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„Wir sind kein Gericht“
Kinderschutzkommission
Politik

„Wir sind kein Gericht“

Von Simon Berninger
15:30

Herr Zollner, die Kinderschutzkommission geht mit neuer Besetzung in eine zweite Runde. Es hieß, dass der Papst erneut Opfer in die Kommission berufen habe. Allerdings treten sie unter dem Gremium nicht öffentlich in Erscheinung. Warum?
Unter den neuen Mitgliedern sind Betroffene, die aber bisher für sich entschieden haben, nicht öffentlich als Opfer bekannt gemacht werden zu wollen – was einige Betroffene, mit denen ich im Kontakt stehe, positiv kommentiert haben.

Die Kommission wurde immer wieder dafür kritisiert, dass sie lediglich eine beratende Funktion für den Papst habe. Weil sie mit ihrer Arbeit im Vatikan kein Konsequenzen erbrachte, trat das ehemalige Opfer im Gremium, Marie Collins, vor einem Jahr sogar aus der Kommission aus. Ist die Kritik berechtigt?
Die Kommission kann man kaum für etwas kritisieren, was in ihren Statuten festgeschrieben ist. Und die Statuten haben die Mitglieder selbst erarbeitet, bevor sie vom Heiligen Stuhl ohne Änderungen approbiert wurden. Hier werden Erwartungen genährt, die mit dem, was von Anfang an vielfach kommuniziert worden war, nicht im Einklang stehen. Man muss es offenbar noch hundert mal sagen: Die Kommission kann nicht für Einzelfälle zuständig sein. Wir sind kein Gericht, haben nur zwei Kirchenrechtler in unseren Reihen und sind weit weg vom Geschehen. Außerdem gibt es die entsprechenden Gerichte und Verfahren dafür. Wir brauchen die Arbeit nicht zu doppeln.

Die innerkirchlichen Verfahren beginnen laut kirchlichen Statuten, nachdem ein weltliches Gericht ein Urteil über einen beschuldigten Geistlichen gesprochen hat. 
Nein, das sind unterschiedliche Ebenen. Das kirchliche Gericht kann sogar schon viel früher seine Arbeit aufnehmen.

Unabhängig von dem weltlichen Urteil ist es aber der Kirche überlassen, welche Tätigkeit ein verurteilter Geistlicher in der Kirche wahrnehmen kann. Auch das fällt nicht in den Aufgabenbereich der Kommission?
Nein, wir sind nicht für einzelne Fälle oder Urteile zuständig. Wir sind ein Beratungsgremium, das dem Papst Vorschläge zur Verbesserung der Leitlinien, der Rechtskultur und der Präventionsarbeit unterbreitet.

Welche Erfolge hat die Arbeit Ihrer Kommission stattdessen erbracht?
Da es so etwas wie diese Kommission vor vier Jahren noch nicht gab, ist allein ihre schiere Existenz von zentraler Bedeutung für die innerkirchliche Sensibilisierung: Der Papst hat alle Bischofskonferenzen dazu aufgefordert, Kontaktpersonen für uns zu benennen; die Bischofskonferenzen, die regelmäßig zu ihren Besuchen nach Rom kommen, treffen Kommissionsmitglieder; alle neuen Bischöfe werden bei ihrer Einführung zu unseren Themen geschult. In Deutschland ist Bischof Ackermann der Beauftragte der Bischofskonferenz für alle Fragen im Zusammenhang mit sexueller Gewalt gegen Minderjährige im kirchlichen Bereich. In Deutschland hat die katholische Kirche ein flächendeckendes Netz von Interventions- und Präventionsbeauftragten aufgebaut, Leitlinien wurden eingeführt, Schulungen für Personal und Freiwillige auf allen Ebenen und in allen Bereichen werden durchgeführt.

Wie muss man sich demgegenüber Ihre Arbeit in der Kommission vorstellen?
Unsere erste Arbeitsgruppe hat ein Modell für Leitlinien zur Intervention und Prävention von Missbrauch entwickelt. Das ging an alle Bischofskonferenzen. Die zweite Gruppe hat mit Betroffenen gesprochen und daraus Empfehlungen für die Kommunikation kirchlicher Institutionen mit diesen Menschen entwickelt. Die dritte Arbeitsgruppe, die ich geleitet habe, befasste sich mit der Information und Ausbildung von kirchlichen Verantwortungsträgern für die Intervention und Prävention von Missbrauch. Wir haben über 250 teils mehrtägige Schulungen auf allen Kontinenten durchgeführt. Ich war gerade 14 Tage in Indien und Sri Lanka dazu; nächste Woche werde ich vor der französischen Bischofskonferenz sprechen. Es wurde ein Gebetstag für Betroffene angeregt, der von vielen Bischofskonferenzen durchgeführt wurden. Wir haben verschiedene Studientage, etwa zu „Präventionsarbeit in den Schulen Lateinamerikas“, „Päpstliches Geheimnis“, „Theologie der Prävention“ und dergleichen durchgeführt.

Bei all der innerkirchlichen Präventions- und Sensibilisierungsarbeit ist es aber doch vor allem geboten, des Missbrauchs beschuldigte Geistliche möglichst schnell aus dem Verkehr zu ziehen.
Genau, das ist unser Ziel, dass Beschuldigte möglichst rasch zu suspendiert werden, damit eine Untersuchung des Vorwurfes erfolgen kann. Aber mit Einzelfällen beschäftigen wir uns wie gesagt nicht.

Papst Franziskus spricht von „null Toleranz“, den kirchliche Gerichte walten lassen dürfen. Dabei fehlt es an Transparenz und Kontrollen, um zu verhindern, das Priester einfach versetzt werden. Müsste das nicht auch Teil Ihrer Arbeit sein – oder eines weiteren Kontrollgremiums?
Wenn jemand verurteilt worden ist, kann er nicht versetzt werden. Null Toleranz, das hat der Papst wiederholt gesagt, bedeutet, dass ein Missbrauchstäter nicht mehr in Kontakt mit Kindern und Jugendlichen kommen darf. Der Kirche stehen allerdings keine polizeilichen Mittel wie Fußfesseln oder ähnliches zur Verfügung. Sie ist da auf die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen angewiesen.

Und wie wird verhindert und kontrolliert, dass Kirchengerichte oder die Glaubenskongregation nicht an falscher Stelle Barmherzigkeit statt „null Toleranz“ walten lassen?
Staatliche und kirchliche Gerichte wenden Gesetze an und streben danach, ein gerechtes Urteil zu sprechen. Das folgt überall den Grundsätzen des Strafrechtes. Die Kontrolle von Kirchengerichten erfolgt durch die Glaubenskongregation – die diese lokalen Gerichte in Einzelfällen beauftragt, an ihrer Statt zu handeln –, und für die Glaubenskongregation gibt es eine nach der ersten Instanz eine Berufungsinstanz. Danach gibt es noch die Möglichkeit des Papstes zur Begnadigung: auch darauf ist er beim Treffen mit der Kinderschutzkommission eingegangen, als er sagte, dass er nie einen pädophilen Straftäter begnadigen würde.

In einer aktuellen arte-Dokumentation kam der Journalist Gianluigi Nuzzi zu Wort, der Franziskus in Sachen „Null Toleranz“ ein gegenteiliges Verhalten attestiert. Auch, weil die Kirche an weltlichen Gerichten vorbei über die berufliche Zukunft beschuldigter Geistlicher urteilen kann. Hat er Recht?
Die staatlichen Gerichte und Strafverfolgungsbehörden haben alle Durchgriffsmöglichkeiten. Ein verurteilter Missbrauchstäter soll ins Gefängnis gehen und auch danach supervidiert werden. Papst Franziskus hat in einer öffentlich gewordenen Audienz für die Päpstliche Kinderschutzkommission letzten September gesagt, in einem Fall dem Urteil eines Bischofs gefolgt zu sein und einen verurteilten und entlassenen Missbrauchstäter wieder eingesetzt zu haben. Er sagte damals, dass er das nie wieder tun würde, und dass „kein Pädophiler Priester sein dürfe und jemals in pastorale Arbeit zurückkehren dürfe“. Nuzzi vermischt Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten zu Nachrichten. Ich finde das reichlich unprofessionell.

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