Flüchtlinge
Politik

Schweden ist geschockt – aber untätig

Von Thomas Borchert
08:42

Zweimal haben in Schweden die Alarmglocken zu Suiziden unter Flüchtlingen unüberhörbar laut geschlagen. Anfang des Jahres schockierte ein Rapport aus dem Karolinska Institut mit der Zahl von 12 Suiziden unbegleiteter Kinder und Jugendlicher zwischen zehn und 21 Jahren im Jahr 2017, alle männlich und die meisten aus Afghanistan. Die Suizidquote lag knapp zehnmal höher als sonst bei dieser Altersgruppe in Schweden.

Zwölf Monate vor der Veröffentlichung des Berichts im Auftrag der Sozialbehörde hatten private Hilfsorganisationen mit ihren Warnungen Schlagzeilen gemacht: Selbsttötungen und Versuche würden sich häufen. In sozialen Medien machte eine Verabredung jugendlicher Flüchtlinge zu „kollektivem Suizid“ die Runde.

Die staatlichen Stellen konnten dazu keine Zahlen vorlegen, gaben aber eine Untersuchung in Auftrag. Ellenor Mittendorfer-Rutz vom Karolinska Institut sagt nach deren Abschluss: „Es ist uns unglaublich schwer gefallen, die nötigen Daten zusammenzutragen. Das kam komplett überraschend.“ Im Bericht selbst steht klipp und klar: „Unsere wichtigste Methode zur Datensammlung über Suizide waren die Erhebungen der Freiwilligen.“ Über die Behörden: „Es gibt insgesamt national keine Information oder Statistik zu Selbstschädigung, Suizide, Suizidversuche sowie andere Todesursachen bei der untersuchten Gruppe.“

Premier setzt auf Härte

Das ist fast unglaublich in einem auch statistisch mit der zehnstelligen Personennummer für jeden Bürger in allen Lebenslagen perfekt durchorganisierten Land wie Schweden. Diese Nummer eben hätten die allein kommenden Kinder und Jugendlichen bis zur Entscheidung über ihren Asylantrag nicht, wird offiziell als Grund für das Statistikloch angeführt. Für Kinna Skoglund, deren Hilfsorganisation „Wir halten das nicht aus“ (Vi står inte ut) Alarm geschlagen hat, ist es nur eine faule Ausrede: „Dass die Todesursache eines Flüchtlings nicht registriert wird, zeigt uns auf schockierende Weise, wie unmenschlich unser Blick auf diese Gruppe geworden ist.“

Registriert würden Suizide und andere Todesursachen schon, sagt Mittendorfer-Rutz dazu. Nur sind die Daten eben schwer zugänglich. Sie weist darauf hin, dass Schwedens Behörden 2015 heillos überfordert gewesen seien, als 35 000 unbegleitete Minderjährige und 160 000 Flüchtlinge insgesamt hier Asyl beantragten. Im Verhältnis zu den zehn Millionen Bürgern deutlich mehr als in Deutschland. Die lange Wartezeit von jetzt durchschnittlich 538 Tagen auf den Asylentscheid nennt Petra Rinman von der Sozialbehörde als einen von mehren Faktoren bei der hohen Suizidquote unter jugendlichen Flüchtlingen. Es gehe immer „um Erlebnisse vor sowie während der Flucht und um die Lage in Schweden“.

Letztere verändert sich für die Betroffenen rasant und auch chaotisch. Der sozialdemokratische Premier Stefan Löfven will seine Wiederwahl im September mit maximaler Härte gegen Flüchtlingen sichern. Schweden schiebt nach Afghanistan ab, das als vermeintlich „sicheres Land“ gilt. Tausende Geflüchtete sind deshalb in die Illegalität abgetaucht oder versuchen es in einem anderen EU-Land neu. Andererseits hat sich Löfven von seinem grünen Koalitionspartner ein Bleiberecht für 9000 vor Ende 2015 gekommene Minderjährige aus diesem Land abringen lassen.

Zu möglichen Konsequenzen für die schreckliche Statistik meint Kinna Skoglund von „Wir halten es nicht aus“: „Im Moment ist die Lage ganz gut unter Kontrolle. Aber wenn neue Regeln in Kraft treten, ist die Gefahr für Chaos gewaltig groß. Die Experten bei den Behörden sind genauso geschockt wie wir, dass die Politik das Suizidproblem einfach nicht ernst nimmt.“

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