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Naurus Präsident Baron Waqa spricht nicht gerne über das Thema Flüchtlinge.
Nauru
Politik

Bloß nicht über Flüchtlinge reden

Von Willi Germund
17:42

Die 17 Regierungschefs und Australiens stellvertretender Premierminister stellten sich brav in roten Hemden für das übliche Erinnerungsfoto beim Treffen des „Pacific Island Forums“ auf - für eine Journalistenschar von immerhin 13 Berichterstattern. Mehr hatte Gastgeber Nauru nicht zugelassen. Die Bedingung von Präsident Baron Waqa, dessen Regierung umgerechnet 5800 US-Dollar für einen Journalistenvisumsantrag verlangt und die komplette Summe nach der sonst üblichen Ablehnung behält: Es dürfe nur über das Gipfeltreffen berichtet werden.

Verhaftung nach Interview mit einem Asylanten 

Prompt verhaftete die Polizei die neuseeländische Journalistin Barbara Dreaver. Ihr Tabubruch: Entgegen allen Regierungsanordnungen hatte sie einen der rund 900 Asylanten interviewt, die auf Geheiß des großen Nachbarn Australien seit Jahren in Nauru hinter Gitter stecken.

„Was hat das Thema mit unserem Gipfel zu tun“, wetterte der wutschnaubende Inselchef Waqa, dessen Regime während der vergangenen Monate die Gerichte und die wenigen Medien des Inselstaats an die Kandare legte, bei einer Pressekonferenz: „Als wenn die Kollegen von Kiribati oder Tonga mit dem Thema Flüchtlinge behelligt werden wollen. Sie wollen über das Klimaproblem reden.“

Totschweigen des Themas Flüchtlingsgefängnis ist offenbar Gold für Nauru. Zumal pünktlich zum Gipfel der pazifischen Inselstaaten Amnesty International und australische Menschenrechtsgruppen die Verhältnisse in dem Lager anprangern. Die Verhältnisse in Nauru habe manche Flüchtlinge längst in den Wahnsinn getrieben. 

Konzept von Scott Morrison geht nicht auf 

Dennoch geht das Konzept des Erfinders bislang nicht auf. Australiens neuer Premierminister Scott Morrison, der als einziger Regierungschef nicht beim PIF-Treffen auftauchte, hatte Nauru und ein ähnliches Lager in Papua Neu Guinea zu seinen Zeiten als Immigrationsminister eingerichtet und den dort festgehaltenen Flüchtlingen jede Möglichkeit verwehrt, Asyl in Australien zu erhalten. Die Hoffnung Morrisons: Die Flüchtlinge würden mangels Perspektive wieder heimkehren oder das Angebot annehmen, sich in einem Drittland niederzulassen. Der einzige Flüchtling, der die Offerte bisher akzeptierte, war ein Iraner. Er fand sich plötzlich in Kambodscha wieder, dessen Regierung von Australien mit Geldern in Millionenhöhe belohnt wurde.

Westliche Wertvorstellungen werden beim PIF-Gipfel lediglich von Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern verkörpert. Sie verkündete, sie wolle mit einigen Asylanten sprechen. Neuseeland hat sich bereiterklärt, einige Flüchtlinge von Nauru zu akzeptieren. Australien stellt sich freilich taub. Die Furcht von Canberra: Ein solcher Handel könne neue Flüchtlinge zur gefährlichen Reise in Richtung des fünften Kontinents ermuntern. 

Jacinda Ardern ließ für den Nauru-Trip gar ihr Baby Neve zuhause und belastete Neuseelands Steuerzahler mit Kosten in Höhe von 53.000 US-Dollar für einen Militärflug. Ihre Begründung: Sie habe den Sohn wegen Naurus Impfvorschriften nicht mitnehmen können und könne nur mit der Sondermaschine rechtzeitig zum Stillen wieder in Neuseeland sein.

Nauru gehört zu Australiens treuen Vasallen

Der Gipfel der PIF-Staatschef gilt Ardern und Nachbar Australien als wichtig, weil in diesem Jahr Chinas Hilfe für die pazifischen Inselnationen erstmals den Betrag übertreffen wird, den die beiden Staaten bislang zahlten. Laut dem australischen Lowy-Institut spendierte Peking zwischen 2006 und 2016 insgesamt 1,8 Milliarden US-Dollar. Seit letztem Jahr steht das Versprechen von weiteren vier Milliarden im pazifischen Raum.

Nauru, das Australiens Entschädigung für Flüchtlingskasernierung zum ökonomischen Überleben benötigt, gehört noch zu den treuen Vasallen Canberras. Inselstaaten, die dank Pekings Geldströme längst auf Chinas Seite stehen, drohten gar in letzter Minute den Gipfel platzen zu lassen. Der Grund: Nauru, das Taiwan anerkennt, wollte die Pässe der als Gäste anreisenden chinesischen Diplomaten nicht abstempeln. Chinas Botschafter verließ zudem empört die Sitzung, weil Naurus Präsident Waqa ihm das Mikrofon verweigerte. Offensichtlich sind Naurus Herrscher Berichte über solche Affronts lieber als unbotmäßige Fragen nach Flüchtlingen.

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