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Schreibblockade: Jeder wie er will - oder auch nur, so gut er kann.
Rechtschreibreform
Panorama

Der bunte Karneval des Aufschreibens

Von Harry Nutt
13:08

Vielleicht liegt es am Gründungsort Wien, dass Assoziationen zum historisch eher verhängnisvollen Wiener Kongress geweckt werden. Bereits zwei Jahre vor jenem 1. August, auf den wir heute anlässlich der Einführung der Rechtschreibreform vor 20 Jahren zurückblicken, begann alles mit einer Art Staatsabkommen. Die Bundesländer Deutschlands, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein und weitere Staaten mit deutschsprachigen Bevölkerungsteilen hatten sich in der sogenannten Wiener Absichtserklärung darauf geeinigt, die reformierte Orthographie bis zum 1. August 1998 einzuführen.

Klingt kompliziert, und war es auch. Dabei war die Vereinfachung des Gebrauchs der deutschen Sprache, insbesondere ihre Darstellung in Schriftform, ein ehrenwertes Ziel. Über Jahre wurde viel wissenschaftliche Energie dafür aufgewandt. Syntax, Interpunktion oder das Schicksal eines so schönen Buchstabens wie des „ß“ mussten bedacht werden. Und wie bei vielen Reformvorhaben verbarg sich hinter der Rechtschreibreform eine fortschrittliche, sozialpolitisch ambitionierte Idee. Alles sollte einfacher, unsinnige Traditionsreste abgebaut werden. Das gesamte Vorhaben ging auch einher mit dem hehren sozialdemokratischen Bildungsziel, den Kindern unterprivilegierter Schichten, wie es damals hieß, den Zugang zu Wissen und Bildung zu erleichtern. Also weg mit überflüssigen Barrieren, die nicht wenige auch in grammatikalischen Ausnahmeregeln sahen.

Aber noch ehe es richtig losging, zeigte sich die Wirksamkeit von Beharrungskräften. Auf der Frankfurter Buchmesse 1996 unterzeichneten hunderte Schriftsteller und Wissenschaftler die Frankfurter Erklärung für einen Stopp der Reform. Was bis dahin in pädagogischen und sprachwissenschaftlichen Fachkreisen debattiert worden war, mündete in ideologisch aufgeladene Auseinandersetzungen, die mit der tatsächlichen Einführung der neuen Rechtschreibregeln nicht endeten.

Wenn die Reformer darauf gesetzt hatten, dass die Bedenken mit der Umsetzung der Reform in Schulen, Verlagen und Zeitungen allmählich abebben würden, so waren sie mit dieser Strategie nur anfangs erfolgreich. Die akademischen Mucken schienen bereits verklungen, als der umtriebige „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher in der Rechtschreibreform das Potenzial für einen publizistischen Kulturkampf erblickte. Im August 2004 erklärten die Verlage Axel-Springer und Der Spiegel sowie die „Süddeutsche Zeitung“ ihre Absicht, zur traditionellen Schreibweise zurückzukehren. Die Rechtschreibreform war zur Machtfrage geworden, und der ungewöhnliche Medienverbund brachte eine in komplexen demokratischen Verfahren getroffene politische Entscheidung in arge Verlegenheit.

Tatsächlich fällt die Bilanz der Rechtschreibreform im Rückblick von 20 Jahren eher nüchtern aus. Neben dem nach wie vor gültigem Regelwerk der gebotenen Schreibungen hält sich in den Dokumenten gedruckter Sprache ein verwirrendes Kuddelmuddel, in dem jeder macht, was er will, oder auch nur, so gut er kann. Nicht wenige gingen dazu über, das „ß“ ganz aus ihren Überlegungen zu tilgen, obwohl es doch, weiß Gott, seine Existenzberechtigung nicht vollends verloren hat. Für diejenigen, die Rechtschreibregeln ohnehin als lästige Pflicht verachteten und sich ungern von Besserwissern belehren ließen, wurde die Reform zum Freibrief, alles anders zu machen.

Aus der beabsichtigten Vereinfachung für alle ist ein bunter Karneval des Aufschreibens geworden. Und in Zeiten eines rasenden Absetzens von Schriftzeichen via Display von mobilen Endgeräten wird es wohl auch zunehmend beliebiger, was wie geregelt ist, solange es nur schnell genug geht. Immerhin gibt es Verfechterinnen der guten Schreibkultur wie die deutsche Rapperin Lady Bitch Ray. Die ließ gerade über die Deutsche Presse-Agentur verlauten, dass sie Fehler ihrer Freunde in E-Mails schon einmal korrigiert. Was sie zum Beispiel gar nicht mag, seien Menschen, „die sich beim Schreiben von Texten gar keine Mühe geben bezüglich der Orthografie oder der Gendersprache.“

Die Rechtschreibreform und der gegen sie entfesselte Kulturkampf erscheinen heute als Schwundstufe einer Auseinandersetzung, in der es um vergleichsweise wenig ging, aber sehr viel aufs Spiel gesetzt wurde.

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