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Ein Holzkreuz und zahlreiche Blumen und Kerzen stehen in Chemnitz am Tatort der Messerattacke.
Chemnitz
Politik

Polizei sucht dritten Tatverdächtigen von Chemnitz

Von Annika Leister
15:46

Vor anderthalb Wochen, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, wurde der 35-jährige Tischler Daniel H. mit fünf Stichen in der Chemnitzer Innenstadt erstochen. Bisher galten der Tat, die Chemnitz erschüttert, zwei Asylbewerber als verdächtig: Der 22 Jahre alte Yousif A. und der 23-jährige Alaa S. wurden kurz nach der Tat festgenommen und sitzen seither in Untersuchungshaft. Am Montag teilte die Staatsanwaltschaft mit, die beiden seien vernommen worden und hätten sich geäußert – allerdings ohne konkrete Inhalte zu veröffentlichen. Am Dienstag dann überraschte der sächsische Generalstaatsanwalt Hans Strobl mit einer neuen Nachricht: Das Amtsgericht Chemnitz habe einen weiteren Haftbefehl erlassen. Gesucht wird nun also ein dritter Mann, der an der Tat beteiligt gewesen sein soll.

Der Gesuchte heißt Farhad Ramazan Ahmad, ist nach Informationen der Polizei Chemnitz 22 Jahre alt und Asylbewerber aus dem Irak. Er habe sein gewohntes Umfeld in der Nähe von Chemnitz verlassen und könne gefährlich sein – ausdrücklich warnen die Behörden bei einem Zusammentreffen mit Ahmad zur Vorsicht: „Der Tatverdächtige könnte bewaffnet sein.“

Polizei und Staatsanwaltschaft veröffentlichten außerdem ein Foto des Verdächtigen, das ihn mit Wunden am Hals zeigt. Allerdings stamme das Foto aus dem Jahr 2016. Man wisse nicht, ob die Wunden bleibende Narben oder schon wieder verheilt seien, teilte die Staatsanwaltschaft dieser Zeitung mit. Ahmad trage seine Haare nun aber an den Seiten kurz und das Haupthaar länger.

Behörden sind sich nicht mehr sicher

Auch bei einer anderen, bereits veröffentlichten Information scheinen sich die Behörden plötzlich nicht mehr sicher zu sein: Bisher war Yousif A. von ihnen stets als Iraker, Alaa S. hingegen als Syrer bezeichnet worden. Wie das Bundesinnenministerium jetzt mitteilte, basierte diese Information im Fall von Alaa S. allerdings lediglich auf einer Selbstauskunft. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) sei nun dabei, diese Angaben zu überprüfen. Das scheint zum ersten Mal zu passieren – obwohl Alaa S. im September 2015 im „schriftlichen Verfahren die Anerkennung als Flüchtling gewährt“ worden sei, so das Ministerium weiter.

Von Yousif A. wurde bereits im Lauf der vergangenen Woche bekannt, dass er im Asylverfahren Ende 2017 einen irakischen Personalausweis, eine Staatsangehörigkeitsurkunde sowie einen irakischen Personalausweis vorgelegt hatte, die gefälscht waren. Auch bei ihm ist demnach fraglich, ob der Irak tatsächlich sein Herkunftsland ist. Außerdem hätte Yousif A. nach Dublin-Regeln bereits im Mai 2016 abgeschoben werden können, weil er einen Asylantrag in Bulgarien gestellt hatte, bevor er nach Deutschland kam. Das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) aber ließ die Überstellungsfrist von sechs Monaten verstreichen, ohne tätig zu werden.

Seehofer räumt Fehler ein

Um die Identität des Tatverdächtigen aufzuklären, arbeitet das Bamf laut Ministerium eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen. Der Asylantrag von Yousif A. wurde inzwischen abgelehnt. Die Ablehnung ist aber noch nicht rechtskräftig.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat in dem Fall nun Fehler eingeräumt. Bei dem tatverdächtigen Yousif A. habe es im Rahmen des Asylverfahrens Versäumnisse bei der Kommunikation zwischen den Behörden gegeben, so Seehofer. Auch die Untersuchung der von dem Mann vorgelegten Dokumente habe „zu lange“ gedauert. Grund dafür sei, dass das Bamf über zu wenige spezialisierte Dokumentenprüfer verfüge.

Der 35-jährige Daniel H. wurde vor rund anderthalb Wochen in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit fünf Messerstichen getötet. Der Tat soll ein Streit zwischen zwei Männergruppen voraus gegangen sein, der Grund dafür ist weiterhin unklar. Man könne inzwischen lediglich ausschließen, dass die sexuelle Belästigung einer Frau oder ausländerfeindliche Motive Auslöser der Tat seien, teilte die Oberstaatsanwältin am Montag mit. Seit Daniel H.s Tod mobilisieren rechte und rechtsextreme Gruppen immer wieder zu Protesten, zuletzt gingen am Samstag rund 8000 Menschen bei einer gemeinsamen Demonstration von AfD, Pegida und Pro Chemnitz auf die Straße. Am Montagabend riefen populäre Bands wie Kraftklub und die Toten Hosen zu einem Solidaritätskonzert gegen Rechts auf. Nach Schätzungen der Stadt kamen rund 65.000 Menschen.

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