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Bitch! Ist das überhaupt noch eine Beschimpfung?
Feminismus
Politik

Von Feminazi bis Hure

Von Alicia Lindhoff
22:03

Irgendwie ist die Frau nie so, wie sie sein soll, nie ist sie ganz „richtig“. Mal ist sie beruflich zu ambitioniert (Rabenmutter), mal wieder zu wenig (Glucke), zu männlich (Mannsweib), zu weiblich (Tussi), zu defensiv (Mauerblümchen), zu offensiv (Kratzbürste), vor allem zu offensiv in sexuellen Dingen, diese Schlampe, diese Bitch, Bumsnudel, Luder ...

So wie die Inuit 100 Wörter für Schnee kennen, gibt’s im Deutschen um die 180 Schimpfwörter für Frauen. Die FR hat sich einige rausgepickt und erklärt Herkunft und Verwendung.

Feminazi

Seit Frauen für ihre Rechte kämpfen, werden sie deswegen beschimpft und verlacht. Was einst die Suffragette war, wurde später die Emanze und ist heute der Feminazi – oder die Feminazi? 

Geprägt haben soll den Begriff ein US-amerikanischer Radiomoderator, der damit Frauen diffamierte, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzten. In Deutschland jammern vor allem antifeministische „Männerrechtler“ über ihre Unterdrückung durch fiese Feminazis. Von Anfang an sprach aus dem hysterischen Geschrei vor allem eines: Angst davor, dass die Frauen ernst machen könnten damit, sich ihre Hälfte des Kuchens zu holen.

Hure

Was wohl die wenigsten wissen: Der Begriff „Hure“ leitet sich aus einem indogermanischen und lateinischen Wortstamm ab, dessen Bedeutung zwischen lieb, teuer und Freund changiert. Im Alt- und Mittelhochdeutschen etablierte sich „huora“ oder „huore“ als Wort für Prostituierte, aber auch für Ehebrecherinnen. Eine Entsprechung für ehebrüchige Männer ist nur im Gotischen (hôrs) und im Altnordischen (hórr) bezeugt. Bis heute ist das Wort in all seinen Formen in erster Linie auf die Frau bezogen, auch wenn der Adressat ein Mann ist. Ob der Hurensohn, der Hurenbock oder das Rumhuren – verwerflich ist nicht, was der Mann getan hat, sondern dass er mit der schlimmsten aller Frauen in Verbindung gebracht wird - der Hure.

Xanthippe

Der Begriff geht auf die Ehefrau des Sokrates zurück. Obwohl über ihr Leben und ihren tatsächlichen Charakter so gut wie nichts bekannt ist, legte Xanthippe über die Jahrtausende hinweg eine beachtliche Karriere als Archetyp der streitsüchtigen, übellaunigen Ehefrau in philosophischen Erörterungen, Romanen und im allgemeinen Sprachgebrauch hin. Das freundlichste, was sich die Schreiber aller Epochen über Xanthippe abringen konnten, war, dass sie mit ihrer ätzenden Art ihren Ehemann von Haus und Hof ferngehalten und ihn damit quasi in seine Tätigkeit als Straßenphilosoph getrieben habe. Man kann es auch andersrum sehen: Wer sich im Alleingang um Haushalt und die drei Kinder kümmert, während der Herr Gemahl draußen rumhängt, mit der halben Welt quatscht und sich schließlich auch noch die Henker auf den Hals hetzen lässt, darf auch mal schlecht drauf sein. 

Mannweib

Vor der Frauenfußball-WM in Deutschland 2011 waren einige Medien ganz aus dem Häuschen über das DFB-Team. Dabei ging es  allerdings weniger um deren Fähigkeiten auf dem Platz. Was verzückte, waren die langen Haare, die schlanken Körper und geschminkten Gesichter vieler Spielerinnen. „Früher Mannweiber, heute sexy Kickerinnen“ jubelte der „Focus“. „Mannweib“ - so wurde und werden bis heute Frauen genannt, die stark sind, die laute Stimmen haben, sportlich sind. Die gerne deftig essen, Bier trinken und praktische Klamotten tragen. Wie einfach: Wer keine Lust hat, das eigene Bild einer ausschließlich zarten, leisen, weißweintrinkenden Weiblichkeit zu hinterfragen, sagt einfach, in der Frau muss ein bisschen Mann stecken. Alles andere würde schließlich verwirren. 

Bitch

Dass Bitch uns heute kaum als harte, degradierende Beleidigung erscheint, ist wohl als Erfolg der Feministinnen und Musikerinnen zu werten, die sich den Begriff angeeignet haben und für viele zu einem Synonym gemacht haben für coole Frauen, denen gesellschaftliche Konventionen nicht allzu viel bedeuten. Schließlich bedeutet das Wort übersetzt „Hündin“ und vereint damit alle möglichen Elemente, mit denen Frauen seit Jahrhunderten zu Sexobjekten degradiert werden. Doch warum sollte sie sich als erfolgreiche Rapperin darum scheren, was irgendein Typ denkt, wenn er den Begriff benutzt, fragte zum Beispiel Missy Elliott und verkündete: „Eine Bitch ist ein selbstbewusstes Mädchen für mich.“

Bitterfotze 

Der Titel des Romans von Maria Sveland sorgte 2009 für Naserümpfen. Der klassische Vorwurf, „verbittert“ zu sein, kombiniert mit einer maximal abwertenden Beschimpfung – und das von einer Frau. Die Autorin selbst sah in der „Bitterfotze“ ein feministisches Statement. In dem autobiografisch geprägten Roman geht es um eine Frau, die zwischen „Familienhölle“ und antifeministischer Gesellschaft müde und wütend wird – wütend, nicht traurig. Das ist wichtig. Eine Bitterfotze, erklärte Sveland damals, sei das Gegenteil einer weiblichen Märtyrerin. Diese nämlich habe gelernt, Ungerechtigkeit freundlich und widerstandslos hinzunehmen, und sie schlucke den Schmerz und Ärger immer herunter – anstatt alles heraus zu lassen. Eine Bitterfotze macht genau das. „Sie ist im Gegensatz zur weiblichen Märtyrerin eine Frau, die die Schnauze voll hat, die ihren Ärger ernst nimmt und ihn nutzt, um Ungerechtigkeiten konstruktiv entgegenzutreten.“ Eine Bitterfotze zu sein, sei der einzige Weg, als Frau in dieser Welt zu überleben und nicht verrückt zu werden.

Luder

In den 90er-Jahren hatte das „Luder“ seinen großen Auftritt. Boxenluder, Partyluder und Promiluder waren in aller Munde. Mittlerweile wird das Luder etwas seltener durchs Dorf getrieben – und das ist gut so. Denn wenn Schlampe, Schnalle oder Fotze schon unterste Schublade sind, dann ist Luder tiefstes Kellerloch. Der Begriff stammt – mal wieder – aus der Jägersprache und bezeichnet dort ein totes(!) Tier(!), das zum Anlocken(!) von Raubtieren(!) verwendet wird. Wow, ekelhafter geht es wirklich nicht.

Weib

„Weib“ war einmal ein neutraler Begriff, eine Verwendung, die bis heute etwa im Adjektiv „weiblich“ überdauert hat. Erst durch die generell verächtliche Sicht auf Frauen bekam das Weib etwa seit dem Jahr 1500 einen abfälligen Beiklang. Ähnlich ist es mit anderen Bezeichnungen wie Dirne oder Fräulein. Die Bedeutungsverschlechterungen reflektierten „direkt den historisch geringen Status der Frau, ihre niedrige gesellschaftliche Stellung und Wertschätzung“. Zugleich setzte sich ab dem späten Mittelalter das Wort „Dame“ oder „Frau“ immer mehr als Bezeichnung Adliger durch. Das „Weib“ wurde zum abwertenden Ausdruck für deren arme Geschlechtsgenossinnen. 

Tussi

Tussi war mal für überkandidelte Frauen reserviert, die irgendwie etepetete waren. Mittlerweile ist das Wort auf Schulhöfen schon fast zum Synonym für „Frau“ oder „Mädchen“ geworden – analog zum „Typ“. Und woher kommt’s? Von Thusnelda! Sie wissen schon, Thusnelda, vielleicht die einzige Frau, die sowohl von ihrem späteren Ehemann, dem Cheruskerfürsten Arminius, als auch von ihrem Vater, dem Cheruskerfürsten Segestes, entführt wurde. Bekannt wurde sie später allerdings weniger dafür, sondern – dank Kleists Theaterstück „Die Hermannsschlacht“ – als angeblich nervige Ehefrau. Und mal wieder muss man mit Thusneldas Geschichte im Hintergrund sagen: Selbst wenn’s so war, wen wundert’s? 

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