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Nass wurden die Streikposten des SDS und VDS am 15.05.1968 an den Eingängen der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Wolfgang Niedecken
Panorama

„Es war großartig, diesen Urknall mitzuerleben“

Von Andreas Sieler, Boris Halva
22:05

Herr Niedecken, 1968 waren Sie 17 Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie an die Revolte jener Tage?
Die Jungs, die eine Klasse über mir waren, die haben davon mehr mitgekriegt. Zum Beispiel der Gitarrist und der Sänger meiner Band, die waren 68 voll dabei. Vor allem ging es um Vietnam. Vietnam hat mich letztlich auch politisiert, dieser ungerechte Krieg, der dort geführt wurde. Als diese Ungerechtigkeit erkennbar wurde, hat mich das zum Nachdenken gebracht. Das hat auch dazu geführt, dass ich nicht mehr nur meinen Vater gefragt habe, was denn da los ist. Ich habe mir meine eigene Meinung dazu gebildet, ich fing an, Zeitung zu lesen und habe aufmerksamer als vorher verfolgt, was dort vor sich geht. Was für meinen Vater nicht einfach war.

Weil Ihre Ansichten und die Ihres Vaters nicht mehr zusammenpassten?
Überhaupt nicht mehr. Für meinen Vater muss das sehr schwer gewesen sein, weil ich ja auch ihn damit infrage gestellt habe. Mein Vater stammt aus einer erzkatholischen Winzerfamilie vom Rhein, ein strammer CDU-Wähler, vorher NSDAP-Mitglied. Das war mir vorher nicht wichtig gewesen, aber plötzlich erschien das alles in einem neuen Licht. Er war einer der sogenannten Märzgefallenen, die erst nach der Machtübernahme der Nazis 1933 noch schnell eingetreten sind, weil sie sonst womöglich Schwierigkeiten bekommen hätten. Er war vor allem angepasst. Und wenn man dann, so wie wir damals, in einem Alter ist, in dem man sich abgrenzen will, revoltieren will, da war Angepasstheit nun wirklich das Letzte, was man einem durchgehen ließ. Dann wurde es für meinen Vater richtig anstrengend.

Inwiefern?
Ich hatte mich natürlich gut über den Vietnamkrieg informiert, habe mir meine Argumente gut überlegt – und irgendwann hat er in diesen Diskussionen immer den Kürzeren gezogen. Das war für die Stimmung zuhause natürlich alles andere als optimal.

Und mit Blick auf die Straßen hierzulande – welche Diskussionen brachen da los im Hause Niedecken?
Da gab es ja viele Anlässe zur Diskussion. In Paris war die Revolte gerade ausgebrochen, der Prager Frühling war noch nicht lange her. Das war alles Thema bei uns. Andererseits war mein ’68 irgendwie auch nicht so direkt politisch, denn dadurch, dass ich einer der Jüngsten in der Band war, kam alles gefiltert durch meine älteren Bandkollegen bei mir an. Für mich war dann eher interessant, was die Beatles und die Stones aus diesem Thema gemacht haben.

Streetfighting Man?
Natürlich, und dann die Beatles mit ihrem doch eher ambivalenten Song „Revolution“, in dem sie ja nicht so ganz klar Stellung beziehen. „Don’t you know that you can count me out“ hat Lennon da gesungen. Und damit klargestellt: wenn es gewalttätig wird, dann mache ich nicht mehr mit. Das war so der Grundtenor bei den Beatles. Und bei den Stones war das fast schon ein bisschen resignativ. Was kann so ein kleiner Junge wie ich schon machen – außer in einer Rock’n’Roll-Band spielen? Und der kleine Junge war eigentlich ich. Es stürmte plötzlich viel auf einen ein, wovon man vorher keine Ahnung hatte.

Was meinen Sie damit?
Als die Weltpolitik zum ersten Mal in mein Leben eingedrungen ist, war ich elf Jahre alt: das war die Kuba-Krise. Ich war zu dieser Zeit im Internat und als die großen Jungs, von denen wir sonst nicht so viel mitbekommen hatten, plötzlich über ihre Angst vorm Dritten Weltkrieg sprachen, da bekam ich natürlich auch Angst. Das war eine Erfahrung, die mir in den ersten Jahren meines Lebens erspart geblieben war. Ich hab‘ mich immer sehr gut aufgehoben und behütet gefühlt. Und dann, ein paar Jahre später, geht es los, dass man alles infrage stellt. Bei mir knallte das alles auch noch in die Pubertät rein, eine Zeit, in der man sowieso revoltieren und sich lösen will. Letztendlich habe ich natürlich Glück gehabt, diese Zeit mitzuerleben. Die Sechziger Jahre, die aufkeimende Popkultur, sagen zu können: das gehört alles unserer Generation . Das gehört nicht den Spießern, das gehört uns! Es war großartig, diesen Urknall mitzuerleben. Als plötzlich Bands ihre eigene Musik machten und nicht wie irgendwelche Schlagerfuzzis über den roten Teppich zum Playback-Auftritt schwebten. Auf einmal war das unsere Kultur.

Es hört sich so an, als habe Sie vor allem der Soundtrack zur Revolte fasziniert. Wollten Sie nicht auch auf den Straßen mitmischen?
Natürlich habe ich Partei bezogen. Als beim Schah-Besuch die Demonstranten von der Polizei niedergeknüppelt wurden, wenn die Wasserwerfer aufgefahren sind, dann war schon klar, mit wem wir gehalten haben. Aber selbst loszuziehen und mich den Wasserwerfern entgegen zu stellen, das war für mich undenkbar. Mein Vater hatte allerdings immer Angst, dass ich jetzt auch noch zum Straßenkämpfer würde.

Haben die Zeit der Revolte und die Diskussionen in deren Verlauf nicht dazu beigetragen, dass Sie Ihrem Vater später wieder näher kommen konnten?
Nicht wirklich. Das Verhältnis zu meinem Vater war ziemlich speziell. Wir haben es danach auch leider nicht mehr geschafft, uns über dieses Thema auszusprechen. Mein Vater ist 1904 geboren, hat zwei Weltkriege überlebt. Er ist Gott sei Dank nicht eingezogen worden. Beim ersten Krieg war er zu jung, beim zweiten zu alt. Alles, was mich interessierte, nachdem ich mich politisch und auch kulturell sozialisiert hatte, das interessierte meinen Vater nicht – und umgekehrt. Allerdings: je älter ich werde, desto mehr habe ich begreifen können, warum mein Vater so war, wie er war. Er liegt vor mir wie ein offenes Buch und ich kann ihn lesen – aber wir konnten leider nicht mehr drüber sprechen. Das tut mir sehr leid. Davon handelt auch unser wohl bekanntestes Lied, „Verdamp lang her“.

Was ist Ihnen von 1968 geblieben? Neben dem Gefühl und dem Wissen, man kann  was bewegen, auch wenn man sich den Wasserwerfern nicht entgegenstellt?
1968 war, anders als die Proteste auf den Straßen, ja nicht bloß ein kurzes Aufflackern und dass man sich plötzlich für Politik interessierte und plötzlich dann wieder nicht. Der Effekt war ja ein bleibender, diese Zeit hat etwas bewirkt – im Kopf, im Verhalten. Und da gab es auch keinen Weg mehr zurück. Jedenfalls nicht für mich. Ich bin immer politisch interessiert geblieben. Und als ich 1970 angefangen habe, Kunst zu studieren, da waren auch meine ersten Bilder, die ich gemalt habe, von politischen Inhalten geprägt. Als ich dann wieder angefangen habe, nebenbei Musik zu machen, das war die Zeit, als die ersten Häuser besetzt wurden. Und da war ich auch wieder auf der aufmüpfigen Seite. Als in Köln das Stollwerck besetzt wurde, da waren wir natürlich auch dabei und haben gespielt. Man kann nun wirklich nicht sagen, wir wären keine politische Band. Ich hab immer über das geschrieben, was mir durch den Kopf ging – und wenn das was Politisches war, dann war das eben so. Und je älter ich werde und zurückblicke kann ich nicht sagen, dass ich jemals an einem Punkt gewesen wäre, an dem ich gesagt hätte: „Macht doch, was ihr wollt, das interessiert mich nicht.“ Wenn ich nicht täglich eine anständige Zeitung lese oder eine gut aufbereitete Nachrichtensendung sehe, dann werde ich unruhig.

Ist BAP ein Produkt der 68er? Weil die Band die Musik seit jeher mit einer, wenn nötig, klaren Botschaft verbindet?
Letztendlich schon. Ich laufe ja mit offenen Augen durch die Gegend. Und ich kann mich noch gut an die Zeit vor 1968 erinnern, als alles entsetzlich miefig war. Der Satz ist ja tausendmal zitiert: unter den Talaren der Muff von tausend Jahren. Und das war ja nicht nur unter den Talaren so. Das war ja auch in der nächsten Eckkneipe so. Wenn man vor 1968 mit langen Haaren in eine bleiverglaste Eckkneipe ging, in der es nach Frikadellen und Zigarettenrauch roch, da wurde man komisch angesehen. Sich die Haare lang wachsen zu lassen war ja auch ein Ausdruck von: ich will nicht so sein wie ihr, ich will mich absetzen. Diese neu entstehenden Rollenmodelle haben einem ja auch Kraft gegeben. die alten Rollenmodelle zu durchbrechen. Für mich war so eine Figur wie Keith Richards oder Bob Dylan wichtiger als ein Che Guevara, der war mir zu weit weg und zu gewalttätig. Die Stones haben mir zum Beispiel gezeigt, wie man sich vermeintlichen Autoritäten gegenüber verhalten kann. Die Haltung eines Dylan oder eines Keith Richard gegenüber den Etablierten in Politik und Gesellschaft, davon konnte ich mir eine Scheibe abschneiden und sehen: Ach ja, so geht das.

Was hat Sie da so beeindruckt?
Die haben mit ihrer gesamten Körpersprache zum Ausdruck gebracht, dass sie sich nicht vereinnahmen lassen: „Ihr geht mir am Arsch vorbei!“ Das hat mir sehr imponiert.

Aber es kostete den jungen Kölner damals sicher mehr Kraft, in der Eckkneipe seinen revolutionären Mann zu stehen als einen Keith Richards, der damals finanziell schon ausgesorgt hatte ...
Ja klar. Wir waren natürlich auch naiv. Wir haben nur gesehen, dass es irgendwie auch anders funktionieren kann, aber wir haben uns über die Konsequenzen keine Gedanken gemacht. Wir haben uns ja nicht überlegt, dass es clever sein könnte, wenn man sich anpasst, für den Fall dass man später mal Medizin studieren möchte. Wir sind ja praktisch vom Cowboy- und Indianer-Spielen direkt zu den Stones und den Beatles gekommen. Als ich die ersten Beatles-Songs gehört habe, hatte ich noch meinen Winnetou-Starschnitt im Zimmer hängen.

25 Jahre später, als die ersten Asylbewerberheime brannten, haben Sie und andere Musiker mit Konzerten dagegengehalten. In Köln etwa das „Arsch huh, Zäng ussenander“ – da ging es drum, dass die Gesellschaft klar Stellung bezieht gegen Fremdenhass. War das auch so eine Art ’68, nur mit einem anderen Ziel?
Das kann man, glaube ich, nicht vergleichen. Das war die Zeit, als die Asylantenheime brannten, auf dem Balkan war Krieg, und plötzlich brannten Häuser in Rostock-Lichtenhagen und man fing an, sich an den Lynchmob zu gewöhnen. Dann haben wir uns in Köln zusammengesetzt und gesagt, wir müssen zeigen, dass wir hier sowas nicht durchgehen lassen, nicht in Köln, aber auch nicht anderswo. Mobil machen gegen Fremdenhass. Und dann haben wir dieses große Konzert organisiert auf dem Chlodwigplatz. Wir haben damit gerechnet, dass wenn’s hochkommt 20 000 Leute kommen, am Ende waren es mehr als 100 000. Und dieser Erfolg hat gezeigt, die Leute haben nach einer Gelegenheit gesucht, um zu zeigen: Nicht mit uns, nicht in Köln, das war eine Riesendemonstration des guten Willens. Da flogen keine Steine, da kamen alle zusammen und haben friedlich demonstriert. Und heute sagen die Leute, so was müsste mal wieder gemacht werden. Gibt ja heute auch wieder genug Anlässe, leider. Aber man sagt ja auch: man springt nicht zweimal in denselben Fluss, sondern höchstens in den gleichen. Und wenn man das heute mit denselben Acts wiederholen würde, würde sich das ja einfach nur inflationieren. Ich frage mich natürlich, wieso die jüngeren Kollegen nicht auf die Idee kommen, etwas Vergleichbares anzuzetteln.

Die Stimmung damals hat einem ja den Eindruck vermittelt: da sind so viele Leute auf der Straße, das trägt eine Weile. Schaut man nun auf das Wahlergebnis vom Herbst stellt sich die Frage: war man damals zu schnell zufrieden und dachte, Fremdenhass und rechtes Denken verschwinden einfach wieder?
Die Leute, die zur „Arsch huh“-Zeit Jugendliche waren, sind im Laufe der Globalisierung und der Digitalisierung vielleicht hinten runtergefallen – oder haben zumindest das Gefühl, dass es so ist. Diese Wahlergebnisse sind wieder ein anderer Fluss, um im Bild zu bleiben. Man muss immer wieder neu überlegen: wie kriegt man jemanden dazu, sich angemessen politisch zu informieren und nicht den Populisten nachzurennen.

Und wie ist das, wenn Sie heute auf Tour gehen – haben Sie da noch das Bedürfnis, den Leuten zu sagen: Macht was?
Ja, natürlich. Ich kneif‘ da nicht vor. Da sind schon einige politische Songs dabei. Ich werde jetzt keine politischen Reden halten, aber ich werde die Songs aneinander moderieren und das, was ich sage, ist der Klebstoff für den Abend. Die Songs müssen ja auch für sich funktionieren, denn die Leute lassen sich nicht durch Zurufe oder Predigten oder Vorträge beeinflussen. Manche unserer Stücke sind ja vom Inhalt her bekannt. „Kristallnaach“, „Drei Wünsch frei“ oder „Absurdistan“, da wissen die Leute, worum es geht. Wenn wir „Vision vun Europa“ spielen, ein Lied über zwei Brüder, die versuchen, von Afrika nach Europa zu kommen – da werde ich auch nochmal darauf hinweisen, dass das, wovon das Lied handelt, da draußen tagtäglich passiert.

Mit Blick auf den Echo, der ja doch für Wirbel gesorgt hat, würden wir gerne noch das Thema künstlerische Freiheit ansprechen – wie weit darf ein Künstler Ihrer Ansicht nach gehen?
Spätestens wenn es antisemitisch wird, muss man einschreiten. Antisemitische Texte sind tabu. Wir hier in diesem Land, das für den Holocaust verantwortlich ist, haben allen Grund, dafür zu sorgen, dass so was unterbleibt. Punkt. Aber weil Sie das ansprechen: haben Sie mitbekommen, wie das gelaufen ist? Ich bin vier Tage vor der Echo-Verleihung angerufen worden, dass ich für Paul McCartney einspringen soll, der die Laudatio für Klaus Voormann halten sollte. Ich hatte zuvor von Farid Bang und Kollegah überhaupt nichts mitbekommen. Diejenigen, die denen ein Podium geboten haben, haben sich vertan. Für die beiden Jungs hat das funktioniert – denn die hatten die Promo des Jahrhunderts: „Any promotion is good promotion“ Ich bin dort angekommen und war leider nicht bei der Generalprobe, sonst hätte mir Campino schon gesagt, was Sache ist. Ich habe davon zum ersten Mal auf dem roten Teppich erfahren, als ich von Journalisten gefragt wurde, was ich davon halte. Nach und nach erfuhr ich, dass da irgendwas mit Rappern läuft, die provozierende Texte ablassen. Dann war schon die Veranstaltung, Campino las seine Rede, die ich toll fand. Da ich aber keine einzige Textzeile von den Rappern kannte, war ich vollkommen konsterniert, als ich unmittelbar nach ihrem Auftritt auf die Bühne kam. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine Laudatio zu halten. Denn ich kann ja nicht zu etwas Stellung nehmen, wenn ich die Fakten nicht kenne. Ich bin da regelrecht ins Messer gelaufen. Das war furchtbar, natürlich besonders für Klaus Voormann. Keiner hat mehr über seinen Echo für sein Lebenswerk geredet.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie Ihren Echo anschauen?
An meinen Echo habe ich sehr angenehme Erinnerungen. Damals hat Campino eine unfassbar sensible Laudatio gehalten und Wim Wenders hat mir mit sehr nahegehenden Sätzen den Echo überreicht. Alle waren in Tränen aufgelöst. Ich hatte ein halbes Jahr vorher einen Schlaganfall überstanden. Das alles ging mir sehr nahe. Wenn ich das heute auf Youtube anschaue, habe ich immer noch einen Klos im Hals.

Der Preis ist für Sie also mit einem so wichtigen Moment verbunden, dass es nicht infrage kommt, ihn zurückzugeben?
Nein, das könnte ich nicht. Für mich und meine Familie war das ein Moment mit ausschließlich wunderbaren Erinnerungen. Echo hin, Echo her. Dieser kam von Herzen. Ich habe kurz überlegt, ob ich meinen Echo auch zurückgeben soll, aber das war es mir nicht wert.

Jetzt ist der Echo abmoderiert …
Das ist auch gut so. Ich hoffe nur, dass bei der nächsten Form dieser Veranstaltung nicht der alte Wein in neuen Schläuchen serviert wird. Der Echo krankt darunter – mal ganz abgesehen von diesem antisemitischen und frauen- und menschenverachtenden Zeug – dass er außer dem Preis fürs Lebenswerk nur anerkennt, was sich am besten verkauft. Das kann nicht alles sein. Da gehört eine kompetente Jury hin, die Preise auch nach Qualität vergibt. Man stelle sich vor, beim Oscar oder den Grammys würden nur Blockbuster ausgezeichnet.

Wie haben denn Ihre Kollegen an dem Abend reagiert?
Ich habe zum Beispiel noch nie erlebt, dass es nach einer Echo-Lebenswerk-Verleihung keine stehenden Ovationen gibt. Aber alle waren wie schockgefroren. Das sah auch von der Bühne aus unfassbar aus. Campino wusste selbst nach der Show nicht, ob das okay war, was er gemacht hatte. Ich habe ihn bestärkt und ihm gesagt, dass das großartig war. Ich musste ihn fast trösten, das müssen Sie sich mal vorstellen. Er hatte doch alles richtiggemacht.

Ist das Problem der Echo oder sind es nicht eher Entwicklungen in der Musikszene? Kommerzielle Erfolge feierten ja nicht erst Farid Bang und Kollegah, die Echo-Vergabe an die rechtslastige Band Frei.wild 2016 war ja auch schon umstritten.
Man kann die Musikszene nicht losgelöst vom gesamtgesellschaftlichen Kontext sehen. Wenn man nur Preise an diejenigen verleiht, die am meisten verkaufen, ist demnach auch die Gesellschaft in Unordnung geraten. Ich habe mich mit Frei.wild übrigens nicht auseinandergesetzt. Auch diesen Namen hörte ich beim Echo damals zum ersten Mal. Ich muss mich mit so etwas auch nicht auseinandersetzen. Es gibt genug, was mich interessiert und ich komme ohnehin nicht dazu, alles zu hören. Aber die Gesellschaft verändert sich. Wieso? – Die Antwort würde sehr abendfüllend.

Zum Abschluss schauen wir noch kurz auf Ihre Tournee, zu der Sie erstmals auch ein Bläsersatz begleitet …
Das Solo-Album „Reinrassije Strooßekööter“, an dem wir uns musikalisch orientieren, habe ich im Mai 2017 in New Orleans aufgenommen. Da sind einige Stücke mit Bläsern drauf, die wollen wir auf der Bühne nicht mit Synthesizern faken. Es sind genug Fake-News im Umlauf. Und einige ältere Songs sind diesmal etwas anders arrangiert als wir das normalerweise mit BAP machen.

Sie sind ja nun schon mehr als vier Jahrzehnte auf der Bühne, andere spielen zu dem Zeitpunkt schon ihre zehnte Abschiedstournee. Wie lange wollen Sie noch da oben stehen?
Keine Ahnung, ich habe jedenfalls keine Lust eine Tournee mit „Abschiedstournee“ zu bewerben, denn sowas ist ja ein beliebtes Marketing-Instrument. Ich kann aber auch nicht sagen, wie lange ich das noch machen kann. Das hängt davon ab, wie es mir gesundheitlich geht. Lust habe ich genug, das bis in alle Ewigkeit zu machen. Es ist ein Riesenspaß. Aber man weiß es nie. Meinen Schlaganfall hatte ich auch nicht erahnt. Ich freue mich, dass ich auf diese Art und Weise mein Leben zubringen darf und meine Familie damit ernähren kann. Das ist eine unglaubliche Gnade.

Interview: Andreas Sieler und Boris Halva

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