Gastbeitrag
Politik

Therapeutische Berufe aufwerten

Von Maria Klein-Schmeink
10:53

Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden verdienen oft kaum genug, um über die Runden zu kommen. Besonders betroffen sind Selbstständige und Angestellte in kleinen Praxen. Die Misere beginnt schon in der Ausbildung. Es gibt keine Ausbildungsvergütung wie im Handwerk oder auch in der Pflege, häufig wird sogar Schulgeld fällig. Nach Abschluss der Ausbildung dürfen zudem viele Therapien (etwa Manuelle Therapie in der Physiotherapie) nicht angewendet werden, weil dafür Zertifikate notwendig sind, die erst in einer weiteren, teuren Weiterbildung erworben werden müssen. Der Start in den Beruf ist meist mit Schulden von 20 000 Euro und mehr belastet.

Wer dann eine kleine Praxis eröffnet, lebt häufig weiter am Rande der Armut. Von dieser Arbeit eine Familie zu ernähren oder gar fürs Alter vorzusorgen ist illusorisch. Der Logopädenverband Logo Deutschland hat in diesem Jahr mit dem Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen ein vielbeachtetes Gutachten zur Einkommenssituation selbstständiger Logopädinnen und Logopäden vorgelegt. Demnach kommen Inhaberinnen und Inhaber einer logopädischen Einzelpraxis bei einer Arbeitszeit von 39 Stunden auf einen Bruttomonatslohn von 1 661 Euro. In den anderen therapeutischen Berufen sieht es ähnlich aus.

Grund dafür sind die Vergütungen für die therapeutischen Leistungen. Sie sind viel zu niedrig. So erhält ein Physiotherapeut für 20 Minuten Krankengymnastik in Hessen derzeit 17,55 Euro. Allerdings wird, anders etwa als bei Ärzten, nur die Zeit mit dem Patienten vergütet. Das Gespräch mit dem Patienten, die Vor- und Nachbereitung des Arbeitsplatzes, Dokumentation und Praxisorganisation werden nicht vergütet. Für Hausbesuche werden von den Krankenkassen so geringe Fahrtkosten entgolten, dass Praxen sich nicht viele solcher Patientenbesuche leisten können. Für immobile Patienten bedeutet das: keine Therapie.

Das wird so nicht mehr lange gutgehen. Viele Therapeutinnen und Therapeuten werden ihre Praxis aufgeben müssen und sich etwas anderes suchen, das mehr Geld bringt. Junge Menschen vor der Berufswahl werden sich gut überlegen, ob sie sich das wirklich antun wollen. Der Fachkräftemangel wird sich verstärken. Doch die meisten Therapeuten lieben ihre Arbeit. Sie kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen und werden immer lauter. Sie schließen sich in Bündnissen wie „Therapeuten am Limit“ zusammen und veranstalten bundesweite Aktionen.

Auf den zunehmenden öffentlichen Druck hat Gesundheitsminister Jens Spahn nun mit einer Einladung an die Verbände der Heilmittelerbringer am 13. September reagiert. Er möchte mit ihnen darüber sprechen, wie ihre Anliegen und Probleme konkret verbessert werden können. Doch für solche symbolischen Gesten ist es zu spät.

Zumal im Koalitionsvertrag von einer Abschaffung des Schulgelds und einer Aufwertung der Gesundheitsberufe die Rede ist. Die Probleme sind bekannt. Hätte Jens Spahn den Therapeutinnen und Therapeuten nur einmal richtig zugehört, wüsste er, wo es hakt und was zu tun ist: Die Aus- und Weiterbildungskosten sind zu hoch, die Vergütung ist unzureichend, Altersarmut droht, die Anerkennung ist gering, die Bürokratie läuft aus dem Ruder.

Es ist zu befürchten, dass der Gesundheitsminister eine Hinhaltetaktik fährt. Wie die Antwort auf unsere Kleine Anfrage zeigt, liegt die Umsetzung der Versprechen aus dem Koalitionsvertrag in weiter Ferne. Die Abschaffung des Schulgelds soll in einem Gesamtkonzept zu Ausbildungsfragen angegangen werden. Zur Aufwertung der Gesundheitsberufe gibt es gar keine Ideen.

Jens Spahn muss den Therapeuten echte Angebote machen. Wir fordern: Sofortige Schulgeldfreiheit und Einführung einer Ausbildungsvergütung. Die Vergütungen der Selbstständigen müssen mindestens eine Höhe erreichen, die sie mit der Handwerkerstunde vergleichbar macht, die tariflichen Einkommen angestellter Therapeuten müssen ihre hohe Qualifikation und beständige Fortbildung widerspiegeln.

Die akademische Ausbildung soll regelhaft verankert und im Zuge dessen auch der Direktzugang erprobt werden. Patienten können direkt einen Heilmittelerbringer aufsuchen, ohne Umweg über den Arzt. In vielen Ländern ist das bereits gang und gäbe. Die Blankoverordnung, bei der der Arzt die Verordnung ausstellt, die Therapeuten jedoch über Art, Dauer und Frequenz der Therapie entscheiden, sollte sofort in die Regelversorgung überführt werden. Therapeuten können viel mehr als sie dürfen. Das sollten wir ihnen zugestehen und sie für diese Leistung auch angemessen vergüten. Sonst sieht es düster aus für die Versorgung unserer alternden Gesellschaft.

Maria Klein-Schmeink ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion.

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