© Friedrich Stark (epd), FR
Mit Farbe gegen die Nazis: Tausende beteiligen sich am Samstag in Dortmund an verschiedenen Gegendemonstrationen.
„Die Rechte“
Politik

Protest gegen Neonazi-Großaufmarsch in Dortmund

Von Christian Parth
12:29

Als die Nazis mit ihren schwarz-weiß-roten Flaggen aus dem Tunnel marschieren, nach oben zum Dortmunder Westentor, bringt sich Friedrich Stiller in Stellung. Mit seinem Megaphon orchestriert der evangelische Pfarrer den bürgerlichen Widerstand, der hinter der Polizeiabsperrung wartet. Er gibt ein kurzes Zeichen, dann surren Hunderte Trillerpfeifen, einige Menschen in Maleranzügen werfen bunte Farben über sich, andere skandieren „Nazis raus“. „Ich bin stolz, dass wir diesen Protest auf die Beine stellen konnten. Wir zeigen, dass hier bei uns kein Platz für Nazis ist.“

Etwa 1200 Demonstranten folgten nach dessen Angaben dem Aufruf des Dortmunder Arbeitskreises gegen Rechtsextremismus, sich dem Aufmarsch der Rechten am Samstag entgegenzustellen. Weitere 2000 schlossen sich dem Bündnis „BlockaDo“ und einigen Splittergruppen an. Es soll laut Polizei zu vereinzelten Angriffen von Gegendemonstranten auf Polizisten gekommen sein. Flaschen und Steine seien geworfen worden.

Rechte Demonstranten führten laut Polizei zum Teil verfassungswidrige Kennzeichen mit sich und fielen durch das Gröhlen volksverhetzender Texte auf. Dennoch: Die Polizei zieht am Ende eine positive Bilanz. Dortmund habe eindrucksvoll bewiesen, dass es eine Hochburg der Demokratie sei. „Für uns ist es perfekt gelaufen“, sagt auch Stiller, evangelischer Pfarrer und seit 17 Jahren eine der prägenden Figuren in Dortmund, wenn es darum geht, sich gegen die nationalistischen Auswüchse in der Stadt zu wehren.

Die Partei „Die Rechte“ hatte für Samstag zu einem Aufmarsch Rechtsextremisten aus ganz Deutschland und dem Ausland nach Dortmund gerufen. Monatelang hatten sie in den sozialen Netzwerken groß mobilisiert, gerade Kameradschaften aus dem europäischen Ausland sollten der Demo internationale Wahrnehmung verleihen. Zwischen 400 und 600 Teilnehmer hatte die Polizei erwartet, Schätzungen der Gewerkschaft der Polizei zufolge sind es letztlich sogar fast 1000, die sich zunächst am Postgebäude hinter dem Hauptbahnhof versammeln.

Die Polizei ist mit einem Großaufgebot im Einsatz. Etwa 3000 Beamte aus sechs Bundesländern können Zusammenstöße zwischen Rechten und Linken verhindern. Die Innenstadt ist nahezu komplett abgeriegelt, Wasserwerfer und gepanzerte Fahrzeuge werden aufgefahren, Reiterstaffeln traben durch die Straßen, über der Stadt kreist den gesamten Nachmittag ein Hubschrauber. „Europa erwache“, heißt das Motto der Rechten, die ihre Kundgebung mit fast einer Stunde Verspätung beginnen. 

Von einem zur Bühne umgebauten Kleinlaster verbreiten die Redner ihre finstere Wahrnehmung von Europa. Vor allem auf die EU haben sie es abgesehen. Die Vorträge der Repräsentanten aus Norwegen, Bulgarien, Russland, Frankreich und Belgien lassen sich recht leicht zu einer gemeinsamen These zusammenfassen. Die EU sei eine „degenerierte Masse“, die die weiße Rasse zugunsten einer Masseneinwanderung verraten habe, brüllen sie ins Mikrophon. Die Folge sei die Zerstörung der „freien Völker Europas“. Die Rhetorik gerät stellenweise martialisch. 

Der Mann aus Russland, Glatze und Sonnenbrille, spricht gar vom „Genozid am deutschen Volk“, der Vertreter aus Bulgarien bezeichnet die EU als „Konzentrationslager, in dem die völkische Identität vernichtet wird“. Sogar die AfD wird heftig attackiert, vor allem wegen der Homosexualität einiger ihrer Vorstandsmitglieder.

Für Irritationen sorgt insbesondere der Auftritt von Sascha Krolzig. Der 30-Jährige sitzt im Bundesvorstand von „Die Rechte“, in der deutschen Nazi-Szene gilt er als Größe, bei den Gerichten als unverbesserlich. Wegen Beleidigung und Volksverhetzung ist er mehrfach vorbestraft. Zuletzt wurde Krolzig im Februar dieses Jahres zu einer Haftstrafe von sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt, weil er den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde von Herford-Detmold als „frechen Judenfunktionär“ bezeichnet hatte. Sein Anwalt hat Rechtsmittel eingelegt, daher ist Krolzig noch immer auf freiem Fuß. Die Dortmunder Polizei hatte ihm ursprünglich untersagt, auf der Demo zu sprechen, doch das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen kippte das Verbot in letzter Sekunde per Eilverfahren. 

Und so darf sich Krolzig auf der Bühne und vor einem Transparent, das den ehemaligen iranischen Staatschef Ahmadinedschad als Verbündeten im Kampf gegen den Zionismus zeigt, über das „Europa der Vaterländer“ auslassen und über das Elend, das der Multikulturalismus dem Kontinent und den „weißen Kulturvölker“ bringen werde.

Pfarrer Stiller zeigte für die Entscheidung des Verwaltungsgerichts kein Verständnis. „Das ist ein weltfremdes Urteil, das wir ausbaden müssen“, sagt er. Zudem fordert er ein Verbot von Krolzigs Partei. „Wir als Bürger können das alleine nicht schaffen. Der Staat darf uns nicht alleine lassen. Wir müssen die Rechten endlich zerschlagen.“

Allerdings habe der bürgerliche Protest schon einiges bewirkt, betont Stiller. Zwar sei es den Nazis in den vergangenen Jahren gelungen, sich in Dortmund festzusetzen, doch bewegen könnten sie kaum noch etwas. Als Zeichen feiert die Stadt in Dorstfeld, einem als „Nazi-Kiez“ verschrieenen Stadtteil, parallel zum Aufmarsch der Rechten am Samstagnachmittag ein „Fest der Demokratie.

Stiller nimmt wieder sein Megaphon und stimmt den nächsten Schlachtruf an. Gegenüber am Westentor erhebt sich das Dortmunder U, das Wahrzeichen der Pott-Metropole. Um den oberen Teil des 1927 errichteten Gebäudes wandert den ganzen Tag ein Laufband. In großen Buchstaben steht dort: „Ich, der Turm, fand schon damals Nazis voll uncool.“

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