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Asia Argento muss sich den Vorwurf der Scheinheiligkeit gefallen lassen.
#SheToo
Politik

Eine Frau als Täterin? Das müssen wir aushalten

Von Patrick Schlereth
16:38

Welch ein Triumph für all die #MeToo-Gegner, denen das Geschrei um Sexismus und sexualisierte Gewalt von Anfang an übertrieben beziehungsweise überflüssig schien. Die italienische Schauspielerin und #MeToo-Vorkämpferin Asia Argento, die mit einem Vergewaltigungsvorwurf gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein die Öffentlichkeit aufmischte, könnte selbst Dreck am Stecken haben. Das behauptet der inzwischen 22 Jahre alte Jimmy Bennett, der Argento vorwirft, sich vor fünf Jahren in einem Hotelzimmer in Kalifornien sexuell an ihm vergangen zu haben. Sexuelle Handlungen mit Minderjährigen sind in dem US-Bundesstaat strafbar.

„Und dafür hat der Junge im Nachhinein Entschädigung verlangt?“, fragt der SPON-Kolumnist Jan Fleischhauer in süffisanter Manier und fährt fort: „Die meisten 17-Jährigen würden es als Glücksfall empfinden, wenn sie eine ältere Frau von den hormonellen Störungen befreien würde, die mit der Spätpubertät einhergehen.“

Jan Fleischhauer provoziert an dem Problem vorbei

Fleischhauer provoziert hier ganz bewusst an dem Problem vorbei, ohne dass eindeutige Fakten auf dem Tisch lägen, denn für ihn „macht es einen Unterschied, ob sich ein Mann über eine Frau hermacht - oder eine Frau über einen Mann. Ich weiß, es ist nicht korrekt, so etwas zu sagen. Die neuen Geschlechtergesetze verlangen, dass man jede Form eines sexuellen Übergriffs gleichermaßen geißelt.“ Unabhängig davon, dass Fleischhauer gerne und kalkuliert die ‚political correctness‘ über Bord schmeißt, um Empörung zu provozieren, bringt es die Überschrift der Kolumne unumwunden auf den Punkt: „Kann eine Frau einen Mann vergewaltigen?“

Ob sich ein Mann gegen sexuelle Übergriffe einer Frau aufgrund körperlicher Voraussetzungen grundsätzlich leichter wehren kann als umgekehrt, ist aber nicht die Frage, genauso wenig wie es eine Rolle spielt, ob Argento eine attraktive Frau ist oder nicht. Bei der #MeToo-Bewegung geht es nicht um pubertäre Gelüste, sondern das Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen, und niemand weiß, wie diese zwischen Bennett und Argento gelagert waren - außer die beiden Beteiligten selbst.

Fest steht lediglich, dass Argento eine Summe von 380.000 Dollar an Bennett zahlte, nachdem dieser eine weitaus höhere Summe von 3,5 Millionen Dollar gefordert hatte. Laut Bennett handelt es sich dabei um Schweigegeld wegen des sexuellen Missbrauchs. Laut Argento gab es zu keiner Zeit einen sexuellen Kontakt zu Bennett, sie habe ihm mit der Zahlung nur helfen wollen. Ihr inzwischen verstorbener Lebensgefährte Anthony Bourdain habe sich Sorgen um eine mögliche Rufschädigung gemacht. Mittlerweile ist ein Foto im Netz aufgetaucht, das Bennetts Anschuldigungen stützt und ihn mit Argento im Bett liegend zeigt.

Was auch immer in diesem Fall herauskommt, Argento muss sich jetzt schon den Vorwurf der Scheinheiligkeit gefallen lassen. Viele sehen die #MeToo-Bewegung diskreditiert. Für Fleischhauer scheint es eher ein willkommener Anlass, um die Debatte ins Lächerliche zu ziehen. Sehr witzig, Frauen können auch übergriffig sein, hihihi.

Und jetzt? Was sagt uns das? Eben gerade nicht, dass die #MeToo-Debatte obsolet ist, sondern komplizierter wird. Nichts spricht dagegen, dass Argento sowohl Opfer als auch Täterin sein kann. Der Feminismus, aber auch konservative Kolumnisten wie Fleischhauer müssen das aushalten.

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