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Polizisten stehen an einem Seiteneingang zum Landgericht in Landau.
Prozess in Landau
Panorama

Mehr als acht Jahre Haft nach Mord von Kandel

Von Götz Nawroth-Rapp
09:27

Rund acht Monate nach dem tödlichen Messerangriff auf die 15-jährige Mia in Kandel hat das Landgericht Landau ihren Ex-Freund zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Die Richter verurteilten den mutmaßlich aus Afghanistan stammenden Abdul D. wegen Mordes und Körperverletzung nach Jugendstrafrecht. Die Staatsanwaltschaft und die Nebenkläger hatten zuvor eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren gefordert, die Verteidigung sieben Jahre und sechs Monate wegen Totschlags.

Die Tat kurz nach Weihnachten 2017 mitten in einem Drogeriemarkt der kleinen Stadt in der Pfalz hatte bundesweit für großes Entsetzen gesorgt. Der Fall fachte außerdem die Diskussion um die Altersfeststellung von jungen Flüchtlingen neu an. Rechtspopulistische Gruppen hatten den Fall zum Anlass genommen, um in Kandel immer wieder gegen die Asylpolitik der Bundesregierung zu protestieren.

Abdul D. war nach seiner Ankunft in Deutschland als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aufgenommen und betreut worden. Er gab sein Alter zunächst mit 15 Jahren an. Nach der Tat kamen Zweifel auf, ob er tatsächlich so jung ist. Ein Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft kam zu dem Ergebnis, dass er zum Zeitpunkt der Tat mindestens 17 Jahre und sechs Monate alt war, wahrscheinlich aber schon 20 Jahre alt war. Verurteilt wurde er nun nach Jugendstrafrecht, wie ein Gerichtssprecher sagte. Der Prozess fand unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt.

Der Tatvorwurf

Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der junge Mann die 15 Jahre alte Mia am 27. Dezember 2017 in einem Drogeriemarkt erstochen hat.

Die Staatsanwaltschaft ging von Mord aus und warf dem Angeklagten vor, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt zu haben.

Vor der Tat war der nun Verurteilte von der Polizei ermahnt worden, Bedrohungen gegen seine Ex-Freundin einzustellen. Mehrfach soll er sie nach dem Ende der Beziehung bedrängt und bedroht haben. Mia hatte ihren Ex-Freund angezeigt, rund zwei Wochen später war sie tot.

Prozess in Landau - Proteste in Kandel

Seit dem gewaltsamen Tod der 15 Jahre alten Mia ist in Kandel nichts wie zuvor. Die Kleinstadt ist in Aufruhr, immer wieder demonstrieren fremdenfeindliche Gruppierungen, es gibt aber auch lautstarken Protest gegen Rassismus. Ein Überblick über die Ereignisse: 

 „Wer schweigt, stimmt zu - dem Rechtsruck entgegentreten“

1. September 2018: In Kandel formiert sich ein Protestzug mit mehreren Hundert Menschen unter dem Motto „Migration und Sicherheit“. Unter starken Sicherheitsvorkehrungen gehen zudem Demonstranten unter dem Motto „Wer schweigt, stimmt zu - dem Rechtsruck entgegentreten“ auf die Straße. Die Polizei stellt Absperrgitter auf, um die beiden Lager zu trennen. Einige Bürger von Kandel kritisieren die Kundgebungen als „importierte Empörung“. Sie werfen Demonstranten vor, Mias Tod als Vorwand für die Proteste zu missbrauchen.

Prozessbeginn in Landau

18. Juni 2018: Am Landgericht Landau beginnt der Mordprozess um Mias Tod.

Verletzte bei Demos in Kandel

7. April 2018: Bei neuerlichen Demonstrationen in Kandel werden zwei Menschen verletzt. 1200 Menschen beteiligen sich an den Aufzügen und Kundgebungen.

Protest gegen Aufmarsch der AfD

24. März 2018: Rund 1.200 Menschen protestieren gegen einen von der AfD angemeldeten Aufmarsch. Zu den Teilnehmern der Protestkundgebung gehören auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad und der Generalvikar des Bistums Speyer, Franz Jung. Die Polizei setzt rund 1000 Beamte ein.

Neben der AfD und der Initiative „Wir sind Kandel“ hatte auch die „Kurfürstlich Kurpfälzische Antifa“ eine Kundgebung angemeldet. Nach Böllerwürfen durch „Personen aus dem linken Spektrum“ berichtet die Polizei von einem Schlagstockeinsatz durch Beamte.

Demo mit 1000 Menschen 

28. Januar 2018: 1000 Menschen demonstrieren in Kandel. Mehrere Hundertschaften der Polizei sichern den Aufzug. Das „Frauenbündnis Kandel“ zieht unter dem Motto „Sicherheit für uns und unsere Kinder“ von dem Drogeriemarkt, in dem Mia getötet wurde, durch die Stadt zum Marktplatz. Auf dem Weg dorthin wiederholten die Teilnehmer Parolen wie „Lüge, Hetze und Betrug. Bürger haben jetzt genug“ oder „Sicherheit für Frau und Land, dafür gehen wir Hand in Hand“.

Zeitgleich veranstaltet ein Aktionsbündnis namens „Aufstehen gegen Rassismus“ eine Demonstration auf dem Marktplatz des in Kandel. Daran nehmen laut Polizei etwa 150 Menschen teil. Viele Demos beider Lager sollen folgen.  

Bewegender Abschied von Mia 

12. Januar 2018: Mit einem Trauergottesdienst in Kandel nehmen mehrere Hundert Menschen Abschied von der getöteten Mia. Man könne jemanden, der einen anderen getötet habe, nicht damit entschuldigen, dass er aus einem anderen Land komme, sagte Pfarrer Arne Dembek in seiner Predigt. Umgekehrt könne man aber auch nicht sagen, dass alle, die von dort kommen, Verbrecher seien. Wer das sage, mache es sich und dem Täter zu leicht.

„Denn auch der kann sich hinter diesen Vorurteilen verstecken, kann seine eigene Schuld abschieben“, sagt der Pfarrer. 

(mit Material von dpa)

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