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Jugendliche Flüchtlinge sitzen in der zentralen Inobhutnahme für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.
Flüchtlingspolitik
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Das Problem mit den Alterstests

Von Gabriela Keller
19:07

Der gewaltsame Tod eines 15 Jahre alten Mädchens in der pfälzischen Stadt Kandel hat eine neue Debatte um eine Altersfeststellung junger Flüchtlinge angestoßen. Während Unionspolitiker am Dienstag verpflichtende Alterstests forderten, lehnten Ärztevertreter diese entschieden ab.

Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin, es sei das „gute Recht des deutschen Staates“, das Alter junger Migranten zu prüfen. Ein bundesweit einheitliches Verfahren sei nötig. Im Saarland müssen sich junge Flüchtlinge im Zweifelsfall seit 2016 der Altersdiagnostik stellen. Die CSU-Bundestagsabgeordneten wollen auf ihrer Klausurtagung ab Donnerstag die Forderung beschließen, das Alter aller angeblich minderjährigen Flüchtlinge medizinisch einzuschätzen.

Die Altersdiagnostik ist jedoch heftig umstritten. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie lehnt die Methoden ab, ebenso die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Kritik bezieht sich vor allem auf die Strahlenbelastung bei den Untersuchungen und auf die Unsicherheit der Ergebnisse. Durchgeführt werden die Untersuchungen von Rechtsmedizinern.

Es gibt keine bundesweiten Standards, nur die Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik. Dazu gehören Untersuchungen von Kiefer und Gebiss, das Röntgen des Handwurzelknochens und – wenn nötig – der Schlüsselbeine. In Berlin begutachten die Forensiker auch die Entwicklung des Körpers, einschließlich der Genitalien. „Wissenschaftlich ist die Genauigkeit der Methoden nicht belegt“, sagt Thomas Nowotny, Kinderarzt im bayerischen Stephanskirchen, „bei allen Untersuchungen gibt es Schwankungen – selbst beim linken und rechten Schlüsselbein derselben Person kann ein Unterschied von bis zu zwei Jahren herauskommen.“

 

Nowotny zählt zu den bekanntesten Gegnern der Altersdiagnostik. Zum einen seien Unterschiede zwischen den Ethnien nicht hinreichend erforscht, sagt er, zum anderen können auch Erfahrungen von Gewalt und Flucht Einfluss haben: „Weil die körperliche Entwicklung hormongesteuert ist, kann sich Stress im Knochenwachstum niederschlagen.“ Das heißt: Wer als Kind oder Jugendlicher unter großer Belastung stand, altert schneller.

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, kritisiert die Verfahren: „Die Untersuchungen sind aufwendig, teuer und mit großen Unsicherheiten belastet“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Die Forderung nach verpflichtenden Tests weist er zurück: „Wenn man das bei jedem Flüchtling täte, wäre das ein Eingriff in das Menschenwohl.“

Die Frage, ob ein junger Flüchtling volljährig ist oder nicht, hat für seine Zukunft gravierende Folgen. Jugendliche haben Anspruch auf Förderung, auf Schulbildung, auf eine bessere Unterkunft. Deswegen sind sie auch relativ teuer: Während ein volljähriger Flüchtling rund 1000 Euro pro Monat kostet, können es bei einem minderjährigen Flüchtling leicht bis zu 4000 Euro sein.

Für die Jugendämter ist die Altersbestimmung daher eine heikle Aufgabe. Die forensischen Untersuchungen sind längst nicht überall üblich. In Berlin werden sie in strittigen Fällen angeordnet, ebenso in Hamburg. In anderen Ländern liegt die Entscheidung beim jeweiligen Jugendamt. „Die Senatsverwaltung kann widersprüchliche Angaben oder Dokumente nicht einfach ignorieren – sie würde sich damit über die geltende Rechtslage hinwegsetzen“, schreibt eine Sprecherin der Senatsjugendverwaltung. Im Zweifel führe daher kein Weg an einer ärztliche Untersuchung vorbei.

In Berlin kommt es jedoch nur relativ selten dazu: 2015 wurden 39 junge Menschen untersucht, davon wurden 33 als volljährig eingestuft. 2016 waren es elf von 15, 2017 13 von 27, wobei in vier Fällen die Ergebnisse noch ausstehen. Die Sprecherin räumt ein, dass sich das Alter nicht exakt bestimmen lässt: Es gehe auch nicht um „eine exakte Altersbestimmung aufs Jahr genau“. Stattdessen fertigten die Forensiker Teilgutachten an, in denen Altersspannen angegeben sind. Somit werde „immer das jüngste mögliche Alter festgestellt und angegeben“.

Auslöser für die Debatte ist die Messerattacke auf eine 15-Jährige in Kandel. Das Mädchen starb Ende Dezember. Der Täter, ein Afghane, ist bei den Behörden als 15-Jähriger erfasst. Jedoch sind Zweifel an den Angaben aufgekommen. Es ist davon auszugehen, dass die Frage nach dem Alter des Täters in dem Fall eine zentrale Rolle spielen wird, ähnlich wie im Prozess gegen Hussein K., ebenfalls ein junger Flüchtling aus Afghanistan, der in Freiburg wegen Mordes und Vergewaltigung einer Studentin vor Gericht steht.

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