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Mesut Özil im Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Mittlerweile ist er zurückgetreten.
Der Fall Özil
Politik

Türkische Medien tadeln Deutschland

Von Frank Nordhausen
21:37

Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan kommt der Skandal um Mesut Özils Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wie gerufen. Er eignet sich gut, um von den wirtschaftlichen Problemen im Land abzulenken. Am Dienstag griff der Autokrat selbst in die Debatte ein und sagte vor Journalisten in Ankara: „Einen jungen Mann, der alles für die deutsche Nationalmannschaft gegeben hat, wegen seines religiösen Glaubens so rassistisch zu behandeln, ist inakzeptabel.“ Er habe mit Özil Montagnacht gesprochen, so Erdogan. Das Vorgehen des Spielers verdiene Bewunderung. Özils Kritiker könnten einfach das gemeinsame Foto des Fußballers mit ihm nicht verkraften.

Erdogan will Empörung für sich nutzen

Mit diesen Worten versucht Erdogan offensichtlich, die allgemeine Empörung in der Türkei über die als skandalös empfundene Behandlung Özils politisch für sich zu nutzen. Der Sportler hatte für seine deutlichen Warnungen vor einem neuen Rassismus in Deutschland in den sozialen Medien vom rechten bis zum linken politischen Spektrum fast einhelliges Lob geerntet, nach dem Motto: „Endlich hat mal einer den Deutschen die Meinung gesagt.“ Nachdem sich dann auch mehrere Minister der Regierung vollmundig hinter den Fußballprofi gestellt hatten, folgten ihnen am Dienstag die traditionellen Medien.

„Mesut, wir sind stolz auf dich“, titelte die regierungsnahe Zeitung „Türkiye“ auf Deutsch. Andere Erdogan-treue Blätter nutzten die Worte des Justizministers Abdülhamit Gül als Schlagzeile, wonach Özil „das schönste Tor gegen den Virus des Faschismus geschossen“ habe. Tatsächlich passt Özils dramatischer Abschied genau in das Narrativ Erdogans und seiner islamistischen Regierungspartei AKP, dass Rassismus und Islamophobie zunehmend die türkischen Minderheiten in Europa bedrohten. Der Sportler dient jetzt als perfekter, weil „neutraler“ Zeuge, da er sich vor Jahren gegen die türkische und für die deutsche Nationalmannschaft entschieden hatte.

In diesem Sinn titelt das Boulevardblatt „Posta“: „Tor geschossen. Mesut Özils Entscheidung als Reaktion auf rassistische Einstellungen berührt die ganze Welt“ – und die nationalistische „Takvim“: „Wir sind mit Dir, Bruder Mesut“. Die auflagenstarke „Sabah“ schreibt, Özil trotze dem „wachsenden Antiimmigrations- und Rassismusklima“ in Deutschland, ihr englischsprachiges Schwesterblatt „Daily Sabah“ weist auf eine mögliche sportpolitische Folge des Skandals hin: „Rassismus schmälert die Chancen Deutschlands, die Europameisterschaft 2024 auszutragen.“

Das islamistische Hetzblatt „Yeni Akit“, das sonst vor keiner antisemitischen Tirade zurückschreckt, vergleicht Özils Fall mit dem Ausschluss des jüdischen Fußballers und zweifachen deutschen Meisters Julius Hirsch aus dem Karlsruher FC im Jahr 1933, der damals einen ähnlichen Brief geschrieben habe – und schließlich nach Auschwitz deportiert wurde. Jetzt hätten mit der AfD erneut Rassisten das deutsche Parlament geentert, und die anderen Parteien eiferten ihr nach, um keine Wählerstimmen zu verlieren.

„Die Ereignisse und Diskussionen enthüllen das wahre Gesicht Deutschlands. In einem präfaschistischen Umfeld steht die türkische Diaspora in Deutschland auf der Verliererseite.“ Deshalb fordert das Blatt alle deutschen Nationalspieler mit Migrationshintergrund zur Solidarität mit Özil auf: „Tretet kollektiv zurück!“.

Vorsichtiger als die Regierungspresse nähern sich die wenigen verbliebenen Oppositionszeitungen dem Thema. Özil stehe zwischen den Nationalisten beider Länder, die ihn jeweils zum Opfer ihrer ideologischen Kriegführung machten, kommentiert die linke „Evrensel“ und fordert den Sportler auf, sich nicht von der türkischen Regierung benutzen zu lassen.

Einerseits sei Özils Erklärung „sorgfältig und intelligent geschrieben“ und seine Entscheidung, sich von der Nationalmannschaft zu treffen, ein „wichtiger Debattenanstoß für den Fußball und die Gesellschaft in Deutschland“. Andererseits erinnert die Zeitung daran, dass der Fußballer früher in der Türkei wegen seiner Entscheidung für die deutsche Nationalmannschaft „als Verräter beschimpft und ausgebuht“ worden sei. Mit seiner Erklärung habe er nun dem türkischen Präsidenten Erdogan, der in Deutschland wegen der monatelangen Inhaftierung deutscher Journalisten kritisiert worden sei, „perfektes Material“ geliefert und der türkischen Community in Deutschland geschadet. „Leider steht davon nichts in Özils Abschiedsbrief.“

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