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Auch am Boden wird im MMA weitergekämpft.
UFC MMA
Panorama

Die Ultimate Fighter kehren zurück

Von Arne Leyenberg
07:02

Sie haben gleich drei Bastionen weichgeklopft. Drei ihrer schärfsten Kritiker sind doch noch k.o. gegangen. Die früheren Sportpuristen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und die scharfzüngigen Kritiker von „Spiegel TV“ und „Spiegel online“ haben sich in den vergangenen Monaten gleich mehrfach dem umstrittenen Kampfsport „Mixed Martial Arts“ (MMA) gewidmet und ließen die Szene aufhorchen. Denn ganz so, als wollten sie sich für ihre ursprünglich hysterische Berichterstattung entschuldigen, veröffentlichten sie nun beinahe Elogen auf die gemischten Kampfkünste, bei denen, entgegen eines Vorurteils, nach einem komplexen Regelwerk im Stehen und im Liegen gekämpft werden darf, mit Fäusten, Füßen und Ellenbogen – und das alles meist im Käfig. Der Sport sei statt wilder Klopperei ungehobelter Schläger vielmehr Schachspiel auf trainierten Athletenbeinen, so der Tenor.

Steter Tropfen höhlt den Stein, denken sich nun die in Internetforen gut vernetzten Anhänger des Sports, der seit Jahren hinter den Kulissen Lobbyarbeit betreibt - zeitweise finanziert von der mächtigsten MMA-Organisation der Welt, der milliardenschweren „Ultimate Fighting Championship“ (UFC) aus der Zockermetropole Las Vegas. Bislang erfolglos. Die erste Veranstaltung der UFC auf deutschem Boden vor fünf Jahren war medial zerrissen, die zweite, bereits wesentlich kleiner aufgezogen, kaum noch wahrgenommen worden, obwohl die Amerikaner hierzulande im deutschen Konzertveranstalter Marek Lieberberg einen einflussreichen Werbeprofi als Partner verpflichtet hatten.

Die Kämpfe der UFC dürfen weiterhin seit einem Beschluss der bayerischen Landeszentrale für neue Medien von 2010 wegen der „Massivität der gezeigten Gewalt" nicht im deutschen Fernsehen gezeigt werden, das Unternehmen will gerichtlich dagegen vorgehen. Zuvor hatte der Spartensender Sport1 den Test gewagt, ob man dem deutschen Fernsehpublikum, das Samstagabends regelmäßig millionenfach Boxen einschaltet, auch die logische Steigerung des Faustkampfs, nämlich den Vergleich zwischen verschiedenen Kampfsportarten wie Boxen, Judo, Jiu-Jitsu, Ringen und Kickboxen zumuten kann.

Um die Anhänger bei Laune zu halten, durften Zuschauer aus Deutschland die andernorts sündhaft teuren Events der UFC in den vergangenen Jahren kostenlos im Internet ansehen. Mittlerweile müssen auch deutsche Kampfsportfans jedoch wieder bezahlen. Dafür kehrt die UFC am 31. Mai nach Deutschland zurück, wie sie am Donnerstag bekanntgab. In der O2 World im Berliner Osten nimmt sie einen neuen Anlauf auf einen Markt, der sich beharrlich weigert, eingenommen zu werden. In Großbritannien, Brasilien und Kanada hat sich das Unternehmen bereits breitgemacht, nur in Deutschland war der Widerstand aus Politik und Medien bislang zu groß. Was freilich auch mit dem großspurigen Auftreten der Amerikaner nach dem Motto „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ zu tun hat.

Die Mehrheit der Sportler war schon immer besser als ihr verheerender Ruf. Zwar verschaffen sich im Osten Europas ganze Horden von Fußball-Hooligans im MMA-Training ihr Rüstzeug für die Schlacht, auch im Osten Deutschlands haben Hooligans und Rechtsextreme schon vor Jahren den Sport für sich entdeckt. Schließlich sind die Schläge und Tritte, die Hebel- und Würgegriffe des MMA auf der Straße effektiver als der reine Faustkampf.

Aus allen sozialen Schichten

Neben diesen Ausnahmen sind die Sportler allerdings keine tumben Haudraufs, sondern stammen aus allen sozialen Schichten, im Training sind sämtliche Bildungsgrade vertreten, da übt der Polizist neben dem resozialisierten Ex-Knacki, der Student neben dem Paketboten. Das war aber schon immer so und kann heute nur denjenigen überraschen, dem sein eigenes Vorurteil jahrelang die Augen verschlossen hat. Dass Kampf- automatisch eine andere Klientel anzieht als Denksport, und auch manch schwarzes Schaf darunter ist, kann nicht ernsthaft verwundern.

Weltweit wagen seit jeher gut ausgebildete Olympiasportler den Sprung zu den Mixed Martial Arts, in der Hoffnung, mit ihrem Sport doch noch ein bisschen Geld verdienen zu können. Zwar zahlt die UFC im Vergleich zum Traditionssport Boxen wegen fehlender Konkurrenz noch immer lausig. Aber wer etwa als Ringer nach seiner olympischen Laufbahn bislang lediglich auf eine Anstellung als Trainer an einem amerikanischen College hoffen durfte, den locken die paar tausend Dollar, die der Monopolist aus der Wüste Nevadas im Schnitt zahlt, garantiert.

MMA ist - auch in den Anfangsjahren des Sports, in denen es keine Regeln gab - eine technisch anspruchsvolle Sportart, in der nur besteht, wer körperlich austrainiert ist und wer mindestens die Disziplinen Kickboxen und Ringen beherrscht. Der Käfig, der dem MMA das martialische Erscheinungsbild verliehen hat, ist nichts weiter als ein genialer Marketingcoup. Tür zu, hier kommt nur einer lebend raus, soll er dem Zuschauer vermitteln. „As real as it gets“, so realistisch wie nur irgendmöglich, lautet einer der Werbesprüche der UFC. Die Hiebe und Tritte sind allerdings kein bisschen härter als im üblichen Boxring, in dem MMA abseits der UFC ebenfalls betrieben wird.  

Die nun einsetzende Annäherung der Massenmedien an ein zuvor unverstandenes Phänomen, was offenbar zur allgemeinen Überraschung nicht einfach durch Ignoranz wieder von selbst verschwindet, lenkt vom Kern der Sache ab. Ist der Sport nun zu brutal oder nicht? Muss es sein, dass Sportler sich durch Schläge mit dem scharfknochigen Ellenbogen stark blutende Wunden auf der Stirn zufügen? Sendet eine körperliche Auseinandersetzung, bei der auch dann weitergekämpft werden darf, wenn ein Gegner angeschlagen zu Boden taumelt, das richtige gesellschaftliche Signal?

Und ist es jetzt wirklich an der Zeit, das alte Gentlemen‘s agreement, von einem Gegner abzulassen, sobald der mit dem Rücken auf dem Boden liegt, kampflos aufzugeben? Ein Gentlemen‘s agreement immerhin, das vor 150 Jahren in den Queensberry-Regeln des Boxsports festgeschrieben wurde und selbst heute noch bei Hooligan-Schlägereien auf Wald und Wiese gültig ist. Diese Diskussion steht noch aus. Und dieses Mal kann man wirklich unterschiedlicher Meinung sein.  

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