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Zielstrebig, arrogant, gerissen: Frühere Weggefährten bescheinigen Berat Albayrak einen enormen Machtinstinkt.
Berat Albayrak
Politik

Erdogans Kronprinz

Von Frank Nordhausen
15:20

Zum wichtigsten Auftritt seines Lebens hatte Berat Albayrak die Wirtschaftselite der Türkei einbestellt. Hunderte Unternehmensbosse versammelten sich am vergangenen Freitag im berühmten Dolmabahce-Palast in Istanbul, Tausende Interessierte verfolgten weltweit live im Fernsehen und Internet, mit welchen Maßnahmen der junge türkische Finanzminister den dramatischen Wertverfall der Landeswährung Lira aufhalten wollte. Er hatte angekündigt, ein völlig „neues Wirtschaftsmodell“ vorstellen zu wollen. Es ging in diesem historischen Moment um nichts weniger, als die am Abgrund taumelnde türkische Wirtschaft vor dem nahenden Kollaps zu bewahren.

Wie ein Symbol für die Begrenztheit seiner Möglichkeiten wirkte es, dass der junge Minister fast eine halbe Stunde warten musste, bis der mächtige türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in der nordwestlichen Provinz Bayburt eine Rede beendet hatte, die ebenfalls live übertragen wurde. Als Albayrak dann sprach, trieb ihm der Stress buchstäblich den Schweiß aus den Poren.

Zwar war alles, was er sagte, richtig. Dass er strenge Haushaltsdisziplin wahren, die rasende Inflation bändigen und die Unabhängigkeit der Zentralbank wahren werde. Doch jedes seiner Worte stand im krassen Widerspruch zu den unmittelbar vorangegangenen Tiraden Erdogans gegen die sogenannte „Zinslobby“ des Westens. Dem hätte Albayrak entgegentreten müssen. Aber der Minister nannte nicht eine konkrete Maßnahme. Die Enttäuschung stand den Unternehmern ins Gesicht geschrieben.

Dann platzte, noch während Albayrak sprach, eine genau gezielte Bombe. Im fernen Washington twitterte US-Präsident Donald Trump, dass er die Zölle auf türkische Aluminium- und Stahlimporte verdoppeln werde, falls die Türkei nicht umgehend den seit 20 Monaten festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson freiließe. Sekunden später brach die Lira massiv ein und verlor 16 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar. Albayrak sprach schwitzend weiter, wirkte aber plötzlich wie ein gemaßregelter Schuljunge. Als er fertig war, huschte er davon, ohne eine einzige Frage zuzulassen. Die Lira ging in den freien Fall über.

Shooting Star der türkischen Politik

Spätestens mit dem Istanbuler Auftritt wurde Berat Albayrak zum Gesicht der schwersten türkischen Wirtschaftskrise seit 2001. Dabei galt der 40-Jährige noch vor Kurzem als der Shooting Star der türkischen Politik. Vor drei Jahren erst stieg er in die Politik ein, wurde sofort Abgeordneter und Energieminister, und seit den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen vom Juni ist er als Wirtschaftslenker der zweitmächtigste Mann des Landes gleich nach dem Präsidenten. Eine solche Blitzkarriere macht man in der Türkei nur mit Protektion, und Albayrak hat die denkbar stärkste. Er ist Erdogans Schwiegersohn. Viele sagen: sein Kronprinz. Bei Erdogans Staatsbesuch Ende September wird er in Berlin an seiner Seite stehen – falls er die Turbulenzen politisch überlebt. 

Schon sein Start ins neue Amt begann mit einem Desaster. Kaum hatte Erdogan Anfang Juli Albayraks Namen als Finanzminister öffentlich genannt, stürzte die Lira gegenüber dem Dollar ab – ein deutliches Zeichen, wie die internationalen Anleger den unerfahrenen Aufsteiger einschätzten. Nicholas Danforth, Türkei-Experte vom Bipartisan Policy Center in Washington, wertet die Entscheidung als Zeichen, dass Erdogan nun auch die Herrschaft über die Ökonomie übernommen hat. „Obwohl Albayrak sein Bestes tut, um den Märkten zu versichern, dass er ein verantwortlicher und pragmatischer, nicht ideologischer Steuermann der türkischen Wirtschaft sein werde, hat niemand Zweifel, dass Erdogan das Sagen hat“, sagt er.

Falls er es mit der Beruhigung der Märkte und der Rückkehr zu einer konventionellen Währungspolitik ernst meint, so kann Albayrak dies offensichtlich nicht durchsetzen. Am Montag ließ er einen groß angekündigten Termin platzen, auf dem er eigentlich einen „Aktionsplan“ gegen die Lira-Schwäche hatte vorstellen wollen. Stattdessen reiste er nach Kuwait, um einen 1,8-Milliarden-Dollar-Kredit aufzunehmen. Als sei er gerade gut genug für Bittstellerdienste.

Familienbündnis: Heirat mit Erdogans Tochter 

Dabei wirkte es bis zum Ausbruch der Krise, als wäre Berat Albayrak seit Jahren für die Rolle als Nachfolger Erdogans trainiert worden. Sein Vater Sadik Albayrak, ein bekannter islamistischer Autor, gehört zum exklusiven Zirkel der ältesten und engsten Freunde des Staatschefs. Sohn Berat studierte Ökonomie in Istanbul und erwarb einen Master an der New Yorker Pace University.

In Amerika lernte er Erdogans ältere Tochter Esra kennen, die er 2004 heiratete. Zur prunkvollen Feier in Istanbul kamen mehr als 7000 Gäste, darunter Italiens damaliger Regierungschef Silvio Berlusconi. „Die Hochzeit war ein Familienbündnis, um sich der gegenseitigen Loyalität zu versichern“, sagt ein Freund der Familien. „Denn Sadik Albayrak kennt auch jedes Geheimnis Erdogans.“ Seit der Heirat, aus der bisher zwei Kinder hervorgingen, gilt Berat Albayrak als enger Vertrauter des damaligen Regierungschefs.

Mit gerade 29 Jahren stieg der Schwiegersohn zum Geschäftsführer der regierungsnahen Calik-Holding auf, einem der größten türkischen Mischkonzerne, der dem Milliardär und Erdogan-Vertrauten Ahmet Calik gehört. Unter Albayraks Leitung rückte die Holding nun noch stärker in die Nähe der Regierung und gewann zahlreiche lukrative inländische Ausschreibungen im Energie- und Bausektor.

Bei Calik traf Albayrak auch sofort strategische Entscheidungen für den Erdogan-Clan, vor allem den 1,5-Milliarden-Dollar-Ankauf der bedeutenden Mediengruppe Turkuvaz, zu der auch die einflussreiche Tageszeitung „Sabah“ und mehrere TV-Sender gehörten. Sie wurden bald zum wichtigsten Propagandainstrument der Erdogan-Regierung. Als er 2013 Calik verließ, um seine politische Karriere vorzubereiten, übernahm sein älterer Bruder Serhat die Führung von Turkuvaz. 

Von Erdogan extrem protegiert 

Seit der Schwiegersohn Ende 2015 in die Politik ging, war klar, dass er mehr war als ein „normaler“ Politiker. Kaum in Erdogans islamistische Regierungspartei AKP eingetreten, wurde er auf einem sicheren Listenplatz ins Parlament gewählt und umgehend zum Minister für Energie und Bodenschätze befördert. Fortan begleitete er Erdogan auf wichtige Auslandsreisen und sitzt stets bei ihm in der Präsidentenlimousine.

Seinen ersten großen Auftritt auf der nationalen Politik-Bühne hatte Albayrak im Mai 2016. Laut Presseberichten orchestrierte er zusammen mit seinem Bruder Serhat den politischen und medialen Angriff auf den damaligen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu, den Erdogan zunehmend als lästigen Konkurrenten empfand. Davutoglu trat schließlich zurück.

„Plötzlich sah man diesen jungen Mann, einen kompletten Außenseiter, tief verflochten mit den Angelegenheiten des Palastes“, zitierte die britische Financial Times damals einen AKP-Funktionär. „Es war eine klare Botschaft an uns.“

Erdogans eigene Söhne und Schwiegersohn Nummer zwei zeigen keine große politische Begabung; seine jüngste Tochter Sümeyye zwar schon, doch kommt sie als Frau in der konservativen AKP für das politische Spitzenamt nicht in Frage. Nur Berat Albayrak bringt die nötigen Voraussetzungen mit, wenn ihm auch Charisma und rhetorische Fähigkeiten des Schwiegervaters fehlen. Vor allem hat er einen unbändigen Machtinstinkt. Als zielstrebig, arrogant und gerissen beschreiben ihn Weggefährten.

„Erdogan vertraut ihm hundertprozentig“

Außerdem hat er als Unternehmer wirtschaftliche Erfahrung gesammelt – und hat als Wirtschaftslenker anders als sein marktfreundlicher Vorgänger Mehmet Simsek das Ohr des Präsidenten. „Erdogan vertraut ihm hundertprozentig“, sagt der frühere Bloomberg-Analyst und Türkei-Experte Mark Bentley. „Das heißt, was immer Albayrak von seinen internationalen Erfahrungen berichtet, nimmt Erdogan ernst.“

Doch schon im Herbst 2016 geriet der Senkrechtstarter in einen Hacker-Skandal, der seine volle Wirkung wohl nur deshalb nicht entfaltete, weil nach dem Putschversuch vom Juli des Jahres Massenentlassungen und -inhaftierungen die Nation in Atem hielten. Die linke Redhack-Gruppe hatte fast 58.000 E-Mails von Albayrak aus den Jahren 2000 bis 2016 entwendet und unter anderem auf der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht. Die türkische Regierung ließ die entsprechenden Internet-Seiten sofort sperren.

Verbindungen zur Terrormiliz IS?

Einige Dokumente enthalten explosive Informationen über Albayraks angebliche finanzielle Verbindungen mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Im Zentrum der Geschäfte stand die Firma Powertrans, die als einziges türkisches Unternehmen eine Einfuhrlizenz für Erdöl besaß. Über die autonome Region Kurdistan im Nordirak importierte sie Erdöl des IS in die Türkei. Den E-Mails zufolge erscheint Albayrak als der Schattenchef von Powertrans, denn er entschied offenbar über wichtige Geschäftsvorgänge. Albayrak dementiert dies, doch die Echtheit der elektronischen Korrespondenz hat er nie bestritten.

Präsident Erdogan präsentiert seine Familie gern als Vorbild für gelebten Islam und konservative Werte. Die Korrespondenz seines Schwiegersohns zeichnet ein anderes Bild. Viel Spott riefen zum Beispiel Online-Bestellungen hervor, mit denen Albayrak 2012 Sexspielzeug orderte. Andere E-Mails zeigen, dass er ohne seine Frau Esra mit Freunden nach Miami flog. „Wir glauben zwar natürlich nicht, dass ihr was Böses tut, aber warum fahrt ihr ohne eure Frauen wohin, um zu entspannen, wo es so warm ist, dass viele fast nackt sind?“, beklagte sie sich. „Kommt dir das alles islamisch oder moralisch vor?“. Seine Antwort: „Wenn du unglücklich bist, geh doch zurück ins Haus deines Vaters!“. 

Geld in Steueroasen verschoben 

Auf Kritik reagiert Albayrak ebenso empfindlich wie Erdogan. Nach der Ernennung zum Finanzminister verklagte er die Journalistin Pelin Ünker von der oppositionellen Zeitung Cumhuriyet auf rund 90.000 Euro Schmerzensgeld. Sie hatte ihm in Tweets vorgeworfen, Geld in Steueroasen verschoben zu haben und berief sich dabei auf die veröffentlichten „Paradise Papers“ und „Malta Files“ aus Offshore-Steuer-Paradiesen.

Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass Albayrak 2011 als Chef des Calik-Konzerns rund 35 Millionen Euro aus Dubai zurück in die Türkei bringen wollte, ohne sie zu versteuern. Damals konnte er das Vorhaben nicht umsetzen. Doch im Windschatten des Putschversuchs 2016 legalisierte er als Energieminister den steuerfreien Rückfluss der Auslandsgelder einfach mit einem „Vermögensfrieden“-Gesetz. Nachdem Cumhuriyet diese Zusammenhänge enthüllt hatte, verklagte er die Zeitung.

Verbindung von Politik und Business

Die Unterlagen zeigen in beispielloser Klarheit, wie gut sich Berat Albayrak auf jene Verbindung von Politik und Business versteht, die den Erdogan-Clan generell auszeichnet. In der „neuen Türkei“ des Präsidenten würde ein anderes Detail normalerweise die politische Karriere beenden: Albayrak war Schüler eines von 30 sogenannten Fatih-Kollegien des Islampredigers Fethullah Gülen. Mit dem Sektenführer war Erdogan früher verbündet, macht ihn aber inzwischen für den Putschversuch verantwortlich. Während zehntausende Menschen wegen angeblicher Gülen-Verbindungen aus dem Staatsdienst entlassen oder inhaftiert wurden, blieben AKP-Politiker, von denen viele enge Kontakte zur „Bewegung“ unterhielten, weitgehend verschont. Auch Berat Albayrak.

Ein ehemaliger Angestellter einer Gülen-Einrichtung, der ungenannt bleiben will, sagt: „Wer auf ein Gymnasium des Predigers ging, wurde nicht zwangsläufig Gülenist, aber die Wahrscheinlichkeit war wegen der Indoktrination groß.“ Unter den gehackten E-Mails findet sich auch eine interessante Botschaft Gülens an Berat Albayrak von 2009, die ein Freund ihm nach einem Besuch beim Sektenchef schickte: „Sag‘ ihm Hallo. Mein Gott, gib‘ ihm Stärke und Geduld, hilf ihm…“.

Offiziell ist Albayrak inzwischen ein ebenso strikter Feind von Gülen und dessen Bewegung wie Erdogan. Er agiert überhaupt im perfekten Gleichklang mit dem Schwiegervater. Praktisch überall, wo der Präsident auftaucht, ist jetzt auch Albayrak zu sehen. Nicht nur in Kabinettssitzungen lässt Albayrak andere Minister spüren, wie überlegen er sich ihnen fühlt. Wie hoch die Spannungen dort sind, wurde sichtbar, als eine Fernsehkamera vor wenigen Tagen einfing, wie Innenminister Süleyman Soylu seinen Kollegen Albayrak während eines offiziellen Termins mit voller Absicht im Vorbeigehen anrempelte und dann verächtlich anblickte.

Bereits mit seiner ersten wichtigen politischen Bewährungsprobe hatte Albayrak die Skepsis ausländischer Investoren bestätigt. Vor der mit Spannung erwarteten ersten Zentralbanksitzung nach den Wahlen bemühte sich der Aufsteiger, die Anleger zu beruhigen. Die Frage war, ob er es wagen würde, sich mit seinem Mentor anzulegen und höhere Leitzinsen durchzusetzen, wie sie die Märkte verlangten.

Die Antwort gab die Zentralbank am 24. Juli. Sie ließ die erwartete Zinserhöhung ausfallen und folgte damit Erdogans unorthodoxer Auffassung, dass niedrige Zinsen niedrige Inflation bedeuten. „Die Entscheidung machte klar, dass er strikt die Politik seines Schwiegervaters verfolgt“, sagt Wirtschaftsanalyst Bentley. „Als die Krise dann eskalierte, war Albayrak meistens abwesend, wenn er am dringendsten gebraucht wurde.“

Wenn er die Krise jetzt nicht schnell in den Griff bekommt, müsste er eigentlich zurücktreten. Aber damit ist nicht zu rechnen. Und die Lira fällt weiter.

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