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Migranten auf einem Rettungsboot der spanischen Küstenwache warten auf die Ankunft in Spanien.
Fluchtursachen
Politik

Die paradoxe Wirkung der Hilfen

Von Stefan Sauer
09:21

Ins Zentrum der deutschen Zuwanderungs- und Entwicklungshilfepolitik ist die „Bekämpfung von Fluchtursachen“ gerückt. Im sogenannten Masterplan Migration, den Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) vor fünf Wochen vorlegte, stehen „Maßnahmen in den Herkunfts- und Transitländern zur Verbesserung von Lebensbedingungen und zur Stabilisierung der Sicherheitslage vor Ort“ ganz oben auf der Agenda. Es müsse der deutschen Entwicklungshilfe darum gehen, „für die betroffenen Menschen Lebensperspektiven zu schaffen und Fluchtursachen zu mindern“.

Die zugrunde liegende Annahme ist so simpel wie plausibel: Wenn es den Menschen gut geht, sehen sie keine Notwendigkeit, auszuwandern. In der aktuellen Zuwanderungsdebatte erscheint Entwicklungszusammenarbeit somit als Geschäft von allseitigem Nutzen: Die reichen Länder helfen den armen, den Menschen dort geht es besser, die Zahl der Flüchtlinge geht zurück.

Neu ist dieser Gedanke nicht. Aber ist er auch richtig? Dieser Frage ist das Washingtoner Center for Global Development (CGD) in einer aktuellen Studie nachgegangen – mit bemerkenswerten Ergebnissen. Danach führen wachsender Wohlstand, bessere Bildung und geringere Kindersterblichkeit keineswegs automatisch zu einem Rückgang der Wanderungsbewegungen. Im Gegenteil bringt ein höherer Lebensstandard in armen Ländern zunächst einmal steigende Auswanderungszahlen mit sich. Demnach trüge die „Bekämpfung von Fluchtursachen“ faktisch zu mehr Migration bei anstatt sie zu begrenzen.

Entwicklungshilfeausgaben steigen durch Zuwanderung

Tatsache ist, dass Zuwanderung in vielen Fällen mit steigenden Entwicklungshilfeausgaben einhergeht. In einer Studie der Universität Cambridge konnten die Autoren Sarah Bermeo und David Leblang 2015 diesen Zusammenhang klar belegen: Jeder zusätzliche Einwanderer in eines der OECD-Länder bringt für das Herkunftsland im Schnitt eine um 242 US-Dollar höhere Entwicklungshilfe. Untersuchungen aus Spanien und den USA kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Steigt die Zuwanderung, steigen die Entwicklungshilfe-Zuwendungen an die Herkunftsländer mit dem Ziel, Wirtschaftswachstum, Bildung, Gesundheitsversorgung, Arbeitsangebote, Rechtstaatlichkeit und innere Sicherheit zu verbessern und damit den Migrationsdruck zu mindern.

Genau dies aber funktioniert so einfach nicht, wie die Washingtoner Wissenschaftler der CGD-Denkfabrik anhand internationaler Daten der UN zeigen: Erst oberhalb eines Pro-Kopf-Einkommens von rund 10 000 US-Dollar im Jahr führt weiterer Wohlstand dazu, dass mehr Menschen in ihrer Heimat bleiben. Bis zu dieser Grenze aber gehen wachsende Einkommen mit steigenden Auswandererzahlen einher.

In Ländern mit Pro-Kopf-Jahreseinkommen zwischen 5000 und 10 000 Dollar machen sich laut UN dreimal mehr Menschen auf den Weg in wohlhabendere Weltregionen als aus Ländern mit Pro-Kopf-Einkommen unter 2000 Dollar. Ähnlich verhält es sich mit der Kindersterblichkeit, die als Indikator für die Qualität der Gesundheitsversorgung gilt: Je weniger Kinder vor ihrem fünften Geburtstag in einem Land sterben, desto mehr Menschen wandern aus.

Für diese scheinbar paradoxen Befunde liefert die Studie mehrere Erklärungen. Auf der einen Seite mindern Wohlstand, Bildung und Gesundheit tatsächlich den Druck in der Bevölkerung, das Glück außerhalb der Landesgrenzen zu suchen. Auf der anderen Seite wachsen aber auch Informationsstand und Kommunikationsmöglichkeiten der potenziellen Auswanderer sowie ihre Erfolgsaussichten im Ausland. Erst steigende Einkommen versetzen viele Familien überhaupt in die Lage, ein Mitglied auf die weite Reise in den vermeintlich goldenen Norden zu schicken. „Die Familien begreifen Migration als Investition in die Zukunft, als Absicherung gegen Krisen in ihren Heimatländern“, heißt es in der Studie. Die sinkende Kindersterblichkeit hat einen weiteren Effekt, der die Migrationsneigung befördert: Die Zahl der Menschen, die das Erwerbsalter erreichen, steigt meist stärker als der Arbeitskräftebedarf der inländischen Wirtschaft. Wer keine Arbeit findet, geht.

Aus diesen Befunden leiten die CGD-Wissenschaftler nicht etwa ab, man müsse die Menschen möglichst großer Armut überlassen, um Zuwanderung zu verhindern. Zum einen könne mancher Fortschritt – höhere Sicherheit im Inneren, Beilegung von Konflikten, ausreichend Arbeit für die junge Generation – die Migrationsneigung tatsächlich verringern. Zum zweiten aber solle die Erwartung, mit Entwicklungshilfe wirkungsvoll „Fluchtursachen bekämpfen“ zu können, einer gesteuerten, auf beidseitigen Vorteil gerichteten Zuwanderungspolitik weichen.

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