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Recep Tayyip Erdogan.
Erdogan-Besuch
Politik

Charmeoffensive aus der Türkei

Von Kordula Doerfler
19:23

Lange Zeit waren die deutsch-türkischen Beziehungen höchst angespannt, noch im vergangenen Jahr bezeichnete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Deutschen als „Nazis“ und „Terrorhelfer“. Ende September aber kommt Erdogan zum Staatsbesuch nach Berlin, und die Türkei ist sehr bemüht, im Vorfeld möglichst versöhnliche Signale auszusenden. Es ist Erdogans erster Besuch, seitdem er im Juni wiedergewählt wurde, und nach der Verfassungsänderung ist er so mächtig wie nie zuvor. Gleichzeitig hat die Türkei aber riesige Probleme, und ihr ist sehr daran gelegen, das Verhältnis zur Europäischen Union, vor allem aber zu Deutschland zu verbessern.

Das war auch die Botschaft von Erdogans Sprecher und Berater Ibrahim Kalin, der zwei Tage in Berlin war, um den Besuch vorzubereiten. Bei einem Gespräch mit Journalisten in der türkischen Botschaft startete Kalin am Mittwoch eine Charmeoffensive. Die Türkei ist in einer schweren ökonomischen Krise, und sie hofft auf mehr Investitionen aus Deutschland.

Erdogan kommt auf Einladung von Steinmeier

Mindestens genauso wichtig ist es aus ihrer Sicht, die politischen Beziehungen zu verbessern. Erdogan kommt auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der deshalb von Linken und Grünen scharf kritisiert worden ist. Er empfängt den schwierigen Gast am 28. September, auch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel wird Erdogan Gespräche führen. „Wir sollten in die Zukunft schauen“, sagte Kalin, das sei der Geist, in dem man hierherkomme. „Was in der Vergangenheit passiert ist, ist vergangen“, versicherte er. Er spielte damit auch auf die umstrittenen Wahlkampfauftritte von türkischen Politikern in Deutschland an, die die Bundesregierung schließlich verboten hatte.

Erdogan will laut seinem Sprecher zusammen mit Steinmeier Mitglieder der deutsch-türkischen Gemeinschaft treffen. Das Bundespräsidialamt konnte das auf Anfrage nicht bestätigen. Geplant sei aber ein Staatsbankett für Erdogan, an dem auch Vertreter der türkischen Zivilgesellschaft in Deutschland teilnehmen würden.

Die türkische Seite denkt offenbar auch über einen öffentlichen Auftritt Erdogans in größerem Rahmen nach, als mögliche Orte nannte Kalin Köln und Berlin. Er betonte aber, dass Erdogan Einvernehmen mit der deutschen Seite über einen solchen Auftritt herstellen wolle. Man arbeite noch daran, einen Veranstaltungsort zu finden. Sollte Erdogan an diesem Plan festhalten, ist davon auszugehen, dass erneut eine heftige Debatte über die Loyalität der in Deutschland lebenden Türken und Deutschtürken losbricht.

Ein weiteres wichtiges Thema bei Erdogans Besuch wird die Lage in Syrien sein. Die Türkei ist zutiefst besorgt, dass der syrische Machthaber Baschar al-Assad und seine Verbündeten Russland und Iran demnächst eine Großoffensive in der Provinz Idlib starten, der letzten Region, die islamistische Gegner Assads noch unter Kontrolle haben. Sie grenzt unmittelbar an die Türkei.

Sorge vor Idlib-Offensive

Auch die Türkei, gegnerische Kriegspartei in Syrien, unterhält nahe Idlib bereits zwölf Militärposten. Sollte es zu dem Angriff kommen, befürchten nicht nur die Vereinten Nationen eine humanitäre Katastrophe, auch Erdogan warnt vor einem drohenden Massaker.

Der Angriff, so die Sorge in Ankara, könnte zu einer neuen Massenflucht in die Türkei führen. Sie hat jetzt schon mehr als drei Millionen Syrer aufgenommen. In Idlib leben etwa drei Millionen Menschen, die Hälfte von ihnen sind Binnenvertriebene.

Die Lage in Syrien war auch eines der zentralen Themen, die Außenminister Heiko Maas (SPD) bei seinem Antrittsbesuch in Ankara am Mittwochabend mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu erörterte. Sogar Erdogan selbst wollte Maas empfangen, auch das ein Zeichen, wie sehr ihm an Entspannung gelegen ist. Und auch Maas versicherte, weiter hart an einer Verbesserung der Beziehungen zu arbeiten. „Die Türkei ist mehr als ein großer Nachbar, sie ist auch ein wichtiger Partner Deutschlands.“

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