Gastbeitrag
Politik

Rohingyas benötigen mehr Hilfe

Von Jennifer Bose
15:04

Familienmitglieder wurden getötet, Häuser wurden abgebrannt, komplette Gemeinden wurden vertrieben. Ende August 2017 flohen Hunderttausende Menschen vor Gewalt in Myanmar nach Bangladesch. Seitdem leben sie in völlig überfüllten Flüchtlingscamps. Care-Mitarbeiterin Jennifer Bose war für die Hilfsorganisation im letzten Jahr mehrfach vor Ort. Zum Jahrestag der Flucht schildert sie ihre Eindrücke aus Bangladesch und erklärt, was in Zukunft für die Menschen getan werden muss.

Als ich zum zweiten Mal das Potibonia Camp im Süden von Bangladesch betrete, treffe ich auf eine Menschenmasse an Flüchtlingen. Mittendrin befinden sich Männer, die Zettel mit folgender Aufschrift in ihren Händen halten: „We want rights to return to our country“. (Wir fordern das Recht ein, in unsere Heimat zurückkehren zu können). Darunter sind neun Forderungen aufgelistet. Ganz oben steht die Forderung nach der Anerkennung ihrer Staatsbürgerschaft.

Laut eines Gesetzes von 1982 gibt es 135 einheimische Bevölkerungsgruppen in Myanmar, doch die Flüchtlinge zählen nicht dazu. Seit Jahrzehnten gehören sie zu einer Minderheit in Myanmar, die verfolgt und staatlich nicht anerkannt wird. Die Menschen mit den Zetteln in den Händen haben in ihrer Heimat keinen Anspruch auf die burmesische Staatsangehörigkeit – und damit auch keinen Zugang zu Bildung oder dem Arbeitsmarkt.

Viele der Flüchtlinge, die ich Potibonia treffe, leben seit über einem Jahr in einem völlig überfüllten Camp. Als ich frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, antworten einige von ihnen: „Ich würde lieber sterben als nach Myanmar zurückzugehen.“ Andere hingegen geben die Hoffnung auf eine Rückkehr nicht auf, vorausgesetzt es herrsche Frieden und ein sicheres Rechtssystem in ihrer Heimat. Die Menschen wünschen sich das Elementarste: die Anerkennung ihrer Grundrechte, so wie wir sie hier in Deutschland zu schätzen wissen. Dazu gehört, dass sie sich innerhalb der Landesgrenzen frei bewegen können, Arbeitnehmerrechte erhalten und das Recht haben, Land zu erwerben.

Anfang dieses Jahres machten sich Gerüchte über eine erzwungene Rückkehr breit. Das löste Aufruhr und Panik in den Camps aus. Als ich im Februar vor Ort war, wollten sich viele der Flüchtlinge nicht mit mir unterhalten, zu groß war die Angst davor, Informationen preiszugeben und abgeschoben zu werden. Heute, ein Jahr nach der Ankunft von hunderttausenden Flüchtlingen in Bangladesch gibt es Bestrebungen von den Regierungen in Myanmar und Bangladesch, zusammen mit den Vereinten Nationen (UN) für bessere Lebensbedingungen in Rakhine-Staat zu sorgen. Die Rückkehr der Menschen sollte freiwillig und in Sicherheit und Würde geschehen. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg, zu dem auch die Einhaltung der Menschenrechte und die Erteilung einer Staatsbürgerschaft gehören.

Zur freiwilligen Rückkehr gibt es kaum Alternativen. Das Megacamp Kutupalong in Bangladesch platzt aus allen Nähten. Internationale Standards geben mindestens 45 Quadratmeter Nutzfläche pro Person vor, in Kutupalong liegt sie bei gerade einmal bei 10,7 Quadratmetern. Die dichte Besiedlung schränkt die Lebensqualität der Menschen ein und erhöht das Risiko für den Ausbruch von Krankheiten wie Cholera. Immer wieder kommt es auch zu gewalttätigen Konflikten oder Sexualstraftaten. Es ist kaum denkbar, dass Flüchtlinge dort längerfristig leben können.

Das letzte Jahr hat auch gezeigt, dass selbst das weltweit größte Flüchtlingscamp nicht dazu geschaffen ist, über 700 000 Flüchtlingen eine sichere Unterkunft zu bieten. Während der Regenzeit kam es zu Überschwemmungen und Erdrutschen, die Tausende von Behausungen an den gerodeten Hügeln des Camps mit sich rissen und teilweise komplett zerstörten.

Knapp 50 000 Menschen waren davon betroffen. Hilfsorganisationen wie Care unterstützten die Menschen schon vor der Regenzeit mit Baumaterial und Trainings zum Aufbau stabiler Unterkünfte. Damit konnte in einigen Camps Schaden abgewendet werden. Doch es fehlten die finanziellen Mittel, dem großen Bedarf der Menschen in kürzester Zeit gerecht zu werden.

Die internationale Gemeinschaft darf die Flüchtlinge nicht vergessen. Einer ganzen Generation steht eine ungewisse Zukunft bevor, wenn wir nicht handeln. Deutschland und die EU-Staaten sollten sich aus humanitären Gründen stärker dafür einsetzen, dass die Menschen in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren können. Das setzt voraus, dass Myanmar den Hilfsbedürftigen eine sichere Rückkehr ermöglicht und ein Leben ohne Repressionen garantiert. Bis dahin benötigen die Camps mehr Hilfen und insbesondere finanzielle Unterstützung.

Jennifer Bose ist Nothelferin der Hilfsorganisation Care.

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