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Rund 10 000 Teilnehmer nahmen in diesem Jahr an der Gedenkveranstaltung bei Bleiburg teil.
Kroatien
Politik

Die Ustascha im Herzen

Von Danijel Majic
17:31

Der Mann in Schwarz kann seine Wut kaum in Zaum halten. „Schämen würde ich mich an eurer Stelle!“, schreit er die Ordner am Zugang zum Loibacher Feld an. „Eurem eigen Volk den Zutritt zu verweigern! Eine Schande seid ihr!“ Die Hände des Mannes in Schwarz krallen sich in eine kroatische Fahne. Er zittert vor Wut - und mit ihm die Flagge.

„Komm, beruhig' dich!“, beschwichtigt einer der Ordner. Seine Kollegen, erkennbar an ihren hellblauen Hemden, versperren derweil einem jungen Mann den Weg auf das Feld unweit der Kleinstadt Bleiburg, an der österreichisch-slowenischen Grenze. Stein des Anstoßes: Der Aufdruck auf seinem T-Shirt. Die Silhouette eines kroatischen Wehrmachtssoldaten, das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett im Anschlag. Darüber die Aufschrift „Alles bis zur Drina“. Auf der Rückseite prangen die drei Buchstaben ZDS - die Abkürzung für „Za dom spremni“ (Für die Heimat bereit), den Gruß der faschistischen Ustascha. Der junge Mann muss sein Shirt wenden, dann darf er passieren. Der Mann in Schwarz schimpft derweil weiter. „Jetzt komm!“, sagt der Ordner resigniert, „es sind doch nicht unsere Auflagen.“

Diskussionen wie diese wiederholen sich an diesem Mai-Samstag dutzendfach am Zugang zum Loibacher Feld, einer grünen Wiese unterhalb eines Bahndamms. In einiger Entfernung ragen die Gipfel der Kärntner Alpen in die Höhe. Gegen 11 Uhr haben sich hier bereits einige tausend Kroaten zu Füßen einer kleinen Kapelle, die zugleich Veranstaltungsbühne ist, eingefunden. Am Ende des Tages wird die österreichische Polizei 10 000 Teilnehmer zählen. Angereist aus ganz Europa für eine Gedenkveranstaltung, wie es offiziell heißt. In den internationalen Medien indes ist schon seit Längerem von einem der größten „Faschistentreffen Europas“ die Rede.

Der Anlass für diese alljährlich immer um den Muttertag herum stattfindende „Pilgerfahrt“ ist ein 73 Jahre zurückliegendes Ereignis, das in Kroatien seit der Unabhängigkeit des Landes von Jugoslawien in den Status eines nationalen Traumas erhoben wurde. Am 8. Mai 1945 marschieren jugoslawische Partisanen unter der Führung Marschall Titos in der kroatischen Hauptstadt Zagreb ein und bereiten dem faschistischen Ustascha-Regime und dem von Hitlers Gnaden „Unabhängigen Staat Kroatien“ ein Ende.

Von Nordkroatien aus setzt sich ein gewaltiger Treck von Flüchtenden in Gang. Zehntausende Anhänger der Ustascha, Reste der Ustascha-Armee, andere Kollaborateure aus ganz Jugoslawien und auch Tausende Zivilisten. Ihr Ziel: Österreich. Hier wollen sie sich den Briten ergeben, von denen sie schonendere Behandlung erhoffen als von den kommunistischen Partisanen. Ihren Weg kämpfen sich die weiterhin bewaffneten Formationen frei – auch nachdem der Zweite Weltkrieg bereits offiziell beendet ist. Als der Treck am 14. Mai 1945 Bleiburg erreicht, werden die Hoffnungen der Ustascha-Kommandeure enttäuscht. Die Briten lehnen die Gefangennahme ab und liefern die Flüchtenden aus. In den Folgemonaten werden seriösen Schätzungen zufolge zwischen 45 000 und 70 000 Menschen auf Todesmärschen und bei Massenerschießungen ermordet – nicht in Bleiburg selbst, sondern vor allem in Slowenien und Kroatien.

„Aber Bleiburg ist die Quelle“, betont Pfarrer Ante Kutlesa. Hier habe alles begonnen. Der Kirchenmann, der in Deutschland die kroatisch-katholischen Gemeinden in Metzingen, Reutlingen und Tübingen leitet, ist Sprecher des „Bleiburger Ehrenzugs“, der Organisation, die das Bleiburger Gedenken organisiert. In den Wochen vor der Feier war er ein gefragter Mann bei den österreichischen Medien. Denn nach Jahren des Ignorierens regt sich Widerstand gegen die Veranstaltung.

Faschistische Grüße, Lieder und Uniformen

Während sich Kroaten aus ganz Europa auf dem Loibacher Feld sammeln demonstrieren etwa 150 Menschen im Zentrum von Bleiburg gegen das „Ustascha-Gedenken“. Sie haben guten Grund. Über Jahre haben Journalisten dokumentiert, was sich bei der vermeintlich pietätvollen Gedenkfeier abspielt: Menschen die ganz offen in Uniformen der faschistischen Ustascha posieren, die rechte Hand zum Ustascha-Gruß heben oder in Bierzelten Lieder singen, in denen die Konzentrationslager der Ustascha verherrlicht werden, in denen Zehntausende Serben, Roma, Juden und Oppositionelle systematisch ermordet wurden (die FR berichtete bereits 2013). Der ehemalige kroatische Präsident Stjepan Mesic bezeichnete das Gedenken in Bleiburg als „Ustascha-Party“.

2018 aber bildete sich erstmals eine Initiative aus österreichischen EU-Parlamentariern und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die ein Ende des „Ustascha-Gedenkens“ in Bleiburg forderten. Die offizielle Linie, unter anderem von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) vertreten, bleibt indes, dass gegen das Gedenken nicht vorgegangen werden könne - schließlich handele es sich um eine kirchliche Veranstaltung. Tatsächlich steht die Gedenkfeier seit 2003 unter der Patronanz der katholischen Kirche Kroatiens. Der österreichische Verfassungsjurist Bernd-Christian Funk veröffentlichte unlängst ein Gutachten, indem er zu dem Schluss kam, dass ein Verbot sehr wohl möglich sei.

Kritik wurde auch an der österreichischen Polizei laut, die in den Jahren zuvor nicht gegen die Verwendung von rechtsextremen Symbolen vorgegangen sei - selbst wenn diese gegen das Wiederbetätigungsverbot verstießen. Jurist Funk bescheinigte den Ordnungshütern „absichtlich weggesehen“ zu haben. Die österreichische Polizei reagierte - und kündigte rechtliche Schritte gegen Funk an.

Am Friedhof von Unter-Loibach, wo das Gedenken Jahr für Jahr mit einem kurzen Gebet beginnt, ehe die Teilnehmer in einer Prozession zur Kapelle auf dem Loibacher Feld ziehen, sind solche innerpolitischen Auseinandersetzungen kein Thema. An einem kleinen Stand werden Bratwürste verkauft - wie jedes Jahr. Doch etwas ist diesmal anders – es gibt kein Bier. „Als nächstes werden sie uns auch noch das Atmen verbieten“, empört sich ein älterer Herr. Auch auf seinem T-Shirt prangt der Ustascha-Gruß „Za dom spremni“

Die katholische Diözese Gurk, in deren Zuständigkeitsbereich Bleiburg fällt, hatte sich Ende April von allen „rechtsextremen und faschistischen Kundgebungen im Umfeld des Totengedenkens“ distanziert - und Auflagen erlassen. Kein Alkoholausschank, keine politischen Reden, keine Parteiabzeichen, Uniformteile und keine Festzelte. Das Einhalten dieser Auflagen wurde gegenüber der kroatischen Kirche zur Bedingung gemacht, dass die Gedenkfeier auch in Zukunft stattfinden könne. Die Diözese Gurk hat im Prinzip also darauf bestanden, dass die „kirchliche Gedenkfeier“ tatsächlich eine „kirchliche Gedenkfeier“ ist.

Rund um den Loibacher Friedhof fließt dennoch das Bier. Viele Teilnehmer haben sich selbst versorgt. Kurz vor zehn Uhr tritt ein hagerer, älterer Mann mit stechendem Blick an den Gedenkstein, der in der Mitte des Gräberfelds an die Opfer der „Bleiburger Tragödie“ erinnert und beginnt zu sprechen. „Die Schlinge der UDBA um unsere Gedenken zieht sich Jahr für Jahr enger“, erklärt Tomo Bilogrivic, der sich als Vertreter der „Vereinigten kroatischen Rechten“ vorstellt. Mit UDBA ist der ehemalige jugoslawische Geheimdienst gemeint. Kurze Zeit später fordert er, den Antifaschismus aus der kroatischen Verfassung zu streichen, wo er als eines der Fundamente des Staates genannt wird. Die Zuhörer applaudieren: „Es lebe Kroatien!“

Lasche Kontrollen

Es ist eine jener politischen Reden, die eigentlich untersagt sind. Genauso wie Alkohol oder andere Fahnen als die offizielle kroatische Staatsflagge. Seitens der Ordner werden die Auflagen – freundlich formuliert – eher stichprobenhaft kontrolliert. Ein Pärchen, das das Emblem der rechtsextremen paramilitärischen HOS-Brigaden aus den 90ern – die sich in der Tradition der Ustascha sahen – auf seinen T-Shirts trägt, darf nicht zur offiziellen Gedenkveranstaltung. Sie wundern sich. Die Shirts haben sie doch erst letztes Jahr gekauft – hier in Bleiburg. „Was soll’s“, sagt derweil ein Mann Mitte 50. „Wir tragen das U im Herzen.“ U wie Ustascha.

„Wir haben das ja alles so selbst nie gewollt“, betont Pfarrer Ante Kutlesa. Die Bierzelte, die Ustascha-Lieder, die T-Shirts. Der Bleiburger Ehrenzug war im Vorfeld darum bemüht, die Wogen zu glätten. Es hätte sich immer nur um eine kleine Minderheit gehandelt. Ein Mitorganisator erklärte sogar, dass kroatische Journalisten Provokateure einschleusten und Zwischenfälle inszenierten. Warum seine Organisation nicht früher gegen solche Umtriebe vorgegangen sei – Pfarrer Kutlesa hat eine Erklärung: „Man versucht immer den Menschen entgegen zu kommen. Auf humane Art und Weise. Wenn ich hergehe und sage, ich will mit ihnen nichts zu tun haben, wie würden sie dann reagieren?“

Die Messe selbst wird von einem anderen Kirchenmann gehalten: Zelimir Puljic, Erzbischof von Zadar. Bereits als die katholische Kirche 2003 die Patronanz über die Veranstaltung übernahm, leitete er den kirchlichen Teil. Vor drei Jahren forderte er ein Referendum in Kroatien, um den Ustascha-Gruß „Za dom spremni“ zum offiziellen Gruß der Armee zu machen. Puljic hält eine lange Ansprache, in der viel von den „unschuldigen Opfern“ von Bleiburg die Rede ist - die Zeit von 1941 bis 1945, in der die Ustascha Hundertausende ermordeten erwähnt er nicht. Die Geschichtsschreibung von Bleiburg, sie beginnt erst im Mai 1945.

Seiner Predigt lauscht die versammelte kroatische Politikprominenz. Abgeordnete des Parlaments, darunter der ehemalige Kulturminister Zlatko Hasanbegovic, der in den 90ern einer Ustascha-Nachfolgeorganisation angehörte und gefallene Ustascha-Soldaten als „Märtyrer“ bezeichnete. Die alte Allianz zwischen kroatischem Nationalismus und kroatischem Katholizismus, in Bleiburg wird sie Jahr für Jahr aufs neue beschworen. Darin besteht der eigentliche Sinn der ganzen Veranstaltung.

Später werden sich Puljic und Hasanbegovic vor dem Gedenkstein neben der Kapelle verneigen. Das schwarze Mahnmal ist ein Symbol der Doppelzüngigkeit, welche die ganze Veranstaltung kennzeichnet. Die kroatische Inschrift spricht von „Ehre und Ruhm der gefallenen kroatischen Armee“. Die deutsche Übersetzung darunter nur vom „Gedenken an die gefallenen Kroaten“.

Kurz nach 13 Uhr sorgt ein Regenschauer dafür, dass sich die Versammlung auf dem Feld zügig auflöst. Ein Sprecher der Polizei gibt gegenüber den Medien zu Protokoll, dass die Veranstaltung noch ausgewertet werden müsse, ehe man etwas über Vorkommnisse sagen könne. Fünf Meter von ihm entfernt steht ein Mann, der das Konterfei von Ustascha-Führer Ante Pavelic auf dem T-Shirt trägt. Am Ende des Tages wird die Polizei von sieben Festnahmen und neun Anzeigen nach dem Verbotsgesetz sprechen. Die österreichische Nachrichtenagentur APA meldet: „Kroaten-Treffen in Bleiburg ohne Zwischenfälle“.

Auf der Zufahrtsstraße oberhalb des Loibacher Felds stehen derweil Bischof Puljic und Ex-Kulturminister Hasanbegovic unter den Regenschirmen, die von ihren Personenschützern gehalten werden, im trauten Plausch beisammen. Nach ein paar Minuten geht jeder zu seinem Wagen. „Ajde, vidimo se!“, ruft Hasanbegovic dem Bischof zu. „Wir sehen uns!“

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