© 13TH STREET Universal, FR
Timo Rositzki vor dem berühmtesten Ortsschild der Welt.
Ein junger Filmemacher in Hollywood
Politik

Hi, I’m Timo

Von Nina Rehfeld
21:50

Auf dem Gelände der Universal Studios in Burbank, nur ein paar Autominuten nordöstlich von Hollywood, schlendert ein junger Hamburger Filmemacher zum Carl-Laemmle-Building, um den Studiochefs persönlich seinen Kurzfilm vorzustellen. Timo Pierre Rositzki fährt mit dem Fahrstuhl in den sechsten Stock und geht zum Büro von Universal-Vorstand Adam Fogelson. Niemand ruft „Cut!“, denn dies ist kein Film, sondern Realität – der in Erfüllung gegangene Traum eines 23-Jährigen, der schon an viele Türen vergeblich geklopft hat. Rositzki streckt seine Hand dem Mann entgegen, der Filme wie „Despicable Me“ und „American Gangster“, die „Bourne“-Serie und „40-Year-Old Virgin“ mitverantwortete, und sagt lächelnd: „Hi, I’m Timo.“
Rositzki ist hier, weil er mit seinem Kurz-Thriller „Profil“ im vergangenen Juni die „Shocking Shorts Awards“ gewann – ein Filmförderprogramm des TV-Senders 13th Street Universal, das jungen Talenten seit 2000 statt eines Preisgelds eine Eintrittskarte hinter die Kulissen von Hollywoods Filmstudios in die Hand gibt. Zwei Wochen lang hat Timo Rositzki Zutritt zum Tempelinnersten von Hollywoods Filmindustrie, vierzehn Tage lang trifft er hier Studiochefs, Produktions- und Marketingleiter, Finanz-Direktoren und Special-Effects-Leute.

Quentin Tarantino hinterher

„Crazy, oder?“, sagt Rositzki und grinst. Erst vor zwei Jahren war er hier in L.A., um sich bei der School of Cinematic Arts zu bewerben und Kontakte zu knüpfen: Er stand sich vor der Produktionsfirma des Komponisten Hans Zimmer die Beine in den Bauch – bis er von den Sicherheitsleuten verscheucht wurde. Er wartete stundenlang vor James Camerons Studios, um sich dem Regisseur persönlich empfehlen zu können – vergeblich. Und er hastete Quentin Tarantino im Kino-Parkhaus hinterher, um ihm ein Demo-Tape in die Hand zu drücken. Bis heute hat er nichts von Tarantino gehört. Die Filmschule schickte ihm eine Absage. „Ich habe eins gelernt“, sagt Timo Rositzki. „In Hollywood kommst du so leicht nicht rein.“ Und jetzt öffnet ihm eines der größten Studios zwei Wochen lang Tür und Tor.

Schon als Kind war Timo Rositzki fasziniert von virtuellen Welten. Am Computer schnitt er Szenen aus Videospielen zusammen – „das war meine erste Gelegenheit, Blockbuster zu machen, wo Dinge explodieren!“, sagt er. Mit sechzehn wünschte sich der Sohn eines Unternehmers einen Camcorder zu Weihnachten, seither dreht er Filme und komponiert die Musik dazu.

Die Idee muss vermarktbar seinIn Burbank soll er nun seine Vorstellungen von der Filmmetropole zurechtrücken. „Jeder kommt hier mit einem bestimmten Vorurteil an – und wir entmystifizieren Hollywood erstmal ein bisschen“, sagt Donna Langley. Sie kam vor zwanzig Jahren aus England nach Los Angeles und stieg hier zur Vizechefin von Universal auf. „Die Realität ist nämlich, dass wir hier in einer Industrie leben. Wir machen keine Kunst, wir machen kommerzielle Filme.“

Der Ablauf des Greenlighting-Prozesses

In einem Meeting mit Produktionsmanagern lernt Rositzki den Ablauf des Greenlighting-Prozesses kennen, der Freigabe eines Drehbuchs zur Entwicklung in einen Film. Alles geht letztendlich um eine vermarktbare Idee. Eine Handvoll Experten klopfen ein Drehbuch auf dieses Potenzial hin ab. Wenn man zu dem Schluss kommt, dass diese Idee mindestens 15 Prozent mehr einspielen könnte, als Produktion und Vermarktung kosten, gibt’s grünes Licht.

Es ist eine Rechnung, die einen jungen Filmkünstler entmutigen könnte. Aber Rositzki findet das sogar aufbauend. „Ich denke eigentlich immer schon so über Film, nicht so sehr im Hinblick aufs Business, sondern auf das Erlebnis – ein geiles Poster, ein toller Trailer, das gehört für mich einfach dazu.“ Für ihn wird hier eine greifbare Formel sichtbar, nach der Hollywood seine Produktionsgelder verteilt.

Nach wenigen Tagen schon begrüßt man Rositzki auf dem Studiogelände mit dem Vornamen, und er staunt immer wieder, dass alle Leute, mit denen er hier spricht, sich tatsächlich die Zeit genommen haben, seinen Film zu sehen – bis in die Chefetagen. „Ich bin sehr beeindruckt von seiner einzigartigen Vision“, sagt Donna Langley. „Timo zeigt ein geschicktes Händchen im Thrillergenre, und mir gefällt, wie er dem Ganzen einen modernen Dreh gibt.“ Ein großes Lob von einer Frau, die Filme wie „Mamma Mia“ und „Inside Man“ aus der Taufe hob.

Vor dem Wochenende und zu Wochenbeginn versammeln sich Produktionschefs, Studiomitarbeiter und Marketingleute zu sogenannten „Read-Meetings“, in denen gelesene Drehbücher besprochen und solche verteilt werden, deren Lesen sich lohnen könnte. Rositzki lernt, was in Hollywood geht und was nicht: Drama wird zum Beispiel derzeit ungern produziert. Das liegt ganz auf seiner Linie. Er erinnert sich noch, wie er als Junge in einer Jack-Nicholson-Komödie saß, weil der Actionfilm im Kinosaal nebenan erst ab zwölf freigegeben war. „‚Besser geht’s nicht‘. Das war so stinklangweilig! Ich wollte die Welt untergehen sehen!“ Inzwischen hat sich sein Geschmack ein wenig entwickelt, er ist ein großer Fan von Filmen wie „The Social Network“ und „Revolutionary Road“. Aber Weltuntergang wird ihm auch hier geboten. In einer Vorstellung sieht er Universals Blockbuster „Battleship“, und danach möchte man auch Timo Rositzkis Urteil hören – im Vergleich mit anderen Actionthrillern. „Besser als ‚Transformers 3‘? Ja. Besser als ‚Transformers‘? Nein“, sagt er.

Thriller mit modernem Dreh

Als er die Reise von Hamburg nach L. A. antrat, hatte sich Timo Rositzki besonders auf den Besuch eines Filmsets gefreut. Einen Nachmittag lang ist er dann auch zu Gast auf dem sonst geschlossenen Set, ein Thriller wird gedreht. Am Ende stellt sich ausgerechnet dies als am wenigsten spannendes Erlebnis der Woche heraus. „Ein Thriller mit mäßigem Budget“, sagt Timo, „das sieht hier nicht anders aus als bei uns.“

Beim Chairman’s Lunch von Universal, einer monatlichen Mittagskonferenz mit den wichtigsten Abteilungschefs und den Studiobossen Langley und Fogelson, werden Interna aus der Filmindustrie diskutiert: Wie konnte es zum Mega-Flop des Films „John Carter“ kommen? Ganz klar, hört Rositzki, weil dem Regisseur des Films zu viel Einfluss auf die Marketingkampagne eingeräumt wurde. Die Trailer enttäuschten, bis der Film ins Kino kam, wusste kein Mensch, worum es eigentlich geht. Nun könnte das 250 Millionen Dollar teure Actionabenteuer zu einem der größten Flops der Kinogeschichte werden. Schadenfreude herrscht nicht am Tisch, vielmehr versucht man, eine Lehre daraus zu ziehen. Auch Erfolge werden beleuchtet – Gesprächsthema Nummer eins in den Chefetagen ist schon die ganze Woche „Die Tribute von Panem“, einer der größten Hits der vergangenen zehn Jahre. Der Stoff nach Suzanne Collins’ Jugendromanserie hatte auch bei Universal vorgelegen, war aber abgelehnt worden. „Kinder killen Kinder? Sowas können wir nicht machen“, hieß es zur Begründung.

Rositzki beeindruckt, wie offen und zugänglich die Universal-Leute sind. Sein Gespräch mit Donna Langley und Adam Fogelson findet zwar in Fogelsons Büro statt, aber man sitzt nicht steif am Schreibtisch des Chefs, über dem ein Poster seiner beiden Töchter prangt, sondern in der Sitzecke gegenüber. Donna Langley sagt ihm, dass dies der Zeitpunkt in seiner Karriere sei, wo er nichts zu verlieren habe. „Sei also neugierig und frage viel“, rät sie ihm. Und Adam Fogelson sagt: „Viele kommen mit diesem Bild hierher, dass ein Regisseur nichts als eine Strohpuppe im Studiosystem ist. Aber das muss nicht sein – Individualität und Kreativität sind auch in dieser Megaindustrie durchaus möglich.“

Rositzki sagt, er sei „geflasht“ davon, wie viel Ermutigung ihm entgegenschlage. Das Schöne an der amerikanischen Mentalität sei, dass große Träume erlaubt seien. „In Deutschland ist das eher nicht okay, aber hier darf man den Mut haben, sich große Ziele zu setzen.“ Und die hat er. In zehn Jahren, sagt er, würde er hier gern selbst einen Blockbuster für 200 Millionen Dollar drehen. Schließlich hat es vor ihm schon ein anderer Gewinner der „Shocking Short Awards“ geschafft: Florian Henckel von Donnersmarck ließ seinem Kurzfilm „Dobermann“ den oscargekrönten Stasi-Film „Das Leben der Anderen“ folgen und drehte zuletzt mit Angelina Jolie und Johnny Depp „The Tourist“. Leicht, warnt Adam Fogelson, sei das nicht. Heutzutage hätten sogar etablierte Filmemacher Schwierigkeiten, ihre Projekte zu verwirklichen.

Aus dem Bauch heraus

Rositzki überlegt nun, wie er seine neu geknüpften Kontakte in Hollywood am besten nutzen kann. Während seiner zwei Wochen bei Universal bekam er mit, dass der Erstlings-Regisseur Rupert Sanders die Studio-Bosse mit einem stilistisch eigenwilligen Kurzfilm derart beeindruckte, dass sie ihm prompt die Regie zu „Snow White and the Huntsman“ übertrugen – einem der wichtigsten kommenden Filme in Universals Pipeline. „Ich habe da selbst eine Drehbuch-Idee im Kopf“, sagt Timo Rositzki, „von der ich mir nicht vorstellen kann, dass das jemand ablehnt.“

Donna Langley glaubt, dass Rositzki es mit einer solchen Einstellung in Hollywood weit bringen kann. Der nächste Schritt sei aber zunächst, sich einen Manager suchen und „sich in das Hollywood-System zu integrieren“.

Rositzki macht die Dinge lieber „aus dem Bauch heraus“ – ein Studium an der renommierten Ludwigsburger Filmhochschule, wo er nach erfolglosen Bewerbungen bei der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam und der Deutschen Film und Fernseh-Akademie Berlin im vergangenen Jahr angenommen wurde, brach er nach nur drei Monaten ab. „Das war nicht meins“, sagt er, und von hier aus sagt sich das bestimmt ein bisschen leichter.

Am Abend steht Timo Rositzki mit einem Bier in der Hand auf der Dachterrasse vom „Perch“, einem angesagten Restaurant im 15. Stock über den Straßen von Downtown Los Angeles. Die Filmkomikerin Wanda Sykes ist da, an einem Ecktisch diskutieren ein paar Hollywood-Agenten und Produzenten einen Deal. Timo Rositzki hat nur Augen für die Hubschrauber am Himmel über Los Angeles. Ihre Scheinwerfer tasten die Dächer und Fassaden der hell erleuchteten Wolkenkratzer ringsherum ab, ihr Geknatter lässt die Luft erzittern. „Crazy, oder?“, sagt Timo. „Sowas kennt man eigentlich nur aus Hollywoodfilmen.“ Vielleicht macht er ja demnächst selber einen.

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