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Pflegerinnen und Pfleger werden in Deutschland händeringend gesucht.
Flüchtlinge als Pfleger
Politik

Pfleger gesucht und gedankenlos rausgeworfen

Von Sebastian Horsch
09:45

Dass sie ihn holen würden, das wusste Rafet Oraca. Oft kämen sie zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens, hatte man ihm erzählt, weshalb er in diesen Stunden nun jede Nacht wach lag. Wenn sie ihm doch nur noch ein bisschen Zeit ließen bis zur Abschiebung. Dann hätte er zumindest seine Abschlussprüfung hinter sich. Dann könnte er arbeiten, überall. Natürlich am liebsten hier. Aber nicht nur Deutschland sucht Pflegekräfte.

Sie kamen weit vor Mitternacht. Am 14. Juni 2017 um 20.55 Uhr stand die Polizei vor Oracas Tür. Er erinnert sich an die Uhrzeit, weil Ramadan war – der muslimische Fastenmonat – und er in fünf Minuten hätte essen dürfen. Er erinnert sich, wie sie ihm das Handy wegnahmen und er ihnen sagte, das sei nicht notwendig, er habe nicht vor, Hilfe zu rufen. Er erinnert sich, wie ihm der Beamte sagte: „Ich muss das machen.“

Rafet Oraca und seine zwei Kinder Amelia (4) und Emilia (2) wurden in den Kosovo abgeschoben. Gerade mal zwei Wochen vor seiner Abschlussprüfung zum Altenpflegehelfer. Nach fast zwei Jahren Ausbildung. Seine Frau, die mit Herzproblemen im Krankenhaus war, reiste der Familie später freiwillig nach. Seitdem sind sie dort.

Dabei wird hier Pflegepersonal dringend gesucht. So sehr, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angekündigt hat, Fachkräfte in Südosteuropa anwerben zu wollen. Und zwar besonders in Albanien und im Kosovo. Also von dort, wohin das Land den Pfleger Rafet Oraca gerade zurückgeschickt hat.

Etwa drei Millionen Menschen hierzulande sind pflegebedürftig; bis 2060 wird mit 4,7 Millionen gerechnet. Zahlen der Bundesregierung besagen, dass in der Branche mindestens 36 000 Fachkräfte fehlen. In der Krankenpflege sind gut 12 500 Stellen nicht besetzt. In der Altenpflege werden 15 000 ausgebildete Kräfte sowie weitere 8500 Helferinnen und Helfer gesucht. Andere nennen sogar noch weit höhere Zahlen.

Im Januar 2015 war die Familie Oraca mit dem Zug aus Österreich nach München gekommen. Mit „extrem vielen“ anderen Kosovaren, sagt Oraca, die sich damals auf den Weg in die Bundesrepublik gemacht hatten. Im selben Jahr begannen beide ihre Ausbildung an der Altenpflegeakademie in Grafenau, 2016 kam ihr zweites Kind zur Welt. Dann kam die Zuweisung ins Transitzentrum Bamberg. Oraca und seine Frau weigerten sich, dorthin zu gehen, weil sie ihre Ausbildung beenden wollten. Als Sanktion habe die Familie keine Sozialleistungen mehr erhalten, erzählt er. Ein Freundeskreis in Grafenau hätte sie finanziell unterstützt, auch der Bayerische Flüchtlingsrat sammelte Spenden. In der Flüchtlingsunterkunft wurden sie weiter geduldet. Bis zum Tag ihrer Abschiebung.

Die Familie Oraca hat rechtlich alles getan, um ihre Abschiebung zu verhindern. Doch es gibt noch andere Wege. Man kann am Flughafen eine Erkrankung vortäuschen oder etwas verschlucken. Manche benehmen sich so aggressiv, dass der Pilot sich weigert, sie mitzunehmen. „Wenn einer sich mit Händen und Füßen wehrt, ist es fast aussichtslos, eine Abschiebung durchzuführen“, sagt Peter Schall, der bayerische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei. Rafet Oraca tat all das nicht. Ihn abzuschieben war wohl einfach. Aber war es auch sinnvoll?

Zur SacheArbeitgeber fordern Programm 

Angesichts der Personalnot in der Pflege fordern private Altenpflege-Anbieter eine Offensive für mehr ausländische Fachkräfte. In einem zweijährigen Pilotprojekt sollten vom Bund koordiniert bis zu 15.000 Mitarbeiter aus dem Ausland gewonnen werden, fordert der Arbeitgeberverband Pflege (AGVP). Wer binnen sechs Monaten als Fachkraft anerkannt sei und einen Arbeitsvertrag habe, müsse dann auch ein Bleiberecht erhalten.

Zur Sache13.000 zusätzliche Stellen

15.000 bisherige Hilfskräfte sollen weitergebildet werden. Dadurch könnten die von der Bundesregierung angestrebten 13.000 zusätzlichen Stellen in der Altenpflege zügig besetzt werden.

Dachzeile36 Millionen Euro

Rund 36 Millionen Euro würde ein solches Programm kosten. In der Alten- und Krankenpflege sind 35.000 Stellen für Fachkräfte und Helfer offen. Der Verband warnt vor Kostensteigerungen durch Pläne der Bundesregierung, in der Pflege eine höhere Tarifbindung und mehr Tarifverträge durchzusetzen, um die Arbeit attraktiver zu machen. Der Verband vertritt nach eigenen Angaben die umsatzstärksten privaten Altenpflege-Unternehmen mit 40.000 Beschäftigten. (dpa/epd)

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Uwe Schummer hat wegen des Personalmangels in der Pflege gerade erst einen Abschiebestopp für gut integrierte Flüchtlinge gefordert, die in Gesundheitsberufen arbeiten. Sein CSU-Kollege Erich Irlstorfer sagt, Schummers Vorschlag habe eine „gewisse Berechtigung“. Er warnt allerdings vor zu vielen Ausnahmeregelungen für einzelne Berufsgruppen. 

Ende 2015 wurden Albanien, Kosovo und Montenegro als sichere Herkunftsstaaten eingestuft. Rafet Oraca und seine Familie waren demnach ohne Asylgrund hier. Ihre Anträge wurden abgelehnt. Oraca hätte mit seiner Familie freiwillig ausreisen können. Er hätte ein Arbeitsvisum beantragen können, um damit zurückzukehren. Wie er sagt, hatte das Asklepios Klinikum Aidenbach ihm einen Arbeitsvertrag zugesagt. Die Klinik bestätigt auf Anfrage zumindest, dass er für eine Ausbildungsstelle ernsthaft infrage gekommen wäre, weil er einen motivierten und sprachlich kompetenten Eindruck gemacht habe. Warum hat er es auf die Abschiebung angelegt? Auch haben er und seine Frau die Pflegeausbildung ohne eine Erlaubnis begonnen. Das alles spricht gegen Rafet Oraca. Er weiß das, und versteht es dennoch nicht.

Anwerbung von Pflegekräften im Ausland

Nun wolle Deutschland lieber „Leute holen, die kein Wort Deutsch können“, sagt er. Oraca spricht Deutsch. Nicht perfekt, aber auf jeden Fall ausreichend. Er wirkt integriert. Menschen, die ihn kennen, sagen, er und seine Familie seien immer sehr freundlich. Er ist Fan des FC Bayern und verabschiedet sich am Telefon mit „Passt scho. Servus!“. Er hatte gute Beurteilungen auf der Pflegeakademie, war sogar Klassensprecher. Und er wird weggeschickt.

Gleichzeitig kommt die Anwerbung von Pflegekräften im Ausland nur schleppend voran. Es gebe erhebliche Probleme bei der Visavergabe, beklagte Spahn jüngst.

Eine Erfahrung, die auch die Asklepios Kliniken machten. Seit zwei Jahren schult das Unternehmen auf den Philippinen Intensiv- und OP-Pfleger. Die Kandidaten bekommen einen neunmonatigen Sprachkurs und einen Arbeitsvertrag. Doch dann müssen sie lange auf ein Visum warten. „Gerade ist die Bearbeitungsdauer von drei auf fünf Monate heraufgesetzt worden. Unsere Versuche, auf der Arbeitsebene mit den verantwortlichen Stellen im Auswärtigen Amt eine Lösung herbeizuführen, sind leider gescheitert“, schreibt Konzernchef Kai Hankeln in einem Brief an Bundestagsabgeordnete.

Kampf um ein Visum

Das Problem kennt auch Baicy Terbrüggen, die stellvertretende Geschäftsführerin von „IPP-Health“. Die Agentur vermittelt Ärzte und Krankenpflegekräfte aus Bosnien und Serbien. Doch obwohl diese Pflegekräfte bereits in einer deutschen Klinik hospitiert haben, einen Sprachkurs durchlaufen haben, einen Arbeitsvertrag und einen Anerkennungsbescheid haben, würde das Auswärtige Amt sie meist neun bis zwölf Monate auf einen Termin für ein Visum warten lassen. Das sei sehr ärgerlich, sagt Terbrüggen. „Denn die Kliniken können deshalb nicht planen.“

Auch Rafet Oraca kämpft nun um ein Visum – und gleichzeitig um seine Zukunft. Denn ob sie nun in Deutschland stattfindet oder andernorts: Zumindest seinen Abschluss möchte er unbedingt noch machen. „Sonst verliere ich alles wieder, wofür ich gelernt habe“, sagt er. Und die Pflegeakademie gibt ihm tatsächlich die Chance, die Prüfung nachzuholen. Doch um einzureisen, braucht er ein Visum. Zum ersten Nachprüfungstermin Ende Juni wurde der Antrag abgelehnt. Oraca hatte bereits ein Flugticket gekauft – das ist Voraussetzung für die Antragstellung.

Doch das Auswärtige Amt hält es für nicht glaubwürdig, dass Oraca nach der Prüfung in Deutschland auch in den Kosovo zurückkehrt. Seine letzte Chance ist nun der zweite Prüfungstermin am 17. September. Mit Hilfe seiner Anwältin will er deshalb vor Gericht eine Einreiseerlaubnis erstreiten.

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