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Betro O’Rourke soll ein Wunder vollbringen.
Beto O’Rourke
Politik

Linksliberaler Hoffnungsträger

Von Martín Steinhagen
17:27

„Wir brauchen ein Wunder bei dieser Wahl“, ruft der Sänger des Gospel-Trios in der Mount Sinai Baptist Church von der Bühne. „Wir erwarten das Unmögliche!“ Dann setzt die E-Orgel ein, die Menge klatscht im Takt. Die türkis bezogenen Holzbänke sind bis auf den letzten der mehr als 1000 Plätze besetzt, trotzdem drängen weiter Menschen in den Saal mit dem spröden Charme einer Mehrzweckhalle. Heute wird ausnahmsweise kein Gottesdienst gefeiert. In der Kirche in der texanischen Hauptstadt Austin warten an diesem heißen Montagmittag alle auf einen, auf Beto. Er soll das Wunder vollbringen. 

Beto O’Rourke will im November etwas schaffen, das viele für unmöglich halten – oder hielten: als Demokrat die Wahlen im als konservative Hochburg geltenden Bundesstaat Texas gewinnen – und einen der beiden Senatssitze von den Republikanern übernehmen. Zum letzten Mal hat das 1988 geklappt. 

Der schlanke, große Mittvierziger mit dem grau melierten Haar ist in den vergangenen Wochen zum Hoffnungsträger avanciert, von einer „Betomania“ ist gar die Rede. Das hat auch mit überraschenden Zahlen zu tun: Spätestens seitdem Umfragen O’Rourke nur wenige Prozentpunkte hinter dem erzkonservativen Amtsinhaber und eigentlichen Favoriten Ted Cruz sehen, interessieren sich plötzlich nicht mehr nur Texaner für den Wahlkampf im zweitgrößten Bundesstaat der USA, den Demokraten oft schon abgeschrieben haben. 

Bei den Midterm Elections im November geht es um viel. Die Demokraten hoffen, zumindest im Repräsentantenhaus die Mehrheit zu erobern, um der Politik von Präsident Donald Trump etwas entgegensetzen zu können. Im Senat die erforderlichen Sitze zu gewinnen, gilt als schwieriger. 

„Eine wirklich tiefe Dunkelheit liegt derzeit über unserem Land“, sagt O’Rourke in der Kirche. Die Ärmel seines hellblauen Hemdes hat er hochgekrempelt, trägt Jeans statt Anzug und Krawatte. Es gelte, Hass und Rassismus etwas entgegenzusetzen. „Es ist noch Zeit, etwas zu tun.“ Für die Trennung von Familien von Asylsuchenden, eine Folge von Trumps „Null-Toleranz-Politik“, sei „jeder Einzelne von uns“ mitverantwortlich, „bis wir es wieder gutmachen“. Das Thema bewegt im Saal sichtlich viele. Die Szenen an der Grenze zu Mexiko spielen sich nicht weit entfernt ab.

„Wir wollen nicht, dass unsere Kinder uns fragen: Wer waren diese pendejos (Spanisch für Arschlöcher), die diese Mauer gebaut haben?“, sagt O’Rourke unter Jubel. Er gilt als charismatischer Redner und spricht auch an diesem Tag frei – über eine Krankenversicherung für alle, die Legalisierung von Marihuana und eine entschlossene Klimapolitik. Über gleiche Rechte für LGBTQI und die Liberalisierung der Abtreibungsgesetze und des Staatsbürgerrechts. Eindringlich, mit einer ordentlichen Portion Pathos, aber nicht schrill. O’Rourke macht mit linksliberalen Positionen Wahlkampf – ausgerechnet in Texas. 

O’Rourke geht es um Sachfragen, nicht um Parteipolitik

Seit der verlorenen Präsidentschaftswahl stehen die Demokraten vor der Frage: Nach links rücken – und damit die eigene Basis und Nichtwähler mobilisieren – oder lieber in der Mitte um verschreckte Republikaner-Wähler werben? O’Rourke scheint einen etwas eigenen Weg zu gehen.

„Das Einzige, was du in der Mitte der Straße finden wirst, sind gelbe Linien und tote Gürteltiere“, hat er einmal einem Reporter erklärt. Vom Partei-Establishment hat er sich mitunter distanziert, aber als „demokratischer Sozialist“, wie Bernie Sanders, gilt er auch nicht. Im Gespräch mit der FR gibt er sich bescheiden. Auf die Frage wie sich die Demokraten insgesamt positionieren sollten, habe er keine Antwort. Ihm gehe es nur um Sachfragen, nicht um Parteipolitik. Immer wieder betont O’Rourke an diesem Tag, er könne auch mit Republikanern zusammenarbeiten, um etwas zu erreichen, gibt er sich als Brückenbauer. Das kommt hier gut an. 

Obwohl er bereits seit 2012 im US-Abgeordnetenhaus sitzt, will O’Rourke nicht als gewöhnlicher Politiker wahrgenommen werden. Er verzichtet demonstrativ auf Finanzspritzen der einflussreichen instititutionellen Lobbygruppen. So blieben die Prioritäten gewahrt, sagt er. Stattdessen setzt er auf private Spender und hat bereits mehr als 23 Millionen US-Dollar eingesammelt, etwa so viel wie der gut vernetzte Ted Cruz, und das in deutlich kürzerer Zeit. Der Durchschnitt der Einzelspenden liegt laut eigenen Angaben bei nur 33 US-Dollar.

O’Rourke will die Wähler an die Urnen bringen

Auf seiner Website findet man das gewohnte Familienfoto mit Frau und Kindern, zugleich aber zeigt sich O’Rourke gern modern, nahbar und locker. Als Student hat er in einer Punkband Bass gespielt, hatte auch mal Probleme mit der Polizei, heute tritt er mit der Outlaw-Country-Legende Willie Nelson auf oder fährt Skateboard auf dem Parkplatz einer Burger-Kette. Der dreifache Vater aus der Grenzstadt El Paso spricht fließend Spanisch, obwohl er keine Latino-Vorfahren hat – und flucht auch gerne in der Sprache. Seit seiner Kindheit wird er Beto gerufen, die spanische Koseform seines Vornamens Robert. Die Demokraten hoffen auch auf Erfolg bei den Hispanics, die in Texas inzwischen rund 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber oft überproportional den Urnen fernblieben. 

Fragt man ihn nach seiner Strategie, um das Wunder Wirklichkeit werden zu lassen, antwortet er: „Hingehen.“ Er meint damit auch sich selbst. O’Rourke ist öffentlichkeitswirksam alle 254 Landkreise in Texas abgefahren – in einem Bundesstaat, fast doppelt so groß wie Deutschland. Er setzt aber vor allem darauf, dass andere hingehen: die Wähler am Wahltag. O’Rourke und seine Anhänger haben sich vorgenommen, so viele Wähler zu mobilisieren wie nie zuvor. Dafür sammeln Freiwillige Daten, die auf einer frei zugänglichen Karte eingetragen werden. Dort sind die Gebiete verzeichnet, in denen viele potenzielle Demokraten-Stimmen erwartet werden. Wenig überraschend liegen die vor allem in den Städten. Es gebe 5,5 Millionen Wahlberechtigte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit für O’Rourke stimmen würden, wenn sie denn zur Wahl gingen, behauptet sein Team. Das würde reichen. Texas gehört zu den Staaten mit der niedrigsten Wahlbeteiligung. Bei den Präsidentschaftswahlen 2016 lag sie je nach Zählweise bei um die 50 Prozent, weniger als neun Millionen Texaner stimmten ab, Trump gewann mit neun Prozentpunkten Vorsprung. 

Überzeugt werden sollen die Nichtwähler vor allem durch ihre Nachbarn und Bekannten, heißt es. O’Rourkes Team bildet Freiwillige aus, die telefonieren, SMS schreiben, E-Mails versenden und von Tür zu Tür ziehen. Eine Grassroots-Bewegung, sagt der Kandidat. Bereits jetzt sollen 10 000 dabei sein. „TV-Spots sind vielleicht gut, Social Media kann mächtig sein, aber nichts stellt eine Verbindung her, wie solche persönliche Treffen“, sagt O’Rourke der FR. 

Anita Howard ist eine dieser Freiwilligen. Die Frau mit den kurzen grauen Haaren steht ganz in Weiß im Foyer der Kirche in Austin, sie trägt eine dunkelblaue Baseball-Kappe auf der in Versalien BETO steht und hakt hektisch Punkte auf ihrer To-do-Liste auf einem Klemmbrett ab. „Ich mache das zum ersten Mal“, sagt sie. Nach Trumps Wahlsieg sei sie fast nicht mehr aus dem Bett gekommen, erinnert sie sich. Irgendwann habe sie sich gedacht: „Ich muss etwas Positives tun, ich muss helfen, damit jemand Vernünftigeres gewählt wird“. An O’Rourke überzeugt sie vor allem der Verzicht auf Großspender. „Es war ein obamaesker Moment als ich ihn zum ersten Mal sprechen gehört habe“, sagt Howard, die als Studentin noch für Ronald Reagan stimmte.

Eine andere Anhängerin vergleicht O’Rourke gleich mit John F. Kennedy. Sie habe sich schon für Hillary Clinton engagiert, erzählt Chloe, die ihren Nachnamen nicht verraten möchte. Sie trägt große Glitzerohrringe, hat eine Louis-Vuitton-Tasche auf dem Schoß. Und wenn es diesmal wieder nicht klappt? „Es wäre herzzerreißend“, sagt sie. Bei dem Gedanken schießen ihr kurz Tränen in die Augen. Eine junge Frau mit langen, lila gefärbten Haaren sagt später: „Ganz ehrlich, mir geht es um die Zukunft unserer Demokratie“, nachdem sie für ein Foto mit O’Rourke posiert hat. 

Auch wenn der Politiker es nicht gerne hervorhebt: Die sozialen Medien sind für die „Betomania“ zentral. Nach öffentlichen Auftritten bleibt er, bis alle sich mit ihm fotografiert haben – und hofft darauf, dass die Bilder an Freunde und Verwandte verschickt oder im Internet geteilt werden. In Austin zieht sich die Schlange durch das gesamte Foyer der großen Kirche. Zwei Mitarbeiterinnen stehen bereit, die eine nimmt die Handys in Empfang, die zweite schießt die Fotos – und sorgt dafür, dass nichts ins Stocken gerät: ein Selfie-Fließband.

Seine Gegner nehmen ihn ernst

Seine Auftritte können Anhänger zudem als Live-Video auf Facebook verfolgen, genau wie Szenen aus dem Wahlkampf-Roadtrip, für den O’Rourke mit einem – in Texas obligatorischen – Pick-up unterwegs ist. Zuletzt hat er bundesweit mit einem Videoclip für Aufsehen gesorgt, in dem er die Football-Spieler verteidigt, die sich hinknien, wenn die Nationalhymne erklingt, um gegen Rassismus zu protestieren. Millionen Menschen haben die kurze Sequenz gesehen und geteilt.

Eines hat O’Rourke schon erreicht: Seine Gegner nehmen ihn ernst. Ted Cruz hat bereits mehrere Negativspots senden lassen und warnt seine Anhänger, die Wahl als entschieden anzusehen. Erst kürzlich hat eine mächtige Lobbygruppe angekündigt, Millionen Dollar in Anti-O’Rourke-Werbung zu investieren. Auch Trump unterstützt seinen ehemaligen Konkurrenten um die Präsidentschaftskandidatur, den er einst als „Lügen-Ted“ beschimpft und dessen Vater er mit dem Kennedy-Attentat in Verbindung gebracht hatte. Er werde im Oktober das „größte Stadion, das ich finden kann“ für einen Auftritt aussuchen, twitterte er kürzlich. Zur Frage, ob Trumps Unterstützung nach den Skandalen der letzten Zeit schädlich sein könnte, wollte Cruz sich im Gespräch mit der FR Ende August am Rande eines Termins in Austin nicht äußern.

Trotz des Hypes wissen viele Demokraten auch: O’Rourke ist nicht der erste Shooting Star und Medienliebling, der am Wahltag untergeht. Viele Beobachter halten einen Sieg weiter für unwahrscheinlich, Umfragen hin oder her. Gelänge es O’Rourke aber, Cruz abzulösen, dann dürften sich die politischen Gewichte in Texas nachhaltig verschieben.

„Oh happy day, er wird gewinnen“, singt die Gospel-Band in Austin. Der harte Wahlkampf des Kandidaten, der seine bei Auftritten durchgeschwitzten Hemden zu einer Art Markenzeichen gemacht hat, zeigt: Auf ein Wunder will sich O’Rourke nicht verlassen. 

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