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Ausma Cimdina sieht Feminismus vor allem als Frage der Lebenszufriedenheit.
Feminismus in Lettland
Politik

Geschlechterkampf als Gedankenspiel

Von Eva Steinlein
18:46

Sie ist Dekanin an der ältesten und größten Universität Lettlands. Und eine einflussreiche, viel publizierte Philologin. Da wundert es schon ein wenig, wenn Ausma Cimdina sagt: „Ich bin hier so etwas wie eine Fremde, eine Außenseiterin.“ Doch zugleich versichert die 67-jährige Professorin: „Es geht mir gut damit und meine Kollegen sind tolerant.“ Ihr Recherchezentrum für feministische Studien, die „Feministica Lettica“, ist nicht nur an der Universität in Riga eine bislang einzigartige Einrichtung, sondern im ganzen Land. Die Literaturwissenschaftlerin hat das Zentrum 1998 selbst gegründet – gegen den Widerstand der damaligen Hochschulleitung. 

„Feminismus war damals in Lettland nicht willkommen“, erinnert sie sich. Viele Kollegen hätten geglaubt, es sei doch alles gut so, wie es sei. „Aber nachdem ich in den Fachgebieten Feminismus und Gender Studies erfolgreich geworden war, Stipendien bekam und auch in ausländische Publikationen aufgenommen wurde, war es ziemlich schwierig für sie, mich nicht als Professorin anzunehmen.“ 

Stolz tritt sie immer wieder an die Bücherwand in ihrem Büro, um eines ihrer vielen Bücher aus dem Regal zu nehmen. Etwa „Im Namen der Freiheit“, eine Biografie der Ex-Präsidentin Vaira Vike-Freiberga, die in Lettland ein Bestseller war und ins Englische, Deutsche, Spanische und Französische übersetzt wurde. Oder ihren Beitrag in einer Festschrift zum 150. Geburtstag der Dichterin Aspazija, die in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für Frauenrechte eintrat und in Lettland bis heute eine Nationalikone ist.

Erst mit 42 Jahren erhält sie ihren Doktortitel

Ihr ganzes Leben hat Ausma Cimdina das Frauenbild in der lettischen Literatur und Sprache erforscht, seit 2003 ist sie als Professorin habilitiert. Ein großer Teil der Fachliteratur zur lettischen Philologie aus feministischer Perspektive stammt aus ihrer Feder. In ihrem Fach ist sie eine Pionierin – wenngleich sie nie als Aktivistin in Erscheinung getreten ist. „Meine akademische Karriere verlief nicht besonders schnell“, erzählt die in der Ortschaft Jaunpiebalga im Osten Lettlands geborene Cimdina, die als 18-Jährige zum Studium in die Hauptstadt zog. Von der 68er-Revolution bekam sie wenig mit – das Leben in der Großstadt war anfangs aufregend genug für sie; und in den Semesterferien fuhr sie aufs Land, um ihren Eltern in der Kolchose zu helfen. Nach ihrem Abschluss an der Fakultät für Philologie heiratete sie und bekam drei Kinder, die ihr kaum Zeit zum Schreiben wissenschaftlicher Aufsätze ließen. „Das hat mich fast völlig eingenommen,“ sagt sie, „aber es waren nur zehn Jahre – danach ging das Leben weiter!“

Erst mit 42 Jahren erhält sie 1992 ihren Doktortitel. Lettland gehörte da schon nicht mehr zur Sowjetunion. „Das hat mich davor bewahrt, meine Arbeit auf Grundlage des Marxismus zu schreiben“, sagt sie rückblickend. Der Zusammenbruch des Kommunismus warf im Lettland der neunziger Jahre vieles durcheinander: Errungenschaften wie staatlich garantierte Kindergartenplätze, die vielen Frauen den Eintritt ins Arbeitsleben erst ermöglicht hatten, brachen weg. Zeitgleich waren die beruflichen Anforderungen höher denn je. In den Läden gab es plötzlich Kosmetik- und Hygieneartikel zu kaufen, aber kaum eine Frau hatte Geld dafür.

„Es war sehr widersprüchlich. Gefühlsmäßig begrüßte die Mehrheit der Frauen die neue Freiheit, aber all die sozialen Probleme machten es nicht einfach für sie“, erinnert sich Cimdina. Für sie war die Umbruchphase eine Zeit der Möglichkeiten. Als sie am Schwarzen Brett ihrer Universität ein dreimonatiges Forschungsstipendium für „Women’s Studies“ in Oslo ausgeschrieben sah, bewarb sie sich – und bekam es, obwohl ihr Englisch zu dem Zeitpunkt alles andere als herausragend war.
Die Zeit in Norwegen war „ein Kulturschock“, sagt sie heute: Das Personal an der Universität freundlich und zuvorkommend, die Bibliothek voll von Fachliteratur über Frauen, Frauen, Frauen. „Das war etwas Neues für mich.“ In den Abschlussbericht ihres Forschungsstipendiums schreibt Cimdina: „Vielleicht kann ich in Lettland ein kleines Zentrum für feministische Studien schaffen.“ Heute, mehr als 20 Jahre später, sagt sie lachend: „Dieses Zentrum bin ich.“ 

Noch immer arbeitet die „Feministica Lettica“ von Forschungsprojekt zu Forschungsprojekt. Ob jemand das Zentrum weiterführt, wenn Cimdina in den Ruhestand geht, weiß sie nicht. Die meisten Absolventen der Fakultät für Philologie studieren im Ausland weiter oder steigen dort ins Berufsleben ein. Cimdina selbst hält noch immer reguläre Vorlesungen zur Einführung in die Literaturkritik oder in die sowjetische Literatur Lettlands. Ihren Kurs „Feminismus in der lettischen Literatur“ gibt es als Wahlveranstaltung, die auch von vielen männlichen Studenten besucht wird. 

Feminismus definiert sie als Kampf um „wirtschaftliche, soziale und rechtliche Sicherheiten“ für Frauen und als „Frage der Lebenszufriedenheit“. Aus Grabenkämpfen oder politischen Aktivitäten hält sie sich aber heraus – genauso wie aus allem, was sie ihrer Ansicht nach nicht betrifft. Mit heute verbreiteten feministischen Ansätzen wie der Intersektionalität oder der Queer-Theorie, die für ein offenes Geschlechterbild stehen und vor allem Diskriminierungsformen thematisieren, hat Cimdinas „akademischer Feminismus“, wie sie sagt, nicht viel gemein.

Viele ihrer Positionen prägt ein typisch lettisches Paradox: Von Feminismus und seinen Theorien wollen selbst emanzipierte Frauen hier lieber nichts hören – dabei betrachten sie sich als absolut gleichrangig mit den Männern und stehen ganz selbstverständlich für ihre Rechte ein. Lettinnen übernehmen häufiger als im EU-Durchschnitt Führungspositionen in der privaten Wirtschaft und erlangen zwei Drittel aller im Land verliehenen Doktortitel. Gleichzeitig sind sie häufiger als Frauen im EU-Durchschnitt von geschlechtsspezifischen Problemen wie häuslicher Gewalt betroffen. 

Auch die „Istanbul-Konvention“, das Übereinkommen des Europarats zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, hat in Lettland eine hitzige Debatte ausgelöst. Obwohl das Land – wie 44 andere Staaten auch – die Konvention schon 2016 unterzeichnet hat, kommt es bei der Umsetzung nicht vom Fleck. Die vier lettischen Kirchen hatten interveniert, das Abkommen sei verfassungsfeindlich und zwinge Lettland gesellschaftliche Änderungen „auf der Basis der Gender-Ideologie“ auf. 

„Kein Wort“ über die Debatte zur Istanbul-Konvention

Gemeint war die in Artikel 12 festgehaltene Verpflichtung zu „Veränderungen von sozialen und kulturellen Verhaltensmustern von Frauen und Männern“, die traditionelle Rollenzuweisungen an die Geschlechter beseitigen sollen, wie sie viele Traditionen und Vorurteile prägen. Konservative und Gläubige witterten hinter der Formulierung einen Angriff auf die lettische Kultur und ihr traditionelles Familienbild. Sie schürten Ängste, dass nun Kinder wie Erwachsene künftig ihre Männlichkeit oder Weiblichkeit verleugnen müssten. 

Ausma Cimdina glaubt, der Text sei schlecht übersetzt und sein Inhalt der Bevölkerung kaum ohne Missverständnisse zu vermitteln. In ihren Vorlesungen sei jedenfalls „kein Wort“ über die Debatte zur Istanbul-Konvention gefallen, betont Cimdina – wenngleich sie der Tageszeitung „Neatkariga“ dazu ein Interview gegeben hat, in dem sie die Skepsis der Öffentlichkeit als „gesunde Reaktion“ bezeichnet: Lettland müsse ja nicht alles unterschreiben, was die EU vorlege. 
Ihre feministischen Überzeugungen in politische Positionen zu übertragen? Das sieht Ausma Cimdina nicht als ihre Aufgabe: „In der Literaturwissenschaft sprechen wir über Bilder, Darstellungen, die Position des Autors – nicht über uns selbst.“ Umgekehrt versuche auch sie bei der Bewertung von Forschungsarbeiten aller feministischen Strömungen neutral zu sein. Soweit das als Wissenschaftlerin eben möglich sei. 

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