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„Gib einen Pastor, nimm einen Pastor“, sagt Recep Tayyip Erdogan. Er will US-Pastor Andrew Brunson gegen den Islamprediger Fethullah Gülen tauschen.
Andrew Brunson
Politik

Türkei reagiert empört auf Trumps Drohung

Von Frank Nordhausen
08:47

Es kommt Bewegung in eine schweren Streitfall zwischen den Nato-Partnern USA und Türkei. Am Mittwoch wandelte ein türkisches Gericht die Untersuchungshaft des US-Pastors Andrew Brunson in Hausarrest um. Der protestantische Geistliche wurde aus dem Gefängnis entlassen, darf aber sein Haus im westtürkischen Izmir nicht verlassen.

Die Entscheidung könnte für den 50-Jährigen der erste Schritt zur Freilassung und Rückkehr in seine Heimat sein und das gespannte Verhältnis der beiden Staaten deutlich entkrampfen. Der Pastor einer kleinen evangelikalen Missionsgemeinde in Izmir sitzt seit zwanzig Monaten unter hanebüchenen Vorwürfen in Untersuchungshaft. Laut Staatsanwaltschaft soll er den Plan verfolgt haben, ein „christliches Kurdistan“ in der Türkei zu schaffen. Er soll im Auftrag der CIA an der Koordination des Putschversuchs gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan vor zwei Jahren mitgewirkt haben.

Gülen-Unterstützer und PKK-Sympathisant?

Die Ankläger beschuldigen ihn, gleichzeitig ein ausländischer Spion sowie Unterstützer der als Terrororganisationen eingestuften Kurdenguerilla PKK und der für den Putschversuch verantwortlich gemachten Sekte des in den USA lebenden Islampredigers Fethullah Gülen zu sein, die sich untereinander spinnefeind sind. In einem grotesken Schauprozess fordert die Staatsanwaltschaft bis zu 35 Jahre Haft für den Geistlichen aus North Carolina, der seit 22 Jahren in der Türkei lebt.

Beweise für die schweren Vorwürfe wurden bislang keine vorgelegt, stattdessen Beweisanträge von Brunsons Verteidigern pauschal abgelehnt. Ein Geheimzeuge behauptete ernsthaft, Brunson habe Bibeln mit dem PKK-Logo gedruckt. Der Türkei-Experte Howard Eissensstat von der St.-Lawrence-Universität in New York sagte der FR, Brunson werde zweifellos als politisches Druckmittel der Regierung festgehalten: „Geiseldiplomatie ist das korrekte Wort für diese Politik.“ Tatsächlich hatte Präsident Erdogan den USA vor einem Jahr einen Austausch von Brunson gegen Gülen vorgeschlagen: „Gib einen Pastor, nimm einen Pastor.“

Der Fall belastet die Beziehungen zwischen Ankara und Washington schwer. Millionen amerikanische Christen sind jetzt davon überzeugt, dass Erdogan ein islamistischer Diktator ist, der unschuldige Christen als Geiseln hält – und sie appellieren an ihre Abgeordneten in Washington, etwas zu unternehmen. Tatsächlich forderten zahlreiche US-Politiker und auch Präsident Donald Trump inzwischen Brunsons Freilassung. „Er wird schon viel zu lange als Geisel gehalten“, twitterte Trump in der vergangenen Woche. „Präsident Erdogan sollte etwas tun, um diesen wundervollen christlichen Ehemann und Vater zu befreien. Er hat nichts Falsches getan, und seine Familie braucht ihn!“

US-Senat stopp Waffenlieferung wegen Brunson

Brunson hat in der langen Untersuchungshaft 25 Kilo Körpergewicht verloren und muss Antidepressiva einnehmen. Im Gerichtssaal brach er mehrfach in Tränen aus. „Ich bin unschuldig“, sagte er. „Ich bin hier, um im Namen Jesus‘ zu leiden.“ Nach einer Anhörung entschied ein Richter am 18. Juli, dass er weiter in Haft bleiben müsse. Doch nach einer Beschwerde von Brunsons Anwalt wegen seines schlechten Gesundheitszustandes wurde er nun in den Hausarrest entlassen.

Der Grund dafür dürfte im zunehmenden politischen Druck aus Washington auf Ankara zu finden sein. Der US-Senat hatte im Juni bereits die Auslieferung von F-35-Kampfflugzeugen an die Türkei wegen der Inhaftierung Brunsons und des Kaufs russischer S-400-Raketenabwehrsysteme durch Ankara vorübergehend gestoppt. Ein verschärftes Waffenembargo gegen die Türkei durch den Kongress steht im Raum. Am Donnerstag wollte das US-Senatskomitee für auswärtige Beziehungen über die Einschränkung von Krediten internationaler Finanzinstitutionen an die Türkei debattieren, um den Druck zu erhöhen.

US-Außenminister Mike Pompeo begrüßte die bedingte Freilassung Brunsons, erklärte sie aber für unzureichend. Die Finanzmärkte reagierten prompt: Die stark geschwächte türkische Lira gewann gegenüber dem Dollar deutlich an Wert. Der nächste Prozesstermin ist am 12. Oktober.

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