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Die Menschen flüchten vor der Gewalt.
Irak
Politik

Völkermord mit System

Von Mira Gajevic
22:57

Amnesty International spricht von einem systematischen Völkermord im Nordirak von historischen Ausmaßen. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ habe seit dem 10. Juni mehr als 830 000 Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten aus den von ihr eroberten Gebieten vertrieben, schreibt die Menschenrechtsorganisation in einem am Dienstag in London veröffentlichten Bericht. Betroffen seien Christen, Jesiden und auch schiitische Turkmenen. Ziel sei es, alle Spuren nicht-arabischer und nicht-sunnitischer Gesellschaften auszulöschen.

Allein unter der religiösen Minderheit der Jesiden sind Amnesty zufolge möglicherweise Tausende Menschen verschleppt worden. Im Gebiet um die Stadt Sindschar habe es im August eine Reihe von Massenerschießungen mit Hunderten von Opfern gegeben, dokumentiert die Organisation in ihrem 18-seitigen Bericht. Augenzeugen schildern darin unter anderem zwei Massenerschießungen in Qiniyeh und Kocho am 3. und 15. August. In Qiniyeh südöstlich von Sindschar fiel eine Gruppe von mindestens 300 Jesiden, die in die Berge flüchten wollte, den Terroristen in die Hände. 85 bis 90 von ihnen, darunter zwölfjährige Jungen, wurden sofort erschossen. Das Schicksal der Frauen und Kinder ist ungewiss. In der Nacht zuvor waren kurdische Peschmerga-Truppen aus dem Ort geflüchtet.

Die Amnesty-Beauftragte für Krisenregionen, Donatella Rovera, rief die irakische Regierung auf, Zivilisten unabhängig von ihrer ethischen Herkunft oder Religion zu schützen, anstatt die Kämpfe durch die Bewaffnung sektiererischer oder schiitischer Milizen noch anzuheizen. Die meisten der Vertriebenen befänden sich in der autonomen Region Irakisch-Kurdistan, ein kleiner Teil sei über die Grenzen nach Syrien und in die Türkei geflüchtet.

Ursprung des Glaubens liegt in der Sprache

Pro Asyl appellierte an die Bundesregierung, besonders Angehörige von bedrohten Minderheiten zügig nach Deutschland auszufliegen. Zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung versichert, dass Deutschland weitere Flüchtlinge aufnehmen werde.

Für die Vertreter von Jesiden in Deutschland ist das eine zweischneidige Angelegenheit. So sehr sie um ihre Freunde und Familien im Nordirak in diesen Tagen und Wochen bangen und sie in Sicherheit wissen wollen, so sehr fürchten sie, dass die Terrormiliz damit ihr Ziel erreicht hätte: Die Vertreibung der Jesiden aus ihrer angestammten Heimat und damit ihre kulturelle Auslöschung.

Denn die uralte Religion der Jesiden wird mündlich überliefert, es gibt kein Buch, das man mit in die Diaspora nehmen könnte. Der Ursprung des jesidischen Glaubens liegt in der kurdischen Sprache; im Exil würde diese ursprüngliche Form verloren gehen. Ihre uralten Kirchen und Bauten würden zerstört, ein historisch kulturelles Erbe vernichtet.

Autonomes Gebiet vorgeschlagen

„Das Beste wäre, dafür zu sorgen, dass die Jesiden in ihren Gebieten in der Nähe ihrer heiligen Stätten bleiben können“, sagt Sido Kamal von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Dazu müsste eine geschützte autonome Region geschaffen werden, die sich selbst verwaltet. Auch Diyar Al-Kaidy hofft auf eine solche Schutzzone. Das Exil dürfe nur das letzte Mittel in der größten Not sein, sagt der 33-jährige deutsche Jeside, der in Göttingen lebt.

Sein Vater, Kurde und ein ehemaliger Peschmerga-Kämpfer, war 1994 vor dem irakischen Diktator Saddam Hussein nach Deutschland geflüchtet, der Rest der Familie folgte ihm zwei Jahre später. 2003 kehrten seine Eltern in den Nordirak zurück, sein Vater als deutscher Staatsbürger. Diyar Al-Kaidy blieb in Göttingen, wo er sich in einem jesidischen Verein engagiert.

Täglich telefoniert er mit seinem Vater. „Meine Familie konnte sich vor der Terrorbande in Sicherheit bringen, mein Vater weigerte sich, zu flüchten und kämpft jetzt als Stammesführer und Peschmerga an der Front.“ Für seinen Vater, Jahrgang 1957, sei diesmal ganz klar gewesen, dass er nicht wieder weggehe. „Dann hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht, die Jesiden aus ihrer Heimat zu vertreiben. Das will er nicht zulassen.“

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