krankenhausreif geschlagen, Schüsse fallen, ein anderer wird durch Schläge verletzt, vor einem Lokal explodiert eine Handgranate.

Im sonst eher ruhigen Saarland haben rivalisierende Gruppen mit rockerähnlichen Strukturen und Migrationshintergrund der Polizei in den vergangenen Tagen reichlich Arbeit beschert. Nach Einschätzung der Ermittler sind es die meist kurdischen Anhänger der "Bahoz" und die türkisch geprägten "Osmanen Germania", die hier streiten - mit neuer Qualität. So wie es derzeit zwischen den beiden an der Saar abgehe, sei das bisher nicht der Fall gewesen, sagt der Sprecher des Landespolizeipräsidiums, Georg Himbert.

Dabei fürchten Sicherheitsbehörden schon länger, dass es zwischen den "Bahoz" und den "Osmanen" einmal krachen könnte. Signale gab es genug. Die "Bahoz", die nach dem Wissen des Bundeskriminalamtes (BKA) erstmals im Mai dieses Jahres in Erscheinung traten, provozierten nach Angaben der Behörde im Mai, Juni und Juli unter anderem durch öffentlichkeitswirksame Auftritte Osmanen in Hessen und Baden-Württemberg. "Hierbei kam es aber zu keinen offenen Konfrontationen", sagt eine BKA-Sprecherin.

Großaufgebot verhindert Zusammenstoß

Nun Saarbrücken. Zwar konnte ein Großaufgebot der Polizei eine Kollision verhindern. Nach Einschätzung des Rocker-Experten Jürgen Roth sind die Vorgänge aber «wohl erst der Beginn einer Welle der bewaffneten Gewalt zwischen beiden Gruppen». Die gegenseitige Aufwiegelung sei bereits weit fortgeschritten. Die BKA-Sprecherin ist zurückhaltender. Zunächst würden alle Informationen zu den jüngsten Vorgängen von der Polizei vor Ort erhoben. "Eine Bewertung kann erst im Anschluss erfolgen und wäre zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht."

"Bahoz" und "Osmanen" stehen für jüngere Gruppen, die neben den traditionellen Motorradclubs wie den Hells Angels oder den Bandidos expandieren. Vom Ansatz her sind sie verschieden. Die im Herbst 2015 gegründeten Osmanen, die ihr Zentrum im südhessischen Dreieich haben, sind den Ermittlern zufolge ähnlich strukturiert wie die Hells Angels. Sie gelten als türkisch-nationalistisch mit engen Verbindungen zur Regierungspartei AKP. Die meisten seien erfahrende Kampfsportler, viele mit kriminellem Hintergrund. Sie sollen unter anderem in der Türsteher- und Ordnerszene sowie im Objekt- und Personenschutz aktiv sein.

"Bahoz" - ein Zusammenschluss junger kurdischer Männer - wurde erst im Frühjahr in Baden-Württemberg gegründet. Sie sind nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden bereit, ihre politischen Ansichten auch mit Gewalt zu verteidigen, gerade gegen die «Osmanen». "Bahoz" sind weniger hierarchisch strukturiert als rockerähnliche Gruppen und in erster Linie politisch. Sie wurden auch als Aufpasser bei kurdischen Demonstrationen gesehen. Beide haben nach Ansicht der Sicherheitsbehörden je rund 1500 Mitglieder in Deutschland. Motorradrocker seien beide nicht, sagt Himbert. Es gehe bei den Gruppen nur um "rockerähnliche Gebilde".

Die politische Entwicklung in der Türkei schürt nach Roths Ansicht den Konflikt. "Das ist der Grundstein der Auseinandersetzung, der die Polizei noch lange beschäftigen wird", sagt er - und weist auf das Vorgehen des türkischen Staats gegen die Kurden hin. Die Angehörigen beider Gruppen selbst sind nach seiner Einschätzung «politisch vollkommen unbedarft». Das einzige, was bei ihnen zähle, sei die Muskelkraft.

Nach Angaben der BKA-Sprecherin lässt sich noch nicht sagen, ob bei dem Streit die Lage in der Türkei eine Rolle spielt. "Den gegenseitigen Provokationen nach zu urteilen, dürften die Motive eher im allgemeinkriminellen Bereich liegen", sagt sie.

Auch Polizeisprecher Himbert glaubt, dass es eher um Rivalitäten unter Banden als um politische Rivalitäten geht. "Politik spielt eine untergeordnete Rolle - wenn überhaupt." Es gehe eher ums Geschäft, sagt er, und meint damit unter anderem den Handel mit Rauschgift. So wurden bei Razzien in Anwesen von Anhängern der Osmanen am Mittwoch mehr als fünf Kilogramm Drogen sichergestellt - Amphetamin und Cannabis. Himbert wertet das als klaren Schuss vor den Bug. Auch sonst habe die Polizei ihr Ziel erreicht - und das Aufeinandertreffen der Gruppen verhindert. Und wie geht es weiter? "Die Sicherheitsbehörden in Deutschland werden die weitere Entwicklung in Deutschland sehr genau im Blick behalten", sagt die BKA-Sprecherin. (dpa)

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