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Carolin Kebekus ist bald auf Tour.
Carolin Kebekus
Politik

„Mich Schlampe nennen? Das traut sich keiner!“

Von Kathrin Rosendorff
12:58

Frau Kebekus, wie definieren Sie das Wort Schlampe?
In meinem Wortgebrauch benutze ich Schlampe für jemanden, der unordentlich ist. Ich würde auch über meinen Bruder sagen, dass er eine Schlampe wäre, wobei er sehr ordentlich ist. In der Hinsicht bin ich aber wirklich eine Schlampe (lacht). Als Kind hatte ich auch dieses Kinderbuch, wo die Protagonistin Schlampampe hieß. Das war so ein ganz unordentliches Mädchen und am Ende war die Message: Man sollte besser mal aufräumen, damit man auch glücklich im Leben werden kann. Den Begriff Schlampe für eine Frau, die leicht zu haben ist, gibt es so in meinem Sprachgebrauch nicht.  

Wie reagieren Sie eigentlich, wenn jemand auf der Straße Sie eine Schlampe nennt? 
Ich bin so etwas nicht ausgesetzt. Das traut sich keiner (lacht). Aber wenn das jemand sagen würde, ist es erstmal immer blöd beschimpft zu werden. Ob als Schlampe oder sonst etwas. Aber in dem Fall hat es diesen negativen sexuellen Begriff, der ganz klar sagt: Als Frau sollte man die Zahl seiner Geschlechtspartner an einer Hand abzählen können, weil es sich ansonsten nicht gehört. Man kennt auch diesen Spruch: „Die ist total krass, die geht mit jedem ins Bett.“ Das ist unter Frauen oft anders. Ich kenne Mädchenrunden, wo auch mal eine reinkommt und stolz erzählt: „Ich habe den und den flachgelegt.“ Und alle rufen: „Juhu!“ Dieses Bild würde aber eine Frau nie nach außen tragen. Also, dass sie öffentlich zugibt, gerne und viel Sex zu haben und das mit vielen Partnern. Das wird Frauen leider immer noch negativ ausgelegt. Diese Herabsetzung von Frauen über eine sexuelle Aktivität ist etwas, was deshalb leider immer noch funktioniert.

Bei Männern, die viele Sexpartner haben, sagt aber niemand: „Was für eine Schlampe!“
Bei Jungs sagt man dann eher in so einem lustigen, verständnisvollen Ton: „Ach, Mensch, der Peter, der bumst wieder alles, was bei drei nicht auf dem Baum ist. So ist er halt.“ Bei Frauen fängt man hingegen schon an, da gleich etwas reinzuinterpretieren: „Ich mache mir so Sorgen um die Michaela, die bumst wirklich jeden. Aber das ist nur so, weil sie die große Liebe in jedem Mann sieht, der vorbeikommt.“ Ein Mann muss seinen Samen weitläufig verteilen. Das sei biologisch verankert. Eine Frau soll aber bitte ihre monatliche Eizelle hüten…
 
In Ihrer Sendung „Pussy Terror TV“ sprechen Sie gern über Skinny Bitches. Darf man Bitch sagen?
Skinny Bitch ist in meiner Sendung der Inbegriff für diese Instagram-Schönheiten, die keine Kohlenhydrate mehr essen und, wenn sie hungrig sind, nur an einer Erbse riechen. Das Ziel von vielen jungen Mädchen ist es leider mittlerweile, eine Skinny Bitch zu sein. Und ja, Frauen können durchaus eine Bitch sein. Es gibt auch Frauen, die richtige Arschlöcher sind, die ihre Macht missbrauchen oder intrigant und hinterhältig sind. Und dann darf man auch sagen: „Das ist eine Bitch.“ Aber das hat dann nichts mit ihrem Aussehen oder ihrer Sexualität zu tun.

Kennen Sie auch diesen „Bitch-Blick“, den Frauen anderen Frauen zuwerfen, wenn sie beispielsweise einen kurzen Rock tragen oder auch sonst, wenn Neid entsteht? 
Ja, diesen Blick kenne ich. Das hängt damit zusammen, dass man als Frau früh lernt, sich darüber zu definieren, dass man die Schöne, die Einzigartige und die Tolle sein muss. Wie beim RTL-„Bachelor“, wo es nur die eine Auserwählte gibt. Diese ganze Sendung ist wie so ein Neandertalerdorf. Die Frauen müssen um diesen einen Silberrücken kämpfen. Nur damit sie das Alphaweibchen sind, verlieren sie den Respekt vor sich selbst – wie Schimpansinnen im Sumpf. Die Sendung ist wie ein altes Abziehbild, es füttert diesen einen Gedanken, den ich ganz giftig finde: Nämlich, dass es für Frauen nicht genug Platz gibt, nebeneinander zu existieren. Selbst in Märchen gibt es nur die Eine. Ansonsten sind da noch die böse Stiefmutter oder bösen Stiefschwestern. Eine Frau hat da auch nie eine andere Frau als Verbündete. Als ich angefangen habe, auf die Bühne zu gehen, bin ich in Mixed Shows aufgetreten. Für mich gab es da öfter die Ansage: „Ach Mensch, blöd, jetzt sind wir schon voll.“ Und ich sagte: „Aber da ist doch noch ein Platz frei.“ Und die Antwort war: „Ja, aber wir haben ja schon eine Frau.“ Damals habe ich das gar nicht so hinterfragt, warum dürfen vier Männer, aber nur eine Frau auftreten? Eigentlich hätte ich sagen müssen: „Und wenn es danach geht, müsstest ihr dann nicht auch noch eine Ziege und ein Pferd auftreten lassen?“ 

Und wie ist das bei Ihnen mit der Biestigkeit gegenüber anderen Frauen?
Da kann ich mich gar nicht ganz ausschließen. In meinem Freundeskreis bin ich die Lustige. Ich weiß noch, als ein Freund seine neue Freundin dem Freundeskreis präsentierte, und ich war nicht dabei. Und das erste, was mein damaliger Freund sagte, war: „Mein Gott, die ist so lustig.“ Und mein erster Gedanke war: „Ich töte die Alte. Ich bin die Lustige.“ Das ist etwas, was Männer nicht so haben. In dem Moment habe ich mich selbst dann auch hinterfragt: Seit einiger Zeit mache ich deshalb auch ganz weit die Tür auf, wenn es um andere Frauen geht. 
 
Was war die bislang schlimmste Beleidigung Ihnen gegenüber?

Letztes Jahr habe ich einen Kollegen, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, wiedergetroffen. Und er meinte dann: „Bei dir läuft es jetzt wahnsinnig gut, du füllst jetzt riesige Hallen. Aber du hast auch echt Glück, dass es keine andere Frau gibt, die so lustig ist wie du!“ Er meinte das vollkommen ernst. Zunächst konnte ich gar nicht darauf antworten, weil er das so nett gesagt hat. Und er meinte das auch nett. In seinen Augen war das ein Kompliment. Aber dann habe ich eine Nacht darüber geschlafen und merkte immer mehr, wie unfassbar unverschämt seine Aussage war. Was für eine Respektlosigkeit meiner Leistung gegenüber, meinem Talent, meinem Werdegang, meinen Fans, alldem, was ich mir aufgebaut habe. Als ob meine einzige Leistung sei, eine Frau zu sein. Das war eine der schlimmsten Beleidigungen.

Ihr Humor ist manchmal auch recht hart und nicht alle verstehen ihn. So waren Fans von Helene Fischer damals ziemlich wütend, weil Sie die Sängerin parodiert und kritisiert hatten. Wie gehen Sie eigentlich mit Shitstorms um?
Ich weiß vorher, was ich auslöse, oder kann es mir vorstellen. Aber wenn ich denken würde: „Oh Gott, da kommt jetzt ein Shitstorm auf mich zu“, dann könnte ich meine Kunst auch lassen. Ich lösche keine Kommentare, aber steige auch in keine Diskussionen ein. Das Ergebnis, was meine Kunst auslöst, daran beteilige ich mich nicht mehr. Ich muss Leuten nicht meine eigene Aussage erklären.
 
Haben Sie eigentlich das Gefühl, dass Sie, weil Sie gut aussehen, fieser beleidigt werden?
Was das Aussehen betrifft, werde ich nicht härter beschimpft. Ganz im Gegenteil. Wäre ich übergewichtig und hätte ein verbautes Gesicht, dann könnte ich mir noch einiges mehr anhören. So aber wird mir viel verziehen. Aber wenn man als Frau einen Shitstorm abbekommt, dann sind das zu 90 Prozent sexuelle Beleidigungen. Von „du Fotze“ oder „dich fasst doch keiner an“ hin zu „du, mit deiner feministischen Scheiße, du gehörst doch nur mal richtig durchgebumst“. Daraus hatte ich auch eine Nummer gemacht: Diese Vorstellung zu glauben, dass man eine Frau „zurechtbumsen“ kann, fand ich so absurd wie lustig. So als ob, wenn man als Feministin von einem Typen gebumst wird, es einem dann plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt: „Jetzt sehe ich klar! Gib mir eine Schürze! Ich möchte Frikadellen machen.“ 
 
Interview: Kathrin Rosendorff 

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